Gerhard Riegler: Von Hellsichtigen und Blindwütigen

Julian Nida-Rümelin ist Philosoph. Julian Nida-Rümelin ist SPD-Mitglied, war Minister in der ersten Regierung Schröder und leitet seit 2010 die Grundwertekommission der SPD. Julian Nida-Rümelin lässt dennoch nicht sein Parteibuch für ihn denken, er nimmt sich das Recht heraus, sich über die Bildungspolitik in seinem Land eigenständig Gedanken zu machen und sie zu artikulieren.

bigstock-Creative-Power-44625271_blogJulian Nida-Rümelin hat als Philosophie-Professor in München die fatalen Folgen von „Akademisierungswahn“ und Bologna- Reform aus nächster Nähe miterlebt.

Julian Nida-Rümelin hat der F.A.Z. (1) ein Interview gegeben, das aufhorchen lässt:

„‚Wer es nicht bis zur Hochschulreife schafft, der ist gescheitert‘- das ist eine ganz gefährliche Botschaft.

„Gleicher Respekt vor allen Talenten. Jede Begabung ist gleichwertig, eine Elektrotechnikerin verdient die gleiche Anerkennung wie ein Professor oder ein Manager oder eine Erzieherin.“

Qualität bedeutet, dass „eine hochwertige Berufsausbildung weiter im dualen System erfolgt. Das kann aber nur funktionieren, wenn die Mehrzahl eines Jahrgangs weiter in die berufliche Lehre geht, nicht eine kleine Minderheit.“

„Was ich der Bildungspolitik aller Parteien – auch der SPD – vorwerfe, ist, dass sie einen Weg eingeschlagen hat, der dazu führen könnte, die einzigartige Qualität des deutschen Bildungssystems zu beschädigen oder zu zerstören – nämlich die Herausbildung einer exzellenten Facharbeiterschaft, die alle Schichten der Gesellschaft aufnimmt. Wir erleben ja gerade, dass ganz Europa in seiner Finanz- und Arbeitskrise neidisch auf Deutschland schaut – und auf sein Ausbildungsmodell.“

„Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie, dass das ganze Pisa-Programm auf berufliche Verwertbarkeit und nicht auf Persönlichkeitsbildung ausgerichtet ist: Warum bezieht sich Lesekompetenz in den Testfragen fast ausschließlich auf Gebrauchstexte und nicht etwa auf literarische Texte?“

Julian Nida-Rümelin sollte BildungspolitikerInnen aller Parteien zu denken geben, müsste sie zu einem Umdenken motivieren. Doch statt Hellsichtigkeit orte ich, zumindest hierzulande, weit verbreitete Blindwütigkeit. Möge den Bildungsverantwortlichen bald ein Licht aufgehen, sonst schaut es finster aus für die Zukunft unserer Jugend!

Dass sich manch Arbeitgebervertretung eine höhere Jugendarbeitslosigkeit herbeisehnt, lässt diverse Wortmeldungen verstehen. Verständnis aber habe ich für eine derart kaltblütige Interessensvertretung nicht.

(1) Christian Füller, „Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen“. In: FAZ Online vom 1. September 2013.

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