Gerhard Riegler: Lesekompetenz

Am 11. September hat die OECD um 11:00 ihre diesjährige Ausgabe der „Education at a Glance“-Studie präsentiert. Österreichs Grüne diagnostizierten prompt „die geringen Chancen auf einen Bildungsaufstieg in Österreich“ (1). AK-Präsident Tumpel konstatierte, dass unsere Jugend „nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten“ dürfe. (2) Standard-LeserInnen erfuhren sofort, dass die von Schmied beabsichtigte Erhöhung der Lehrverpflichtung „befeuert“ werde (3). Am schnellsten aber war dieses Jahr die Redaktion von „Heute“: „Heute nächste Ohrfeige für die Bildungspolitik!“, titelte dieses Organ bereits Stunden vor der Präsentation.

Ich habe „etwas“ länger für das Studium der 570 Seiten umfassenden Studie benötigt, dafür habe ich sie aber tatsächlich gelesen. Ein paar Belege:

  • Apropos „Bildungsaufstieg“: In Österreich haben nur mehr 18 % der 25- bis 64-Jährigen keinen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II. Im OECD-Mittel sind es noch 26 %, im Gesamtschulland Frankreich sogar 29 %. Die daraus resultierenden Arbeitslosendaten sind bekannt.
  • Apropos „Kosten“: 42 % der Sekundarstufen-LehrerInnen sind jenseits der 50 und somit aufgrund des steilen Gehaltsstaffels nicht mehr im Bereich der für AkademikerInnen beschämend niedrigen Anfangsbezüge. Ein Dienstgeber, der es seit Jahrzehnten nicht schafft, Anfangsbezüge zu erhöhen und den Verlauf zu verflachen, darf uns seinen Mangel an Weitblick nicht vorwerfen.
  • Apropos „Arbeitszeit“: Dass in diesen Tagen keiner der üblichen Verdächtigen auch nur ein Wörtchen über Finnland verliert, ist leicht zu erklären: Finnlands LehrerInnen unterrichten weniger Stunden – und das in kleineren Klassen und unterstützt von Supportpersonal in einem Umfang, von dem wir wohl noch länger träumen werden.
  • Apropos „Migration“: 15-Jährige, deren Erstsprache nicht die Unterrichtssprache ist, fallen bezüglich der Lesekompetenz in Finnland stärker ab als in Österreich.
  • Apropos „Arbeiterkammer“: Österreichs Schulwesen ist durch einen sehr geringen Anteil privater Ressourcen geprägt. Aus Steuergeldern werden 95,7 % der Kosten finanziert, die Eltern unserer SchülerInnen tragen 2,9 % der Gesamtkosten. In Großbritannien werden nur mehr 78,7 % der Kosten für das Schulwesen über Steuern bedeckt. Meint Tumpel dieses „Hintertreffen“?

Apropos „Lesekompetenz“: Schnell mögen sie beim Lesen sein, unsere „ExpertInnen“, bei der Sinnerfassung hapert es aber noch gewaltig.

(1) http://www.gruene.at am 11.9.2012

(2) Presseaussendung vom 11.9.2012, 12:37

(3) http://www.standard.at am 11.9.2012

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Lesekompetenz

  1. Danke, Gerhard Riegler, dass Du uns Deine Lesekompetenz wieder einmal nächtelang zur Verfügung gestellt hast. Denn nur so kannst Du die 570 Seiten sinnerfassend gelesen haben.

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