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Gerhard Riegler: Die Frage nach dem Warum

Wir LehrerInnen müssen damit leben, dass Schule auch bei privaten Zusammenkünften regelmäßig zum Thema wird und uns unser berufliches Wirken daher auch in der Freizeit fordert. Dabei erleben wir hautnah, welches Bild von Schule Menschen, die mit ihr nicht unmittelbar und aktuell in Kontakt stehen, via Medien vermittelt wird.

Bei der heurigen Osterjause im Kreis der Verwandtschaft wurde ich mit Fragen konfrontiert, die ich mir seit Jahren selbst stelle: „Haben die Schulpolitiker so wenig Ahnung von der wirklichen Schule, dass sie einen Unsinn nach dem anderen beschließen? Warum lassen sie sich von euch nicht beraten?“

Als erfreulich empfinde ich, dass sich allmählich durchzusprechen scheint, dass die bisherigen „Bildungsreformen“ keineswegs die in den Hochglanzbroschüren vollmundig versprochenen Heilswirkungen gezeigt, sondern Österreichs Schulwesen erheblich geschädigt haben. Erfreulich ist dies deshalb, weil aus dieser Erkenntnis allmählich eine kritische Distanz gegenüber schulpolitischen „Reformpaketen“ resultiert, die der Bevölkerung als Arznei verkauft werden, obwohl sie Krankheit verursachen.

Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt.“ (1)

Geantwortet habe ich, wovon ich von Jahr zu Jahr mehr überzeugt bin: Ich glaube, dass einigen PolitikerInnen, und zwar nicht den unwichtigsten, tatsächlich bewusst ist, was sie tun. Ich glaube, dass sie das öffentlich finanzierte Schulwesen bewusst schädigen. Ich glaube, dass sie das öffentliche Vertrauen ins Schulwesen bewusst untergraben, um auch hierzulande den Nährboden für elitäre Bildungstempel zu schaffen, in denen die Kinder derer unterrichtet werden, deren Eltern es sich leisten können, pro Kind und Monat einige tausend Euro Schulgeld zu bezahlen.

Im OECD-Mittel besuchen bereits etwa drei Mal so viele SchülerInnen wie in Österreich derartige „private independent schools“, in den USA gar schon fünf Mal so viele. (2) In den USA sind Klassen in „private independent schools“ um ein Drittel kleiner als an den staatlich finanzierten Schulen, in Frankreich und Großbritannien mit einer durchschnittlichen Klassenschülerzahl von 13,1 bzw. 10,7 sogar nur halb so groß. (3)

Ob sich die Demontage des öffentlich finanzierten Schulwesens beenden lässt, wird von uns abhängen. Nicht „die Politik“ gilt es zu überzeugen, sondern diejenigen, auf deren Stimmen PolitikerInnen angewiesen sind. Der ehemalige Bundespräsident Deutschlands Joachim Gauck hat es in seiner Abschiedsrede am 18. Jänner 2017 auf den Punkt gebracht: „Wir, die Bürger, sind es, die über die Gestalt unseres Gemeinwesens entscheiden. Und wir, die Bürger, tragen die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Allen, die aktiv dazu beitragen, dass Fakten als Antwort auf Propaganda Verbreitung finden, und damit für Aufklärung sorgen, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

(1) Josef Kraus, Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt (2017), S. 12.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results: Policies and Practices for Successful Schools (2016), Table II.4.7.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D2.1.

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Subversive Kräfte

Verbesserung der Lernprozesse, Überprüfbarkeit, Individualisierung des Lernens, Kompetenzen, Kompetenzraster, Evaluation, Quality Management, „Bildungsstandards“ (1) etc. Wer hat diese Begriffe nicht schon unzählige Male als die Mittel zur Rettung unseres ach so schlechten Bildungssystems präsentiert bekommen?

Die genannten Begriffe sind Symptome eines internationalen Prozesses, der in Richtung Privatisierung des Bildungswesens läuft. Dahinter stehen Organisationen wie die OECD. „Weil sich die ganze Unternehmung als «Reform» tarnt, verstehen die Menschen nicht, was vor sich geht. […] die Reformwellen rollen immer schneller und verändern alles, bevor man sich besinnen kann. Sie verändern grundlegend:

  • die Organisation: Auflösung von Jahrgangsstufen und Klassenverbänden,
  • die Führung: Manager statt Headmaster,
  • das Curriculum: Es gibt keine verbindlichen Inhalte mehr,
  • die Methoden, mit denen unterrichtet wird (jeder Schüler schafft für sich an seinen individuellen Lernjobs statt im gemeinsamen Klassenunterricht),
  • die Leistungsbeurteilung (Testen von Kompetenzen und Unterkompetenzen),
  • die Art wie Schüler, Schulen, Schulleiter und ganze Gemeinden bewertet werden: Wer widerspruchslos mitmacht, ist innovativ, wer sich sträubt, ist rückständig.“ (2)

Private vs Public words on a toggle switch to flip between privaDie österreichische Bundesverfassung legt fest, dass Österreich eine demokratische Republik ist und ihr Recht vom Volk ausgeht. Weiters bestimmt sie, dass die Schule Wissen, Können und bestimmte Werte vermitteln soll. (3) All das wird durch diese indirekte Steuerung von außen umgangen. (4) „Das Bildungswesen wird damit quasi unbemerkt aus der Ferne gesteuert. Ein managing Netzwerk tritt an die Stelle der staatlichen Behörden. Damit einher geht der Niedergang des Nationalstaates als der Ort, an dem Politik gemacht wird.“ (5)

Der Prozess ist aber nicht nur verfassungsrechtlich bedenklich, sondern auch eine bildungspolitische Katastrophe. Die Folgen listet sogar das BIFIE auf: Konzentration auf testmethodische und -strategische Kompetenzen, Verengung des Curriculums auf testrelevante Fähigkeiten und Inhalte, Ausschluss leistungsschwacher Schüler etc. (6) Allerdings formiert sich Widerstand – auch von Wissenschaftlern, wie etwa der im Juni 2010 gegründeten „Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.“. Wir alle dürfen und sollten auf den Bildungsidealen der österreichischen Verfassung beharren, auch wenn wir dafür als rückständige Betonierer an den medialen Pranger gestellt werden.

Der über jeden Verdacht des Konservativismus erhabene französische Soziologe Pierre Bourdieu formulierte: „Aber diese Kräfte der Bewahrung, die sich leicht als konservative Kräfte hinstellen lassen, sind auch in einem anderen Zusammenhang die Kräfte des Widerstandes gegen die Einführung der neuen Ordnung, die zu subversiven Kräften werden können.“ (7)

(1) „Bildungsstandards“ ist der rechtlich korrekte Begriff, aber ein Oxymoron, weshalb ich ihn immer unter Anführungszeichen setze. Zu meinen, Bildung ließe sich „standardisieren“, ist das sicherste Zeichen dafür, dass einem etwas fehlt: Bildung.

(2) Renate Caesar, Die heimliche Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens. In: Zeit-Fragen online vom 3. Februar 2015.

(3) In Artikel 14 B-VG liest man: „Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz gegenüber den Menschen sind Grundwerte der Schule“. Die jungen Menschen sollen befähigt werden, „an den sozialen, religiösen und moralischen Werten orientiert Verantwortung für sich selbst, Mitmenschen, Umwelt und nachfolgende Generationen zu übernehmen.

(4) Siehe dazu Eckehard Quin, Die subversive Kraft der störrischen Lehrer. In: gymnasium, 6/2013, S. 4-7.

(5) Caesar, Privatisierung.

(6) Siehe Herbert Altrichter und Anna Kanape-Willingshofer, Bildungsstandards und externe Überprüfung von Schülerkompetenzen: Mögliche Beiträge externer Messungen zur Erreichung der Qualitätsziele der Schule, S. 374. In: Barbara Herzog-Punzenberger (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012, Band 2. Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen (Graz 2012), S. S. 355-394. Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(7) „Mais ces mêmes forces de „conservation“, qu’il est trop facile de traiter comme des forces conservatrices, sont aussi, sous un autre rapport, des forces de résistance à l’instauration de l’ordre nouveau, qui peuvent devenir des forces subversives.“ Pierre Bourdieu, L’essence du néolibéralisme. In: Le Monde diplomatique, mars 1998.

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