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Die Weisesten und die Dümmsten

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“ An diese Worte Konrad Adenauers musste ich denken, als ich die Antwort Bernd Schilchers (1) auf den „Standard“-Kommentar Konrad Paul Liessmanns (2) las. Unterschiedlicher könnten die Argumentationslinien der beiden tatsächlich nicht sein.

Wise versus stupid concept on two pieces of jigsaw puzzle

Liessmann: „Worauf beruhen denn unsere Errungenschaften? Worauf beruht unsere Wissenschaft? Worauf beruht unsere Technik? Worauf beruht unser ökonomischer Fortschritt, von dem wir alle zehren? Genau auf diesen Bildungssystemen, von denen wir glauben, sie waren die schlechtesten aller Zeiten.“ (3)

Schilcher: „Sie können Lern- und soziale Prozesse nicht in einem Halbtag erledigen – noch dazu mit „Auspufflehrern“, die, sobald ihre Stunde fertig ist, heimfahren, man also nur mehr ihr Auto von hinten sieht.“ (4)

Liessmann: „Die Peinlichkeiten der ersten zentralisierten und kompetenzorientierten Reifeprüfung waren nur ein Vorspiel zu dem, was sich in naher Zukunft zeigen wird: Was als Farce in den Köpfen einiger Bildungsbürokraten begonnen hat, wird später bei Kindern und Jugendlichen als Tragödie enden.“ (5)

Schilcher: „Ich muss daher lachen, wenn manche von einem Niveauverlust durch die neue Matura reden. Wie kann man ein Niveau verlieren, das nicht vorhanden ist? Kein Niveau kann man nicht verlieren.“ (6)

Liessmann: „Ein erster Ansatz wäre, einmal denen zuzuhören, die täglich mit Fragen der Erziehung und Bildung befasst sind: den Lehrern zum Beispiel. Dazu wäre es aber notwendig, sie zu ermutigen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu publizieren, ohne sofort mit dem Verweis rechnen zu müssen, dass sie ohnehin nur ihre Standesinteressen vertreten.“ (7)

Schilcher: „Nicht ein einziges seiner „Argumente“ stammt von Liessmann. Alles was er auf vielen Seiten sagt […] ist bereits von den Besitzstandswahrern der AHS Gewerkschaft vorformuliert worden. Nicht selten wortwörtlich. Nur dass Quinn [sic!] & Co. zugeben, bloße Interessensvertretung zu betreiben, während der Herr Professor aus all dem eine „Theorie der Unbildung“ macht.“ (8)

An diesem Punkt der Invektive des „Bildungsexperten“ gegen den Philosophen musste ich schmunzeln, denn Worte des Konfuzius schossen mir durch den Kopf: „Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern.

(1) Bernd Schilcher, Das Vernunftproblem des obersten Bildungsbürgers. In: Standard online vom 21. September 2014.

(2) Konrad Paul Liessmann, Die Bildungsexperten. In: Standard online vom 13. September 2014.

(3) Konrad Paul Liessmann in „Pro und Contra“ auf Puls 4 am 15. September 2014.

(4) Bernd Schilcher, Plädoyer gegen die Halbtagsschule. In: Presse online vom 14. Juni 2007.

(5) Konrad Paul Liessmann, Von der Farce in den Köpfen einiger Bildungsbürokraten. In: Format online vom 1. September 2014.

(6) Bernd Schilcher, „Kein Niveau kann man nicht verlieren“. In: Standard online vom 23. Juni 2009.

(7) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 44.

(8) Schilcher, Vernunftproblem. Ich habe die Interpunktion des Originals unverändert übernommen.

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Balkon-Muppets

Wenn Frank Stronach die Gewerkschaften abschaffen will, geht zu Recht (und besonders laut von links) ein Aufschrei durchs Land; wenn für den roten Altgranden Androsch die Lehrergewerkschaft ärger ist als ein menschenverachtendes Regime, regt sich niemand. Bildungsexperte Androsch erweist der Unterrichtsministerin und der Regierung freilich einen schlechten Dienst. Keine Standesvertretung wird einknicken, nur weil ein Balkon-Muppet Schimpftiraden loslässt.“ (1) Mit diesen Worten kommentierte Markus Ebert die verbalen Ausritte von Hannes Androsch, der tags zuvor die Lehrergewerkschafter mit Sowjetkommunisten verglichen hatte und Werner Faymanns Ankündigung, ein neues Lehrerdienstrecht auch ohne sozialpartnerschaftliche Einigung beschließen zu wollen, so kommentierte: „Das ist zwar in Österreich unüblich, aber rechtlich sehr wohl möglich. Und jetzt auch notwendig.“ (2)

In der Muppets-Show ist der Balkon aber nicht nur von einer Person besetzt. Bernd Schilcher meinte nach der Präsentation des ÖVP-Vorschlags zu einem neuen Lehrerdienstrecht: „Die AHS-Gewerkschaft scheint sich durchgesetzt zu haben, hat gesagt, nein wir sind bessere, daher kann, können wir nicht behandelt werden wie ein normaler Volksschullehrer oder Hauptschullehrer.“ (3) Ich weiß nicht, ob der „Experte“ eine Leseschwäche hat, sich einfach nicht informiert oder wider besseres Wissen agitiert. Am 9. April 2013 beschloss jedenfalls die erweiterte Bundesleitung, das höchste Gremium der AHS-Gewerkschaft, einstimmig einen von mir formulierten Antrag, in dem es wörtlich heißt: „Die erweiterte Bundesleitung der AHS-Gewerkschaft fordert eine masterwertige und schulartenspezifische Ausbildung aller LehrerInnen – natürlich verbunden mit einer masterwertigen Bezahlung auf L 1-Basis.

Ein Platz auf dem Muppet-Balkon gebührt auch Wolfgang Fellner, einem besonders eifrigen Zurufer. (4) Solange es Lehrergewerkschaften gibt, ist seiner Meinung nach jede Schulreform zum Scheitern verurteilt. „Die Regierung geht mit den Lehrer-Gewerkschaftern viel zu nobel um. Lehrer gehören nicht 24, sondern in Wahrheit 38 Stunden in die Klasse.“ (5) Da ist die Forderung des Grünen Bildungssprechers Walser ja geradezu bescheiden: „Grüne fordern 30 Stunden Pflichtanwesenheit.“ (6)

Und worum geht es wirklich? Erraten: „Um Geld für Schulreformen zu bekommen, brauchen wir ein neues Lehrerdienstrecht mit flacherer Gehaltskurve und höherer Stunden-Verpflichtung“, postulierte Bundeskanzler Werner Faymann. (7)

(1) Markus Ebert, Wunderwaffe. In: Neues Volksblatt vom 31. Mai 2013.

(2) Frontal-Angriff auf Lehrer. In: Österreich Online vom 29. Mai 2013.

(3) Bernd Schilcher in der ZiB 20 am 6. Juni 2013.

(4) Siehe etwa meine Posts „Faule Spitzenverdiener“ und „Dauer-Urlaub“.

(5) Wolfgang Fellner, „Ja“ zum Lehrer-Dienstrecht – den Eltern reicht’s! In: Österreich Online vom 28. Mai 2013.

(6) Lehrer: Grüne fordern 30 Stunden Pflichtanwesenheit. In: ORF Online vom 7. Juni 2013.

(7) Werner Faymann in einem „Kurier“-Interview vom 7. Oktober 2012.

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Gerhard Riegler: Brief ans Christkind

Christkind_blog

  • Schenke den PolitikerInnen die Erkenntnis, dass LehrerInnen IdealistInnen sind, die zur Selbstausbeutung neigen, und dass Selbstausbeutung schnell zu Burnout und innerer Emigration führt, wenn sie mit Fremdausbeutung gepaart wird!
  • Gib den Eltern die Einsicht, dass auch eine erfolgreich absolvierte Lehre die Basis für ein erfolgreiches und erfülltes Leben legt und dass Menschsein nicht erst mit der Matura beginnt! Immerhin bist ja auch du im Haus eines Zimmermanns aufgewachsen.
  • Gib den VolksschullehrerInnen den Mut und die Kraft, dem Druck mancher Eltern und mancher Schulbehörde zu widerstehen und ehrlich und leistungsgerecht zu benoten!
  • Erhalte den Eltern das Recht, ihren Kindern eine individuelle Nachmittagsgestaltung zu bewahren, wenn ihre familiären Umstände das ermöglichen!
  • Schenke Menschen, die nach Österreich zuwandern, die Einsicht, dass der Schlüssel für gesellschaftlichen Aufstieg eine gute Schulbildung ist, die sie weder ihren Söhnen noch ihren Töchtern verwehren dürfen!
  • Gib den JournalistInnen die Zivilcourage, auch millionenschweren InserentInnen nicht nach dem Mund zu schreiben!
  • Schenke PolitikerInnen das Interesse, sich mit bildungswissenschaftlichen Studien seriös auseinanderzusetzen!
  • Schenke Ex-Politikern die Weisheit, sich nur zu Themen zu Wort zu melden, von denen sie etwas verstehen!
  • Schenke unserer Unterrichtsministerin die Erkenntnis, dass die reale Schulwelt ganz anders aussieht, als ihre Inserate und Hochglanzbroschüren es erscheinen lassen wollen!
  • Gib uns LehrerInnen weiterhin die Kraft, den Zorn über eine unerträgliche Bildungspolitik in positive Energie zum Wohl der uns anvertrauten SchülerInnen zu verwandeln!

Liebes Christkind, lass uns auch im kommenden Jahr nicht allein!

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Ein statistischer Hasenbraten

Wenn ich mir manche Reaktion auf die erst vorgestern präsentierte Studie „Education at a Glance 2012“ ansehe, schießen mir eine Reihe von Gedanken durch den Kopf. Einige salonfähige möchte ich mit Ihnen teilen:

Mein tiefer Respekt gilt den vielen PolitikerInnen, JournalistInnen und „ExpertInnen“ (Das soll nicht heißen, dass ich nicht so manche der Erstgenannten zu den Letztgenannten zähle.), die sich nur Minuten nach der Präsentation bereits tiefsinnig zur Studie äußern können. Ich wäre nicht in der Lage (und auch niemand in meinem Team), in so kurzer Zeit eine fast 570 Seiten umfassende Studie zu lesen, geschweige denn genau zu analysieren. Chapeau, meine Damen und Herren!

Kurz beschleicht mich der Verdacht, hier könnten Personen über etwas sprechen, von dem sie keine Ahnung haben. Aber dieser subversive Gedanke verflüchtigt sich natürlich sofort, wenn ich an das Vertrauen denke, das die österreichische Bevölkerung unseren PolitikerInnen schenkt (1), an die Seriosität österreichischer Boulevardmedien oder an die bildungswissenschaftliche Expertise von Personen wie dem Verwaltungsjuristen Schilcher, dem großindustriellen „Steuertrickser“ (© Dr. Andreas Unterberger) Androsch oder dem esoterischen Betriebswirten Salcher.

Nicht ganz so leicht lässt sich mein Zweifel an der Validität der Zahlen vertreiben, die die OECD präsentiert. Ob das an den Daten liegt, die der OECD geliefert werden, oder an der Aufarbeitung derselben, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls ist mir beim Durchblättern der Studie aufgefallen, dass die OECD als „estimated class size“ in Österreich in der Sekundarstufe I für 2010 14,7 SchülerInnen angibt. Der „Zahlenspiegel 2010“ des BMUKK weist für denselben Zeitraum eine durchschnittliche Klassengröße von 20,8 SchülerInnen in der Hauptschule, 20,7 SchülerInnen in der NMS und 25,3 SchülerInnen in der AHS aus. Selbst die durchschnittliche Klassengröße lag in der AHS-Unterstufe also über der gesetzlichen Klassenschülerhöchstzahl 25! Eindrucksvoller lässt sich der permanente Rechtsbruch durch BM Schmied wohl nicht dokumentieren.

Eine abschließende Assoziation, die sich mir – warum nur? – bei OECD-Studien immer wieder aufdrängt: Ein Jäger, der beim ersten Schuss links und beim zweiten gleich weit rechts neben dem Hasen vorbeischießt, kann sich über einen statistischen Hasenbraten freuen. De facto hat er aber nur heiße Luft im Backrohr.

(1) 5 % der befragten ÖsterreicherInnen schenken unseren PolitikerInnen „sehr hohes“ bzw. „ziemlich hohes“ Vertrauen.

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Grund zur Freude?

Als mich eine Journalistin gestern fragte, ob das schwache Ergebnis des Androsch-Volksbegehrens für mich ein Grund zur Freude wäre, wurde mir einmal mehr schmerzlich bewusst, dass Bildungspolitik in Österreich von vielen als Kampfschauplatz verstanden wird, in dem es nach jeder Auseinandersetzung unbedingt Gewinner und Verlierer geben muss.

Über die öffentliche Abfuhr eines Altpolitikers kann ich ebenso wenig Freude empfinden wie über den Scherbenhaufen, den er als Elefant im bildungspolitischen Porzellanladen hinterlassen hat. Es ist einfach schade, dass die Propagandamaschinerie des Volksbegehrens mit dem Feindbild Lehrergewerkschaft Zuflucht zu „Krone“-Schlagzeilen als Dreschflegel suchte, um doch noch eine irgendwie akzeptable Volksbegehren-Ernte einzufahren.

Je weniger Zuspruch die Meinungsforscher für das Androsch-Begehren orteten, umso stärker verbissen sich Androsch, Schilcher und Co in den angeblichen Beton der Lehrervertretung. Kein Wunder, dass heute mancher von ihnen mit den Zähnen knirscht.

Dabei wäre ein nationaler Schulterschluss in Richtung einer positiven Weiterentwicklung unseres Schulwesens dringend vonnöten. Viele Forderungen des Volksbegehrens waren ja nichts anderes als die Wiederholung alter Gewerkschaftsforderungen wie etwa die nach zeitgemäßen Lehrerarbeitsplätzen oder Supportpersonal, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Was mich von Beginn an irritiert hat, war die im Volksbegehren recht stümperhaft versteckte Forderung nach der Gesamtschule bis zum Ende der Schulpflicht. Erst am Schluss der Kampagne, als die Hoffnung der Proponenten immer mehr von Verzweiflung überlagert wurde, ließen Walser und Konsorten die Gesamtschulkatze aus dem Sack, auf den man „Volksbegehren“ geschrieben hatte.

Dass die große Masse der ÖsterreicherInnen auf den Gesamtschulschmäh nicht hereinfällt, ist, wenn ich es recht überlege, doch ein echter Grund zur Freude!

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Bildungsexperten

Bisher war ich oft höchst verwundert, wer von Politik und Medien als „Bildungsexperte“ bezeichnet wird. Nur ein paar Beispiele der letzten Tage in alphabetischer Reihenfolge: Bernard Hugonnier, Andreas Salcher, Bernd Schilcher.

Bernard Hugonnier, Deputy-Director for Education der OECD, hat einen Master- und einen Doktortitel in Economics. Andreas Salcher erwarb seinen Doktor in Betriebswirtschaft. Bernd Schilcher studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Universitätsprofessor am Institut für Zivilrecht, Ausländisches und Internationales Privatrecht an der Universität Graz.

Da Medien und die Politik einerseits ja selten irren, die drei genannten und viele andere Bildungsexperten über vielerlei Kenntnisse verfügen mögen, aber bestimmt über kein vertieftes Wissen im Bereich der Pädagogik, Erziehungswissenschaft etc. – kurz, im Bereich Bildung –, muss ich wohl meine etymologischen Annahmen korrigieren.

Bisher glaubte ich, dass sich „Experte“ von „expertus“, dem zweiten Mittelwort von experior ableite. Dann würde es eine Person bezeichnen, die Erfahrung auf einem Gebiet gesammelt hat. Die obigen Vertreter der Spezies „Bildungsexperte“ veranlassen mich allerdings zur Annahme, „Experte“ leite sich von „expers, expertis“ ab. Dann beschreibt „Experte“ eine Person, die an einer Sache unbeteiligt ist, an ihr nicht teilhat.

In diesem Sinn ist Österreich wirklich ein Volk von Bildungs- und Fußballexperten. Ich gehöre jedenfalls zu letzteren 😉

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