Gerhard Riegler: Alle Macht den Häuptlingen?

Geht es nach der präsumtiven schwarz-grünen Landesregierung Vorarlbergs, droht dem Gymnasium in Ländle ein „Tod auf Raten“. Auf ein für vier Jahre verordnetes Zwangskoma für die gymnasiale Unterstufe soll offensichtlich dessen anschließendes Begräbnis erster Klasse folgen. Getarnt wird der Anschlag auf das Gymnasium als „Forschungsprojekt“ mit anschließendem „Schulversuch“ …

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Die zwischen den beiden Herren Wallner und Rauch angeblich bereits paktierte „Modellregion Gemeinsame Schule“ tritt die Meinung der Vorarlberger Bevölkerung mit Füßen. Wie Michaela Germann, die Vorsitzende der ÖPU Vorarlberg, in ihrer Reaktion auf diesen Anschlag feststellt, hat sich im Ländle erst vor knapp zwei Jahren der Standpunkt der Betroffenen klar gezeigt: Innerhalb von 48 Stunden ist die politisch geplante „Modellregion Lustenau“ am geschlossenen Widerstand von SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen gescheitert.

Dass sich Wallner und Rauch nach dieser Pleite jetzt trickreich um die Zustimmung der betroffenen Schulpartner drücken wollen, empört Michaela Germann zurecht: „Wenn ein Schulstandort einen Schulversuch starten will, kann er das mit der entsprechenden Mehrheit von Schülern, Eltern und Lehrer beschließen, beim Unterrichtsministerium beantragen und durchführen.

Doch hier soll mit einer unglaublichen Arroganz Schulautonomie, von PolitikerInnen in Sonntagsreden gerühmt, mit Füßen getreten werden. „Der Vorstoß in Richtung einer ‚Modellregion gemeinsame Schule Vorarlberg‘ zielt nämlich darauf ab, die Mitbestimmung der betroffenen Schulpartner zu beseitigen und daraus eine rein politische Entscheidung zu machen“, so die ÖPU-Vorsitzende Vorarlbergs. Das schwarz-grüne Gymnasialbeseitigungsbündnis sollte allerdings den Champagner noch im Kühlschrank lassen. Denn die Zeiten Ludwig XIV. sind vorbei …

Was Wallner und Rauch geflissentlich verschweigen: Bei Einführung der Gesamtschule treten bildungsaffine Eltern, die es sich leisten können, die Flucht in gewinnorientierte, sündteure Privatschulen an. Für tausende Pfund bzw. Dollar pro Monat gibt es in Gesamtschulstaaten wie Großbritannien oder den USA höhere Bildung zu kaufen. Oder glauben die beiden Herren allen Ernstes, in Österreich die Gründung derartiger Schulen verbieten zu können? Aber vielleicht ist das ja sogar die Intention. Denn über gewinnorientierte Privatinstitute sind die höchsten Renditen zu erzielen.

Während sich westlich des Arlbergs der Absolutismus aus seinem Grab erhebt, meldete sich auf der anderen Seite des Arlbergs am Donnerstag Widerstand durch eine neu gegründete Initiative „Pro Gymnasium“ zu Wort: Der Erhalt des achtjährigen Gymnasiums, die Vielfalt des Angebots für eine Vielfalt der Begabungen und Interessen stehen ebenso auf deren Agenda wie die Erhaltung der Wahlmöglichkeit für Eltern.

Wer höhere Bildung nicht zum Privileg weniger Wohlhabender werden lassen will, sondern Österreichs wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand zu schätzen weiß, lässt das öffentlich finanzierte Gymnasium nicht zertreten. Eine Unterschrift auf www.progymnasium.at ist ein erster Schritt zivilen Widerstands gegen eine Politik, die die Bevölkerung mit Füßen tritt! Die Tiroler Initiative bittet um Unterstützung, braucht und verdient sie – aus ganz Österreich.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

4 Antworten zu “Gerhard Riegler: Alle Macht den Häuptlingen?

  1. Sehr geehrter Herr Riegler!
    Moment mal! Bitte sauber argumentieren, auch wenn’s schwer fällt.
    Hier und jetzt hängt der Zugang zum Gymnasium klar mit dem Einkommen und dem Bildungsgrad der Eltern zusammen (Nachhilfe will bezahlt werden; nicht berufstätige Elternteile, die Aufgabenbetreuung betreiben, werden immer mehr zum Privileg der Wohlhabenden, etc.).
    Teure Privatschulen für die gehobene Parallelgesellschaft gibt es auch jetzt schon. Außerdem haben viele bildungsaffine Eltern gar nichts gegen die Gesamtschule.
    Und besonders wichtig ist mir das Argument: eine Zwangseinteilung in NMS oder Unterstufe mit mittlerweile 9 Jahren wird der Vielfalt der Bedürfnisse der einzelnen Kinder überhaupt nicht gerecht. Ein einheitliches System, das aber in sich individuelle Betreuung erlaubt (natürlich durch wesentlich mehr Ressourcen), könnte das besser!
    Soweit meine Meinung.
    MfG,
    R. Bösch

    • Sehr geehrte Frau Bösch,
      sehr gerne ergänze ich meine Argumentation und hoffe, dass sie dann auch von Ihnen als sauber empfunden wird:

      ad Nachhilfe:
      Mathematiknachhilfe bekommen von den bei PISA 2012 getesteten 15-Jährigen in Österreich 23 %, in Finnland 47 % und in Italien 53 %. Diese Zahlen stammen aus der PISA 2012-Datenbank der OECD und sind dort zu überprüfen.
      In Summe werden in Österreich für Nachhilfe laut der von der Arbeiterkammer in Auftrag gegebenen und im Frühsommer präsentierten Nachhilfe-Studie pro SchülerIn etwa 7,9 Euro im Monat ausgegeben.
      Europaweit am meisten wird übrigens im Gesamtschulstaat Frankreich für Nachhilfe ausgegeben, nämlich pro SchülerIn mehr als das Dreifache Österreichs. (Salzburger Nachrichten vom 4. Juni 2011)

      ad „nicht berufstätige Elternteile, die Aufgabenbetreuung betreiben, werden immer mehr zum Privileg der Wohlhabenden“:
      Mir sind keine Daten zu einem Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass Elternteile nicht berufstätig sind, und der, dass ihre Kinder ein Gymnasium besuchen oder nicht, bewusst. Wenn Sie welche kennen, bitte ich Sie um Information, wo sie zu finden sind.

      ad „teure Privatschulen für die gehobene Parallelgesellschaft“:
      Österreichs Schulwesen zeichnet sich dadurch aus, dass es dieses Phänomen noch sehr selten gibt, was nicht heißt, dass es Österreichs inferiorer „Schulpolitik“ nicht „gelingen“ könnte, dies für die Zukunft zu ändern. Für mich wäre es ein Horror, wenn wir dort landen, wo man inzwischen z.B. in Europas traditionsreichstem Gesamtschulland angekommen ist, nämlich dass sich eine (dort gar nicht mehr so kleine) „gehobene Parallelgesellschaft“ um ein monatliches Schulgeld, das weit über dem Einkommen eines Durchschnittsbürgers liegt, höhere Bildung für ihre Kinder kauft, weil sie staatlich nicht angeboten wird.
      In Großbritannien ist der Anteil der Schulkosten, den Eltern zu tragen haben, nicht weniger als vier Mal so groß wie der in Österreich. Nachzulesen in der aktuellen Ausgabe der OECD-Studie „Education at a Glance 2014“.

      ad „Außerdem haben viele bildungsaffine Eltern gar nichts gegen die Gesamtschule“:
      „Viele“ ist relativ. Die Umfragen, die seit Jahren diesbezüglich durchgeführt werden, sprechen jedenfalls eine sehr klare Sprache.

      Ihre weiteren Ausführungen drücken Ihre persönliche Meinung aus, die ich mit meiner Antwort zu den konkreten Behauptungen vielleicht relativieren konnte.

      Herzliche Grüße
      Gerhard Riegler

  2. Clemens

    Ein interessanter Beitrag dazu:

    http://www.andreas-unterberger.at/2014/09/die-stunde-der-dilettanten/

    Zitat: „Ausnahmslos alle diese genannten Schulen müssten in eine Gesamtschule umgewandelt werden, und die Unterstufen der erwähnten Gymnasien müssten aufgelöst werden. Ein Insider fragte bei einem der Landeshauptmänner an, wie denn die Sache einer Modellregion logistisch ablaufen solle. […] Die Antwort war kurz und ergreifend, dass keine konkreten (in Wahrheit gar keine) Pläne vorlägen.“

    Köstlich! Hannes Androsch, Andreas Salcher und Bernd Schilcher als „System eins-Bildungsexperten“. Lesenswert!

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