20. April 2013 · 5:02 vormittags
Vielleicht war es mehr als nur Zufall, dass mir gerade am Mittwoch, dem Tag der bundesweiten Standardtestungen in Englisch, ein Artikel aus der Online-Ausgabe von „Time“ in die Hände fiel. Besonders ein Satz hat mich beeindruckt: „Current state-mandated testing is far too narrowly focused and decontextualized to reflect the skills students need to learn in the 21st century. And the endless teaching to the test takes away from the time students could be learning how to construct a thoughtful argument, analyze a work of literature or grasp good citizenry.” (1)

In vielen Gesprächen mit Fachkollegen (2), die von standardisierten Testungen betroffen sind, kristallisieren sich Kritikpunkte immer klarer heraus.
Bei den Standards orte ich in erster Linie Kritik am Timing und weniger am Inhalt. Selbst „Experten“ werden wohl zugeben müssen, dass eine Testung am Ende der 3. und 7. Schulstufe deutlich mehr Sinn hätte, da ein gezieltes Arbeiten an diagnostizierten Defiziten während der folgenden Schulstufe möglich wäre. Die Lehrervertretung hat – wie die anderen Schulpartner auch – diese Forderung nach „Diagnose und Therapie“ am selben Schulstandort schon vor der Einführung der Standards immer wieder laut und deutlich artikuliert. Die Politik hat sie leider aus ideologischen Gründen überhört und ignoriert. Ein Vorliegen der Standardergebnisse vor dem Überschreiten der Nahtstellen könnte ja zu einer sinnvolleren Steuerung von Schülerströmen beitragen, was Gesamtschulapologeten ganz und gar nicht in den Kram passt.
Deutlicher und harscher fällt die Kritik der Englischlehrer an den Testformaten bei der Zentralmatura aus, wenngleich durchaus anerkannt wird, dass der Ansatz sinnvoll ist. Aber die Dosis macht die Wirkung. Wenn wir uns nicht sukzessive auf den amerikanischen Holzweg begeben wollen, werden wir rasch und entschlossen gegensteuern müssen.
Abgesehen von der Schreibaufgabe, die 25 Prozent der Gesamtnote ausmacht, sind bei der schriftlichen Matura Testformate im Einsatz, die einen Lehrer geradezu zwingen, den Unterricht intensiv auf „teaching to the test“ umzustellen, will er seine Schüler optimal auf die Zentralmatura vorbereiten. Ein Kollege formulierte es, vielleicht ein wenig überspitzt, so: „Wir trainieren geistige Akkordarbeiter, die sich möglichst schnell und fehlerlos durch ein Aufgabenfeld bewegen.“
Da alle Aufgaben unter beträchtlichem Zeitdruck zu erledigen sind, werden genaue Leser, die in einen Text eintauchen und ihn reflektieren wollen, massiv benachteiligt. „Speed reading“ ist aber immerhin trainierbar.
Anders schaut es beim Hörtext aus. Die Fähigkeit, Neben- und Hintergrundgeräusche ausblenden zu können, ist sicherlich in manchen Lebensbereichen oder Berufsfeldern vorteilhaft. Aber soll sie über die Englischnote entscheiden?
Auch von Schülerseite höre ich besonders viel Kritik an dem „Maximal vier Worte“-System, das bei vielen Testformaten zur Anwendung kommt. Mir ist klar, dass komplexere Antwortformulierungen nicht so leicht zu „standardisieren“ und damit zentral gesteuert zu beurteilen sind. Am Sonntag den Verfall der Sprach- und Denkkultur durch SMS und Chat zu beklagen und am Montag genau diese Satzfetzen bei Testantworten zu verlangen, ist aber schon ein starkes Stück.
„Die internationale Forschung zeigt, dass Standard-Tests zu keiner nachhaltigen Leistungssteigerung führen – eher im Gegenteil. […] Die Leistungsstarken und – schwachen werden so vernachlässigt“, konstatiert der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann. „Die Test-Industrie ist eine stark subventionierte Wachstumsbranche. […] Auf jede Bildungsstandard-Runde folgt der Ruf nach noch mehr Tests.“ (3) Auch Norbert Pachler, Leiter der internationalen Lehrerausbildung am Institute of Education der University of London, sieht massive wirtschaftliche Interessen hinter der Testindustrie. Standardisierte Tests und Rankings haben einen wachsenden ökonomischen Einfluss auf das Schulsystem. „Es gibt Firmenketten, die bis zu 30 Schulen gekauft oder gegründet haben und diese nach marktwirtschaftlichen Prinzipien leiten. Bildung ist dabei, vom Allgemeingut zur Ware zu werden.“ (4)
Erika Christakis ruft in ihrem Kommentar zu zivilem Ungehorsam gegen den Testwahnsinn auf. Ich appelliere an die Verantwortlichen, uns amerikanische Verhältnisse zu ersparen. Noch wäre Zeit dazu!
(1) Erika Christakis, What’s Really Scandalous About the Atlanta Schools Testing Scandal. In: Time Online vom 2. April 2013.
(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.
(3) „Wettlauf um unnützes Wissen“. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 5.
(4) Sylvia Einöder, Der genormte Schüler. In: Die Furche vom 18. April 2013, S. 4f.
Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.