Ihre Exzellenz Claudia Schmied

Die schwüle Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dürfte der Unterrichtsministerin wilde Träume beschert haben. In einem davon erlebte sie offenbar die „schöne neue Schulwelt“ ohne Gewerkschaft und Personalvertretung.

Am Donnerstag früh erwachte sie in der harschen Realität und sang der Austria Presseagentur ihr Klagelied über die derzeitigen Zustände an Österreichs Schulen. Im „Standard“ las sich das so: „Momentan seien die Strukturen viel zu starr: ,Wenn ein Schulstandort die Lehrfächerverteilung macht, braucht das die Genehmigung der Gewerkschaft.‘“ Und als kommunalkrediterfahrene „Insolvenzexpertin“ setzte sie – spätestens jetzt glaubte ich zu träumen – noch knallhart nach: „In der Privatwirtschaft wäre das undenkbar. ,Jedes Unternehmen würde pleite gehen.‘“ (1)

Das Timing der Ministerin machte mich als Historiker nachdenklich, wurde doch erstmals mit dem Gesetz über die Errichtung von Betriebsräten vom 15. Mai 1919 der betrieblichen gewerkschaftlichen Vertretung in Österreich eine gesetzliche Grundlage gegeben. Exakt 94 Jahre später fordert eine sozialdemokratische Ministerin eine massive Beschneidung dieser Rechte, ohne auch nur eine Sekunde mit der linken Wimper zu zucken?!

Dass die seit sechs Jahren amtierende Ministerin noch immer nicht den Unterschied zwischen Personalvertretung und Gewerkschaft kennt, verblasst neben dieser unglaublichen Entgleisung: Geht es nach Claudia Schmied, gehören gesetzlich garantierte Mitwirkungsrechte von Dienstnehmern (2) abgeschafft. Viktor Adler, Anton Benya und mit ihnen viele Christgewerkschafter, die die Grundrechte der Mitbestimmung mühsam erkämpft haben, müssen in ihren Gräbern rotieren. „Die Schule bin ich!“ An diesem absolutistischen Herrschaftsanspruch würde Claudia Schmied ihre Amtsführung wohl gerne orientieren. (3)

Dass Dienstnehmerrechte Eure Amtszeit unbeschadet überstehen, dafür wird die Gewerkschaft sorgen, Eure Exzellenz!

(1) Claudia Schmied an Spindelegger: „Öffentlichen Dienst entfesseln“. In: Standard Online vom 16. Mai 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Siehe auch „Die „Bin-ich“-Mentalität“.

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Gerhard Riegler: Live small, educate big!

Wenn ein Paar sein erstes Kind bekommt, ist vielfach der Umzug in eine größere Wohnung angesagt. Ein Blick in die „New York Times“ vom 3. Mai überraschte mich: Amerikanische Eltern tun häufig genau das Gegenteil. Ist der Nachwuchs da, wird umgezogen, aber in eine kleinere Wohnung, oftmals noch dazu in einer weniger „angesagten“ Gegend. (1) Der Grund für dieses auf den ersten Blick unverständliche Verhalten liegt in der Sorge um eine gute Schulbildung für die Kinder.

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Länder mit Einheitsschulen weisen – im Gegensatz zur Behauptung der „Experten“-Propaganda – keineswegs homogene Schulqualität auf. Ganz im Gegenteil! In den USA ragen aus dem Meer der Gesamtschulen nur wenige qualitätsvolle Inseln heraus, auf die naturgemäß ein riesiger Andrang herrscht. Bildungsaffine Eltern stehen daher vor einem Dilemma, sofern sie nicht über exorbitante Einkünfte verfügen:

  • „Plan A“ zielt auf eine gute (d.h. in Schulrankings vorne liegende) öffentliche Schule, in deren Einzugsgebiet man umzieht, koste es, was es wolle. Wer weder die Mittel noch die Bonität vorweisen kann, um sich in einer solchen Gegend eine Wohnung oder ein Haus leisten zu können, versucht es oft mit kurzzeitigen Mietverträgen. Sobald der Nachwuchs in der Traumschule untergebracht ist, zieht man wieder in eine Gegend, die man sich leisten kann. Das Kind darf nach dem Motto „once you’re in, you’re in” in der Schule bleiben. Der dadurch längere Schulweg wird als Preis in Kauf genommen.
  • Für jene, denen dieses Umzugskarussell zu mühsam erscheint, gibt es den „Plan B“, der nur einen einzigen Umzug nötig macht, nämlich den am Beginn angesprochenen in eine billigere Behausung. Durch ihn werden die Mittel frei, die man braucht, um seinen Kindern den ultimativen amerikanischen Schultraum zu erfüllen: den Besuch einer Privatschule. „Live small, educate big“, nennt die „New York Times“ dieses Phänomen.

Ich frage mich, wie „Experten“, ohne rot zu werden, angesichts dieser Segregation im Gesamtschulland USA penetrant behaupten können, Gesamtschulen würden für eine soziale Durchmischung sorgen. Das genaue Gegenteil ist der Fall, weil Eltern eben nicht verlogenen „Experten“ vertrauen, sondern das Beste für ihre Kinder wollen.

(1) Siehe dazu Michelle Higgins, The Get-Into-School Card. In: The New York Times Online vom 3. Mai 2013.

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When I’m sixty-four …

Als begeistertem Musiker kam mir der Beatles-Hit „When I’m sixty four“ in den Sinn, als ich die Aussagen des Wiener Bürgermeisters zur Gesamtschule las. Er bezeichnet sie als „conditio sine qua non“ für die Regierungsbeteiligung der SPÖ nach den Nationalratswahlen. Laut „Presse“ kann Michael Häupl „nicht verstehen, wie sich eine ganze Partei von „älteren Herren“ in der Gewerkschaft in Geiselhaft nehmen lasse.“ (1)

when i'm sixty-four_blogVom Herrn Bürgermeister in die Seniorenliga versetzt zu werden, überraschte mich. Ist der Wiener Landeshauptmann in Wahrheit gar ein agiler Endzwanziger, für den ein Mittvierziger wie ich bereits zu den „alten Knackern“ gehört? Hat ihn womöglich die beim Heurigen gelebte Bürgernähe optisch rasant altern lassen? Ein kurzer Blick ins Internet wies ihn mir allerdings als Jahrgang 1949 aus, was ihn wohl ebenso wenig als jungen Wilden durchgehen lässt wie seinen Gesamtschulgenossen Hannes Androsch, Jahrgang 1938.

Ich frage mich, wieso sich der Wiener Bürgermeister als Mittsechziger plötzlich so jung fühlt. Ein Blick in die Annalen der Gesamtschule liefert die Antwort, wurde doch die mittlerweile berüchtigte Odenwaldschule in Heppenheim als älteste Gesamtschule Deutschlands bereits 1910 gegründet. (2) Dagegen wiederum ist Michael Häupl ein Jungspund. Alt aussehen lässt es ihn dennoch, einen pädagogisch verstaubten Hut aus der Zeit des deutschen Kaiserreiches als neuesten bildungspolitischen Schrei verkaufen zu wollen.

Vielleicht könnte Michael Häupl sich Jean-Jacques Rousseau zu Herzen nehmen, der meinte: „Die Jugend ist die Zeit, die Weisheit zu erlernen, das Alter die Zeit, sie anzuwenden.“ (3)

Apropos „When I’m sixty-four“: Ich setze mich mit aller Kraft dafür ein, dass ich im besungenen Alter meine (wohl noch eine ganze Weile ungeborenen) Enkelkinder ein staatlich finanziertes, qualitativ hochwertiges und sinnvoll differenziertes Bildungssystem besuchen sehe. Dafür lasse ich mich auch heute schon gerne von „jungen Wilden“ wie Häupl und Androsch als „alten Geiselnehmer“ bezeichnen.

(1) Häupl: Gesamtschule ist „conditio sine qua non“. In: Presse Online vom 29. April 2013.

(2) Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gesamtschule.

(3) „La jeunesse est le temps d’étudier la sagesse, la vieillesse est le temps de la pratiquer.

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Gerhard Riegler: Ministerielle Phobien

Mit „Missmut“, so meldete die Austria Presseagentur am Mittwoch zu später Abendstunde, habe Beamtenministerin Heinisch-Hosek (SPÖ) auf die Größe der Verhandlungsdelegation der fünf Lehrergewerkschaften reagiert. Die Gespräche wurden deshalb von Heinisch-Hosek bereits nach rund einer Stunde abgebrochen.

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War die GÖD mit einer Hundertschaft zur Verhandlung angerückt? Weit gefehlt! Fünfzehn gewählte LehrervertreterInnen waren erschienen.

Verhielt sich die Beamtenministerin aus Angst derart unprofessionell, wurde sie Opfer spontan auftretender Demophobie? Das wäre erstaunlich, war die Ministerin doch vor ihrer Politkarriere achtzehn Jahre lang Lehrerin. Die Hälfte der in einer Oberstufenklasse zu unterrichtenden Personen sollte sie nicht aus der Fassung bringen, auch wenn sie nie in einer Oberstufe unterrichtet hat. Ein Blick in eine Liste möglicher anderer Phobien lässt mich rätseln. Leidet Gabriele Heinisch-Hosek vielleicht an…

  • Allodoxaphobie, der Angst vor einer anderen Meinung? Schreckt sie davor zurück, mit dem Befund der Lehrervertretung zum angeblich unwiderstehlich attraktiven neuen Dienstrecht konfrontiert zu werden?
  • Arithmophobie, der Angst vor Zahlen? Fürchtet sie nochmals vorgerechnet zu bekommen, dass künftige LehrerInnen in ihrem Berufsleben um viele Hunderttausend Euro weniger verdienen würden als derzeit?
  • Gnosiophobie, der Angst vor Wissen? Möchte sie gar nicht so genau wissen, welche negativen Auswirkungen das neue Dienstrecht auf die Schulqualität haben würde?

Die Lehrergewerkschaften leiden jedenfalls weder an Ligyrophobie noch an Glossophobie (1), haben also keine Angst davor, weiterhin laut und deutlich in aller Öffentlichkeit ihre Meinung zu sagen, auch wenn sie BM Heinisch-Hosek nicht einmal hinter verschlossenen Türen hören will.

P.S.: „Was geschieht wohl, wenn jene, die eigentlich unsere Helden des Alltags sind, weil sie ausgleichen sollen, wozu wir Eltern nicht mehr in der Lage oder Willens [sic!] sind, von uns beschimpft anstatt geehrt und respektiert werden?“ (2) Diese rhetorische Frage sollte sich BM Heinisch-Hosek einmal stellen. Sie stammt von ihrem sozialdemokratischen Kollegen Mathias Brodkorb, dem Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns.

(1) Ligyrophobie: Angst vor Lärm; Glossophobie: Angst davor, in der Öffentlichkeit zu sprechen

(2) Mathias Brodkorb, Unser Problem? Die ewigen Besserwisser! – Eine Polemik, veröffentlicht am 8. September 2012.

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Von Schnelllesern und Kurzsatzartisten

Vielleicht war es mehr als nur Zufall, dass mir gerade am Mittwoch, dem Tag der bundesweiten Standardtestungen in Englisch, ein Artikel aus der Online-Ausgabe von „Time“ in die Hände fiel. Besonders ein Satz hat mich beeindruckt: „Current state-mandated testing is far too narrowly focused and decontextualized to reflect the skills students need to learn in the 21st century. And the endless teaching to the test takes away from the time students could be learning how to construct a thoughtful argument, analyze a work of literature or grasp good citizenry.” (1)

Test Quiz

In vielen Gesprächen mit Fachkollegen (2), die von standardisierten Testungen betroffen sind, kristallisieren sich Kritikpunkte immer klarer heraus.

Bei den Standards orte ich in erster Linie Kritik am Timing und weniger am Inhalt. Selbst „Experten“ werden wohl zugeben müssen, dass eine Testung am Ende der 3. und 7. Schulstufe deutlich mehr Sinn hätte, da ein gezieltes Arbeiten an diagnostizierten Defiziten während der folgenden Schulstufe möglich wäre. Die Lehrervertretung hat – wie die anderen Schulpartner auch – diese Forderung nach „Diagnose und Therapie“ am selben Schulstandort schon vor der Einführung der Standards immer wieder laut und deutlich artikuliert. Die Politik hat sie leider aus ideologischen Gründen überhört und ignoriert. Ein Vorliegen der Standardergebnisse vor dem Überschreiten der Nahtstellen könnte ja zu einer sinnvolleren Steuerung von Schülerströmen beitragen, was Gesamtschulapologeten ganz und gar nicht in den Kram passt.

Deutlicher und harscher fällt die Kritik der Englischlehrer an den Testformaten bei der Zentralmatura aus, wenngleich durchaus anerkannt wird, dass der Ansatz sinnvoll ist. Aber die Dosis macht die Wirkung. Wenn wir uns nicht sukzessive auf den amerikanischen Holzweg begeben wollen, werden wir rasch und entschlossen gegensteuern müssen.

Abgesehen von der Schreibaufgabe, die 25 Prozent der Gesamtnote ausmacht, sind bei der schriftlichen Matura Testformate im Einsatz, die einen Lehrer geradezu zwingen, den Unterricht intensiv auf „teaching to the test“ umzustellen, will er seine Schüler optimal auf die Zentralmatura vorbereiten. Ein Kollege formulierte es, vielleicht ein wenig überspitzt, so: „Wir trainieren geistige Akkordarbeiter, die sich möglichst schnell und fehlerlos durch ein Aufgabenfeld bewegen.“

Da alle Aufgaben unter beträchtlichem Zeitdruck zu erledigen sind, werden genaue Leser, die in einen Text eintauchen und ihn reflektieren wollen, massiv benachteiligt. „Speed reading“ ist aber immerhin trainierbar.

Anders schaut es beim Hörtext aus. Die Fähigkeit, Neben- und Hintergrundgeräusche ausblenden zu können, ist sicherlich in manchen Lebensbereichen oder Berufsfeldern vorteilhaft. Aber soll sie über die Englischnote entscheiden?

Auch von Schülerseite höre ich besonders viel Kritik an dem „Maximal vier Worte“-System, das bei vielen Testformaten zur Anwendung kommt. Mir ist klar, dass komplexere Antwortformulierungen nicht so leicht zu „standardisieren“ und damit zentral gesteuert zu beurteilen sind. Am Sonntag den Verfall der Sprach- und Denkkultur durch SMS und Chat zu beklagen und am Montag genau diese Satzfetzen bei Testantworten zu verlangen, ist aber schon ein starkes Stück.

Die internationale Forschung zeigt, dass Standard-Tests zu keiner nachhaltigen Leistungssteigerung führen eher im Gegenteil. […] Die Leistungsstarken und – schwachen werden so vernachlässigt“, konstatiert der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann. „Die Test-Industrie ist eine stark subventionierte Wachstumsbranche. […] Auf jede Bildungsstandard-Runde folgt der Ruf nach noch mehr Tests.“ (3) Auch Norbert Pachler, Leiter der internationalen Lehrerausbildung am Institute of Education der University of London, sieht massive wirtschaftliche Interessen hinter der Testindustrie. Standardisierte Tests und Rankings haben einen wachsenden ökonomischen Einfluss auf das Schulsystem. „Es gibt Firmenketten, die bis zu 30 Schulen gekauft oder gegründet haben und diese nach marktwirtschaftlichen Prinzipien leiten. Bildung ist dabei, vom Allgemeingut zur Ware zu werden.“ (4)

Erika Christakis ruft in ihrem Kommentar zu zivilem Ungehorsam gegen den Testwahnsinn auf. Ich appelliere an die Verantwortlichen, uns amerikanische Verhältnisse zu ersparen. Noch wäre Zeit dazu!

(1) Erika Christakis, What’s Really Scandalous About the Atlanta Schools Testing Scandal. In: Time Online vom 2. April 2013.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) „Wettlauf um unnützes Wissen“. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 5.

(4) Sylvia Einöder, Der genormte Schüler. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 4f.

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Gerhard Riegler: Mobbing 2.0

In Kanada ereignete sich nach dem tragischen Selbstmord Amanda Todds im Jahr 2012, über den die Medien weltweit berichteten, eine weitere Teenager-Tragödie, die Erinnerungen an diese erschütternde Tat wachruft. Vor wenigen Tagen nahm sich die erst 17 Jahre alte Rehtaeh P. aus Halifax das Leben. (1)

Teenage girl siiting against brick wall in a depressed stateRehtaehs Mutter hat jetzt deren Martyrium öffentlich gemacht: Unter dem Titel „Angel Rehtaeh“ richtete sie bei Facebook eine Trauerseite für ihre verstorbene Tochter ein. Die Zweischneidigkeit digitaler Medien kann kaum offenkundiger in Erscheinung treten: Die Internetplattform war ebenso Instrument des Mobbings, das Rehtaeh in den Tod getrieben hat, wie sie nun Forum zur Trauerbewältigung ist.

Darstellungen sexueller Gewalt landen via Internet massenhaft auf den Smartphones Minderjähriger. Jugendliche sind dadurch zweifelsohne mit mehr Gewalt konfrontiert denn je. „Mobbing 2.0“ beschränkt sich aber keineswegs auf sexuelle Attacken und deren digitale Ausschlachtung. Auch „Hänseleien“ verschiedenster Art, die wohl immer zu den Erfahrungen Pubertierender gezählt haben und zählen werden, erhalten durch die neuen Medien eine Dynamik und Wucht, die sie für die Betroffenen vielfach unerträglich machen. Auch Flucht, im prädigitalen Zeitalter etwa durch einen Schulwechsel, ist nicht mehr möglich. Es gibt aus dem digitalen „Netz“ in dieser Welt kein Entkommen mehr.

Wie so oft in der Menschheitsgeschichte kann der ethisch-moralische Fortschritt mit dem technischen nicht mithalten. Wie Zauberlehrlinge stehen wir fassungs- und ratlos vor den negativen Konsequenzen der digitalen Revolution.

Patentrezepte zur Problemlösung wird es wohl kaum geben. Verbote sind wenig wirkungsvoll, würden letztendlich wahrscheinlich sogar den Reiz erhöhen. Die Schule wird bestenfalls subsidiär wirken können. Was die heranwachsende Generation braucht, ist ein sie tragendes Werte-Fundament und Nestwärme, die Schutz vor externen Attacken bietet. Ob „Eltern 2.0“ das optimal bieten können, ist fraglich. Hier sind in der Familie prädigitale Tugenden gefragt: Liebe, Zuwendung, Zeit.

(1) Siehe Kerstin Rottmann, Teenager zerbricht nach Vergewaltigung an Mobbing. In: Die Welt Online vom 10. April 2013.

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Die „Bin-ich“-Mentalität

Wir alle erinnern uns an die Abberufung des designierten Rektors der Pädagogischen Hochschule Tirol Elmar Märk im Juli 2012 durch BM Schmied. Dieser hatte es wenige Tage zuvor gewagt, in einem Gespräch mit der APA in Sachen Lehreraubildung geringfügig gegen die Linie seiner Chefin zu argumentieren, und gemeint, eine künftige gemeinsame Lehrerausbildung in Tirol sehe er langfristig an der Universität angesiedelt. (1)

Elmar Märk hätte es ahnen können. BM Schmied hatte schon vor ihm einen Kritiker schonungslos aus seinem Amt entfernt. Der damalige BIFIE-Direktor Josef Lucyshyn bezweifelte im November 2011 die Sinnhaftigkeit einer weiteren Teilnahme Österreichs an der PISA-Studie. (2)

Damit aber nicht genug. Im Jahr 2009 hatte das Parlament das BIFIE beauftragt, den Schulversuch Neue Mittelschule zu evaluieren – einen Schulversuch, der immerhin zusätzliche Kosten von 1.000 Euro pro SchülerIn und Jahr verursacht. Der Bericht sollte Ende 2012 vorgelegt werden und als Entscheidungsgrundlage dafür dienen, ob die NMS ins Regelschulwesen übernommen wird oder nicht. Die Politik aber wartete nicht auf das Evaluierungsergebnis, was Josef Lucyshyn als „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“ bezeichnete. „Die Darstellung im Vorblatt zum entsprechenden Gesetzesentwurf, wonach sich „der Modellversuch in Österreich bewährt hat“, sei sachlich nicht nachvollziehbar. „Das ist nicht datenbasierte Politik, sondern hier ist man wieder in alte Muster zurückgefallen und ideologischen Argumentationen gefolgt“, so Lucyshyn.“ (3)

Diese geballte Majestätsbeleidigung bekam ihm nicht gut. Am 29. März 2012 wurde Josef Lucyshyn von BM Schmied mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend. Von einem Schreibtisch um 12.000 Euro war die Rede, von verschwundenen Blackberrys und von mehreren unrechtmäßigen Vertragsvergaben. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet. Interessant dabei: „Der Schreibtisch und die Blackberrys waren übrigens kein Thema mehr für die Kommission. Die Anschuldigungen wurden nach der Abberufung zwar medial verbreitet, das Ministerium ließ diese Vorwürfe aber nicht einmal von der Kommission prüfen. Hintergrund: Die Anschuldigungen dürften ohnehin haltlos gewesen sein.“ (4)

Am 30. Jänner 2013 stellte die Disziplinarkommission das Verfahren in zwei Anklagepunkten ein. Vom verbliebenen dritten wurde Josef Lucyshyn am 20. März freigesprochen (siehe Faksimile).

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Wer sich jetzt an General Entacher erinnert, liegt nicht so falsch: Ministerielle Arroganz prallte in beiden Fällen gegen die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit. Und Josef Lucyshyn wird vom selben Anwalt vertreten wie einst der Generalstabschef.

„L’état, c’est moi – der Staat bin ich!“ gilt als Leitsatz des Absolutismus. „Das Heer bin ich“ oder „Das Bildungssystem bin ich“ wären wohl passende Leitsätze für das Amtsverständnis von Norbert Darabos und Claudia Schmied. Mich erinnert all das mehr an SED als SPÖ.

(1) Siehe etwa Gegen Linie des Ministeriums: PH-Rektor darf nicht antreten. In: Standard Online vom 20. Juli 2012.

(2) Siehe etwa Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie. In: Standard Online vom 29. November 2011 oder Kleinmaßnahmen statt großer Wurf. In: ORF Online vom 6. Dezember 2011.

(3) Neue Mittelschule: „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. In: Presse Online vom 28. November 2011.

(4) Julia Neuhauser, Ministerin Schmied entließ BIFIE-Chef zu Unrecht. In: Presse Online vom 9. April 2013.

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