Alternativlos

Es ist schnell gegangen im Ländle. Nur zwei Wochen nach der Landtagswahl ist die schwarz-grüne Koalition praktisch besiegelt. „Sowohl die ÖVP als auch die Grünen bekennen sich zur gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen als landesweitem Schulversuch“, entnehme ich den Medien. (1)

many different euro bills. photo icon for wealth and investment

Was die Befürworter (2) der Gesamtschule gerne verschweigen: Eine Gesamtschule ist dann und nur dann eine Gesamtschule, wenn sie alternativlos ist, also wenn ausnahmslos alle Schüler eines bestimmten Alters diese besuchen müssen. Die Einführung der Gesamtschule – auch nur im Schulversuch – geht daher zwingend mit der Abschaffung von Gymnasien, Hauptschulen, Neuen Mittelschulen, Sonderschulen, Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Hand in Hand. Egal ob hochbegabt oder mit extremem sonderpädagogischen Förderbedarf, alle sollen, ja müssen gemeinsam miteinander lernen.

Man kann in einer westlichen Demokratie wohl die staatliche Gesamtschule einführen, aber keine Privatschulen verbieten. Und so flüchten alle, die es sich leisten können, aus dem dann schlechten öffentlichen ins gute private Schulwesen – unter immensem finanziellen Aufwand. Im traditionsreichen Gesamtschulland Großbritannien finanzieren die Eltern mit ihrem Schulgeld 11,2 % der Kosten des Schulwesens (Österreich 2,8 %). (3) 7,8 % der 15-Jährigen besuchen dort frei finanzierte Privatschulen (Österreich 1,1 %). (4) Und das britische Schulgeld ist mit dem, das derzeit an Österreichs Privatschulen zu bezahlen ist, nicht zu vergleichen. Aber auch bei uns geht es schon los. In der International School St. Gilgen fällt neben der wohlfeilen Antragsgebühr von bloß 200 Euro und der nicht unbeträchtlichen Einschreibgebühr von 3.500 Euro ein jährliches Schulgeld von bis zu 42.500 Euro an. Fürs Vollinternat muss man nochmals 21.000 Euro drauflegen. (5)

Fazit: In Vorarlberg möchte die neue Koalition Eltern und ihren Kindern die derzeit bestehenden Wahlmöglichkeiten rauben und qualitätsvolle Bildung den Kindern vermögender Eltern vorbehalten. Nur diese haben eine Alternative. Alle anderen haben sie erst bei der nächsten Landtagswahl …

(1) Realität straft Klischees Lügen. In: ORF online vom 6. Oktober 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2014. OECD Indicators (2014), Table B3.1.

(4) Education at a Glance 2014, Table C7.2.

(5) http://www.stgis.at/admissions/fees-and-charges.html

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


17 Gedanken zu “Alternativlos

    1. Der Artikel ALTERNATIVLOS ist wohl Polemik pur. Habe schon lange nichts mehr so Unausgewogenes gelesen, Noch dazu von einem Lehrer verfasst. War selber mal einer. Armes Österreich.

      Anmerkung Quin: Gott sei Dank ist zumindest dieser Kommentar inhaltsreich und bar jeder Polemik 😉

    2. „…bzw. wir beginnen rechtzeitig für unsere (ev noch ungeborenen) Enkel ein Schulkonto anzulegen….“
      DAS ist ja der wichtigste Knackpunkt der in allen Ländern mit langen Gesamtschulzeiten auftritt.
      Privatisierungstendenzen (wie in der AHS diverse kostenpflichtige externe „Führerscheine“), die das von der Auslegung her gute öffentliche Bildungswesen immer stärker zu unterlaufen beginnen, haben wir in der Postsekundären Ausbildung nach der Matura ja schon in weit stärkerem Maße. Auch weil sich die Hochschulen damit Drittmittelfinanzierung sichern müssen – von Auslandsstudien ganz zu schweigen (aber bei diesen zinsen heute ist eine derartige Investition bei den eigenen Kindern wohl ohnedies renditeträchtiger). Mich wundert etwa auch bei den Preisen der Donau-Uni, welche Junglehrer sich solches leisten können…

    3. Ich frage mich immer mehr, wen Kollege Quinn und Co eigentlich vertreten und wie blind man gegenüber gesellschaftlichen und inhaltlichen Veränderungen sein kann. Ich würde mich wirklich über eine gewerkschaftliche Vertretung freuen. Ich habe allerdings immer stärker den Eindruck, das hier potemkinsche Wagenburgen errichtet werden die genau das beschleunigen, was sie verhindern sollen. Bedauerlich eigentlich.

      Anmerkung Quin: Dass ein Grünpolitiker einen solchen Kommentar schreibt, ist nicht weiter verwunderlich. Die AHS-Gewerkschaft ist eine der am stärksten wachsende Gewerkschaft. So unzufrieden können die von mir vertretenen LehrerInnen mit dem Kurs der AHS-Gewerkschaft wohl nicht sein. Aber zweifellos kann man es nicht allen recht machen.

      1. Na schau, wenigstens können Sie googeln. Grünpolitiker ist zuviel der Ehre, Parteigänger triffts schon eher. Ich bin Gewerkschaftsmitglied (war es auch schon bevor ich in den Schuldienst gewechselt bin) und würde mir in der Tat eine Vertretung wünschen, die eine Strategie verfolgt um die Zukunft der vertretenen KollegInnen bestmöglich abzusichern. Stures Beharren auf Althergebrachtem scheint mir da nicht wirklich das adäquate Rezept zu sein. Nach 12 Berufsjahren in (mehr oder weniger) schulfernen Bereichen relativiert sich halt einiges…

  1. Nun, die Privatschuldichte in Vorarlberg mit Sek1 ist überschaubar: es können ja nicht alle ins Collegium Bernardi gehen, und das ist, soweit ich sehe, die einzige derzeit. Im Umkehrschluss: das wäre eine gute Gelegenheit für Lehrkräfte mit Gründerambitionen, ein Privatgymnasium in Vorarlberg zu initiieren.
    Zum Vorbild Südtirol verweise ich gerne auf das Schulprogramm der größten Gesamtschule des Landes, der Mittelschule Oswald von Wolkenstein in Brixen. Sehr lesenswert, vor allem S. 4, die die entstehenden Realitäten in schlechten Gesamtschulsystemen gut aufzeigt: http://www.schule.suedtirol.it/ms-bx2/
    Die Modelle gut funktionierender Gesmtschulsysteme (samt deren perrsoneller und finanzieller Ausstattung) sind ja in Österreich offenbar kein Thema…

  2. „Man kann in einer westlichen Demokratie wohl die staatliche Gesamtschule einführen“ – dazu bräuchte es aber die Mehrheit des Volks, aber auf die wird gepfiffen!

  3. Interessant, dass die Linken, die sich angeblich so sehr für persönliche Freiheiten einsetzen, im Bildungswesen totalitären Einheitsbrei verordnen. Gleichmacherei auf Kosten der Wahlfreiheit. Und die ÖVP hat als Alternative abgedankt und sich auf diese Weise durchaus entbehrlich gemacht.

  4. Und wer sich in England das Schulgeld einer Privatschule nicht leisten kann, zieht mit Kind und Kegel in das Einzugsgebiet einer besseren Schule, um den Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Wer sich das auch nicht leisten kann, muss nehmen was übrig bleibt. Welche gesellschaftlichen Folgen das nach sich zieht, lade ich unsere Politiker und Experten ein, sich anzusehen. Eine Bildungsreise in den ärmeren Norden Englands ist da zu empfehlen!

  5. Ich zitiere aus der vor vier Wochen erschienenen OECD-Studie „Education at a Glance 2014 – Country Note United Kingdom“:

    „Private funding for all levels of education more than doubled in the United Kingdom – and nearly tripled for tertiary education – between 2000 and 2011.“ (OECD (Hrsg.), „Education at a Glance 2014 – Country Note United Kingdom“ (2014), Seite 5)

    Entweder ist man in Österreichs Politbüros so ignorant, all das wirklich nicht zu wissen, oder aber man bezweckt es. Beides ist erschreckend! Oder glaubt man gar, der Bevölkerung die Flucht ins elitäre Privatschulwesen verbieten zu können?

  6. Hallo Ihr Träumer da draußen, das ist halt der Lauf der Dinge und das sind die Auswirkungen eines Systems, das wir seit gut fünfzig Jahren vorantreiben. Wir genießen den Wohlstand, wenn wir daran teilhaben können, aber jammern über die Auswirkungen. Alle wollen alles und das möglichst gratis. Das gibt es nicht.
    Solange die Probleme nicht ganzheitlich gelöst werden, ist diese Schuldebatte scheinheilig. Wir müssten alle System ändern, aber das will wohl niemand, und eine total gerechte Welt, davon träumen die Kinder auch, nur die wird es nie geben.

  7. Es passt alles gut zusammen: Die neue Lehrerinnenausbildung (4 Jahre Pädagogik, dann Praxisjahr, dann oder gleichzeitig Masterstudium, Dauer
    1.5 Jahre – Fachwissen egal, steht ohnehin alles im Internet), das neue Gehaltsgesetz (unter dem derzeitigen Pflichtschullehrer Schema), zum Ausgleich eine erhöhte Lehrverpflichtung) und die Einführung der Gesamtschule (nicht mehr aufzuhalten) signalisiert, dass das österreichische Schulwesen von der schiefen Ebene jetzt in den freien Fall übergeht. Die Privatschulen werden sich freuen und sozialer Aufstieg über staatliche Bildungsinstanzen wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die bildungsaffine Mittel- und Oberschicht wird dann das öffentliche Schulwesen meiden und die Privatschulen werden sich die Lehrerinnen und Lehrer aus dem Ausland holen, vor allem dann für die Oberstufe AHS, wo z.B.1.5 Jahre Studium für Physik oder Mathematik ganz sicher nicht aus reichen werden. Die begabten Kinder aus der Arbeiterschicht werden dann das Nachsehen haben.Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin Absolvent des Gymnasiums für Berufstätige Wien (1962 alte Version mit 9 Semestern und Abschlussprüfungen in jedem Nicht-Schularbeitsfach) und Sozialdemokrat. Ich verstehe nicht, dass man dort die Falle der Gesamtschule noch immer nicht durchschaut.
    FH Hon. Prof. HR Mag. Dr. Detlef Schaffer, LSI i.R.

  8. Habe ich das richtig verstanden?
    Wenn man eine gymnasiale Unterstufe mit Latein ab der 3. Klasse in eine NMS umwandelt, dann killt man doch damit gleichzeitig die daraus erwachsende gymnasiale Oberstufe mit 6 Jahren Latein – also das, was früher „Neusprachliches Gymnasium“ bzw. „Humanistisches Gymnasium“ hieß?
    Die Wahlmöglichkeiten nach der 4. Klasse werden dadurch also erheblich eingeschränkt?
    Noch mehr MaturantInnen weg von der AHS in Richtung BHS?
    Wenn ich im Gasthaus anstatt von drei Menüs nur mehr zwei angeboten bekomme, dann ist das ein Fortschritt?

  9. Ich empfinde es höchst fragwürdig zu postulieren, eine Gesamtschule würde Kindern und Jugendlichen Chancen nehmen, da sie schlechter ausgebildet werden. Dies ist eine Annahme, kein Fakt. Jede Schule, egal welcher Art, steht und fällt mit den LehrerInnen und den SchülerInnen. Die Diversität unter Schülern zu erhöhen empfinde ich als notwendig, elitäres „wir sind besser als die anderen“ -Denken ist der Grund allen Übels.

    Bildungsreformperspektive aus Sicht der Jugendlichen und Kinder:

    http://daslohntwissen.wordpress.com/2014/10/01/idealismus-in-der-bildungsdebatte-ein-versuch-die-perspektive-der-kinder-und-jugendlichen-einzubringen/

    Anmerkung Quin: Es gibt zig bildungswissenschaftlichen Studien, die im Lauf der letzten Jahrzehnte von seriösen Institutionen wie dem Max-Planck-Institut durchgeführt wurden und belegen, dass das Vorurteil, eine spätere Bildungswegentscheidung wäre für die Kinder von Vorteil, längst widerlegt ist.

    Ich empfehle einen Blick auf http://www.bildungswissenschaft.at.

  10. Irgendwie auch lustig:
    Die (vermeintliche) Alternativlosigkeit der Machthaber führte bekanntlich zur Gründung der Alternative für Deutschland….(1)

    Aber Deutschland ist weit weg, und uns kann so was sicher nicht passieren….

    (1) Angeblich ist die deutsche Bundeskanzlerin, die immer wieder von der „Alternativlosigkeit“ sprach, ungewollte Namensgeberin dieser Fraktion.

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