Ein statistischer Hasenbraten

Wenn ich mir manche Reaktion auf die erst vorgestern präsentierte Studie „Education at a Glance 2012“ ansehe, schießen mir eine Reihe von Gedanken durch den Kopf. Einige salonfähige möchte ich mit Ihnen teilen:

Mein tiefer Respekt gilt den vielen PolitikerInnen, JournalistInnen und „ExpertInnen“ (Das soll nicht heißen, dass ich nicht so manche der Erstgenannten zu den Letztgenannten zähle.), die sich nur Minuten nach der Präsentation bereits tiefsinnig zur Studie äußern können. Ich wäre nicht in der Lage (und auch niemand in meinem Team), in so kurzer Zeit eine fast 570 Seiten umfassende Studie zu lesen, geschweige denn genau zu analysieren. Chapeau, meine Damen und Herren!

Kurz beschleicht mich der Verdacht, hier könnten Personen über etwas sprechen, von dem sie keine Ahnung haben. Aber dieser subversive Gedanke verflüchtigt sich natürlich sofort, wenn ich an das Vertrauen denke, das die österreichische Bevölkerung unseren PolitikerInnen schenkt (1), an die Seriosität österreichischer Boulevardmedien oder an die bildungswissenschaftliche Expertise von Personen wie dem Verwaltungsjuristen Schilcher, dem großindustriellen „Steuertrickser“ (© Dr. Andreas Unterberger) Androsch oder dem esoterischen Betriebswirten Salcher.

Nicht ganz so leicht lässt sich mein Zweifel an der Validität der Zahlen vertreiben, die die OECD präsentiert. Ob das an den Daten liegt, die der OECD geliefert werden, oder an der Aufarbeitung derselben, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls ist mir beim Durchblättern der Studie aufgefallen, dass die OECD als „estimated class size“ in Österreich in der Sekundarstufe I für 2010 14,7 SchülerInnen angibt. Der „Zahlenspiegel 2010“ des BMUKK weist für denselben Zeitraum eine durchschnittliche Klassengröße von 20,8 SchülerInnen in der Hauptschule, 20,7 SchülerInnen in der NMS und 25,3 SchülerInnen in der AHS aus. Selbst die durchschnittliche Klassengröße lag in der AHS-Unterstufe also über der gesetzlichen Klassenschülerhöchstzahl 25! Eindrucksvoller lässt sich der permanente Rechtsbruch durch BM Schmied wohl nicht dokumentieren.

Eine abschließende Assoziation, die sich mir – warum nur? – bei OECD-Studien immer wieder aufdrängt: Ein Jäger, der beim ersten Schuss links und beim zweiten gleich weit rechts neben dem Hasen vorbeischießt, kann sich über einen statistischen Hasenbraten freuen. De facto hat er aber nur heiße Luft im Backrohr.

(1) 5 % der befragten ÖsterreicherInnen schenken unseren PolitikerInnen „sehr hohes“ bzw. „ziemlich hohes“ Vertrauen.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Ein statistischer Hasenbraten

  1. Als der letzte Band von Harry Potter erschien, las ein englisches Mädchen diesen Wälzer in weniger als 50 Minuten. Daher keine Unterstellungen, die Politiker können das sicher genauso schnell! Also theoretisch…

  2. Die hier zitierte Studie hat 438 Seiten:
    OECD (2013), Education at a Glance 2013: OECD Indicators, OECD Publishing.
    http://dx.doi.org/10.1787/eag-2013-en

    Anmerkung Quin: „Meine“ Ausgabe 2013 weist als letzte Seitenzahl „436“ aus, aber auf diese Studie beziehe ich mich nicht, wie leicht aus dem Erscheinungsdatum meines Blogeintrags zu erkennen ist. Ich habe ihn anlässlich der Präsentation im Vorjahr verfasst. Da PolitikerInnen und JournalistInnen jedes Jahr dasselbe schreiben, tue ich es auch. 😉

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