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Herbert Weiß: Spreu und Weizen

Im Moment fühle ich mich manchmal so wie jemand, dem man eine Fuhre Mist vors Haus gekippt hat, und der dann gemeinsam mit vielen anderen sehr viel Zeit damit verbracht hat, den Mist wegzuräumen. Kann es sein, dass am Ende doch nur Dreck übriggeblieben ist?

Entspringt mein Bild nur der Erschöpfung, der in den letzten Tagen wohl alle nahe waren, die an den wochenlangen Verhandlungen um das „Autonomiepaket“ teilgenommen haben? Schließlich mussten die zähen Gespräche Runde für Runde intensiv vorbereitet und vorbesprochen werden, ganz zu schweigen von hunderten Seiten Textanalyse.

Das ursprüngliche Paket generell als Mist zu bezeichnen, klingt unfair. Die Grundidee, den Schulen mehr Gestaltungsspielraum zu geben, ist lobenswert. Schade ist nur, dass die „Erweiterung der Autonomie“ so geplant war, dass sie niemand der Betroffenen, damit meine ich SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und DirektorInnen, als Verbesserung des Systems erkennen hätte können.

Ist das Bild von Spreu und Weizen treffender? Von Regierungsseite gab man sich überzeugt, dass man uns eigentlich Weizen „pur“ vorgesetzt habe, den wir ihnen aus der Hand fressen sollten. Im Lauf der Verhandlungen haben wir unserem Gegenüber klar gemacht, dass sie uns massenweise Spreu unter die Nase halten. Viel davon konnten wir gemeinsam entsorgen.

Interessant war für mich bei diesem Prozess, dass es immer wieder Personen gab, denen es „gelang“, den Weizen von Runde zu Runde mit weiterem Spreu zu durchmischen. Ob es sich dabei um Ungeschicklichkeit oder Boshaftigkeit handelte, sei dahingestellt.

Besonders „hilfreich“ empfand ich jene, die uns von außen gute Tipps gaben, die oft nur darin bestanden, dass wir das Paket verbessern sollten, indem wir es als unsortierbar bezeichnen und die weitere Sortierarbeit verweigern. Manche mögen es gut gemeint haben. Bei anderen ging es aber offensichtlich nur darum, sich selbst zu profilieren, indem man das Scheitern der Bemühungen vorhersagt.

Nun sind wir alle gemeinsam an einem Punkt angelangt, an dem wir der Erschöpfung nahe, aber mit einem gewissen Stolz auf die getane Arbeit zurückblicken können. Der vorliegende Begutachtungsentwurf begeistert mich nicht. Dazu war das „Autonomiepaket“ nämlich von Anfang an nicht geeignet. Der vorliegende Entwurf kann von der Gewerkschaft zur Begutachtung freigegeben werden. Nach der Begutachtungsphase werden Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu führen sein.

Zeit wäre es allerdings für eine Reform, die den tatsächlichen Problemen gerecht wird. Dafür müsste man freilich ins Bildungswesen investieren. Das wäre die Aufgabe einer Regierung, nicht der hilflose Versuch, Leute „auf Linie zu bringen“, wie es sich Österreichs Bundeskanzler gewünscht hat. (1)

(1) Kern mahnt von ÖVP „Umgangsformen“ ein. In: ORF online vom 11. März 2017.

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Gerhard Riegler: Den Worten mögen Taten folgen!

Österreichs Bundeskanzler hat sich am Mittwoch in seiner „Rede zur Zukunft Österreichs“ entschuldigt. Ein mutiger und mich auch beeindruckender Schritt.

Österreichs Regierung hat allen Grund, sich ganz besonders für Österreichs Schulpolitik des letzten Jahrzehnts, die unter dem Titel „Reformpolitik“ enormen Schaden angerichtet hat, zu entschuldigen. Die Auseinandersetzung mit den unzähligen Befunden, die PISA vor einem Monat auf den Tisch gelegt hat, hat mich auf dieses Eingeständnis des Versagens hoffen lassen.

Ein Anfang ist gemacht, dem unverzüglich konkrete Maßnahmen folgen müssen. Eine Schulpolitik, die Fakten verdrängt, um ihren verhängnisvollen Weg fortsetzen zu können, muss sofort gestoppt werden. Daten geheim zu halten, die Kontextfragen zu den Bildungsstandards geliefert haben, ist ein untauglicher Versuch, das eigene Versagen zu vertuschen.

Hand holding megaphone - Facts vector illustration isolated on backgroundZurück zu PISA: Warum wurden in Österreich die Eltern- und Lehrerfragebögen nicht zum Einsatz gebracht? Hat man Angst zu erfahren, was die von Schule unmittelbar Betroffenen zu sagen haben? Deutschland ist einen anderen – einen mutigeren – Weg gegangen. In Deutschland wurden Lehrkräfte im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung auch schon befragt, als es von der OECD noch gar keine Lehrerfragebögen gab. Und zwar vom ersten PISA-Durchgang an.

Von Deutschland könnte Österreichs Schulpolitik sehr viel lernen. Auch aus einem Vergleich der höchst unterschiedlichen Ergebnisse der deutschen Bundesländer, die sich stark in der jeweiligen Schulpolitik unterscheiden, bei innerdeutschen Vergleichsstudien.

Ohne PISA-Ergebnisse überbewerten zu wollen: Deutschland, einst hinter Österreich liegend, ist ins europäische Spitzenfeld aufgestiegen. Gäbe es noch die bundeslandspezifische PISA-Auswertung, wäre Bayern inzwischen höchstwahrscheinlich Europas PISA-Sieger. Österreich hingegen ist ins Mittelfeld und in vielen Kategorien unter dieses abgerutscht.

Wer Österreichs vom BIFIE verfassten PISA-Bericht (1) mit dem Deutschlands (2) vergleicht und aus dem deutschen Bericht Daten über Österreich erfährt, die der BIFIE-Bericht verschweigt, dem wird es wohl so gehen, wie mir: Ich bin mit meiner Geduld am Ende.

Ein Beispiel gefällig?

Auffallend hohe Quoten von Schulleitungen, die das Lernen und Schulklima an ihrer Schule durch Absentismus gefährdet sehen, finden sich in Finnland (44 Prozent), Österreich (49 Prozent), Slowenien (53 Prozent) und Kanada (56 Prozent).“ (3)

Dem BIFIE war dieses erschreckende Faktum keine Erwähnung wert.

Noch eines?

Von den 15-Jährigen, von denen nur ein Elternteil zugewandert ist, sprechen in Großbritannien 6,3 % zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Frankreich 10,0 %, in Deutschland aber 16,4 % und in Österreich sogar 23,4 %. (4)

Dem BIFIE ist auch das keine Erwähnung wert. Wie lang will man noch die größte Herausforderung für Österreichs Schulwesen unter den Teppich kehren?

Es schmerzt: Deutschlands PISA-Bericht vergleicht die Ergebnisse der 15-Jährigen nicht einmal mehr mit denen Österreichs, sondern wählt als Vergleichsstaaten Finnland, Kanada, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Österreich wird als einer der „leistungsschwächeren Staaten“ erwähnt. (5)

Eine radikale schulpolitische Umkehr hat der Entschuldigung des Bundeskanzlers zu folgen, alte Konzepte sind zu verwerfen, Regierungsvereinbarungen neu zu bewerten, wenn die Talfahrt auf Kosten der österreichischen Jugend ein Ende finden soll. Den Worten mögen Taten folgen! Und zwar nicht irgendwann, sondern hic et nunc.

(1) Birgit Suchán u. a., PISA 2015. Grundkompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im internationalen Vergleich (2016).

(2) Kristina Reiss u. a., PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation (2016).

(3) Ebenda, S. 210.

(4) Siehe ebenda, S. 328.

(5) Ebenda, S. 211.

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Große Vorhaben verwirklichen

Der neue GÖD-Vorsitzende Dr. Norbert Schnedl machte sich bei seiner Antrittsrede auch Gedanken über die Folgen der Digitalisierung. Alle mir bekannten Studien zu diesem Thema sind sich darüber einig, dass in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zwischen 40 und 55 Prozent aller heutigen Tätigkeiten von Programmen oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Je niedriger die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen, umso stärker werden sie davon betroffen sein. Uneinigkeit besteht lediglich darüber, wie groß der Verlust an Arbeitsplätzen insgesamt sein wird, da durch den Wandel der Arbeitswelt immer auch neue Arbeitsplätze entstehen.

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Norbert Schnedl wagte nun die Aussage, dass Arbeit „neu verteilt werden muss. Mittelfristig ist daher auch eine 3,5-Tagewoche bei vollem Lohnausgleich denkbar. Denn von den Digitalisierungsgewinnen müssen in einer gerechten Arbeitswelt alle und nicht nur einige wenige profitieren“. (1)

Dass die Wirtschaft über solche Aussagen nicht glücklich ist, verwundert wenig. Daher ist auch der „Kurier“-Kommentar von Dr. Helmut Brandstätter wenig überraschend. Studien zu diesem Thema dürfte er allerdings keine gelesen haben, sonst würde er Norbert Schnedl nicht unterstellen zu spekulieren. (2)

Pikanter ist da schon das Statement von SPÖ-Parteichef Mag. Christian Kern, der den GÖD-Vorsitzenden wegen dieser Aussagen als „Scharlatan“ bezeichnete (3), hatte sich Kern doch selbst am SPÖ-Parteitag in Klagenfurt als ein solcher „Scharlatan“ geoutet: „Angesichts von Produktivitätsfortschritten müsse Arbeit neu verteilt werden – „Das Thema Arbeitszeitverkürzung wird auf die Agenda kommen.“ Das wird dem Koalitionspartner ÖVP nicht gefallen. Aber das ist von Kern einkalkuliert: „Die Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für die Haltungen.“ Daher dürfe die SPÖ nicht gleich mit Kompromissangeboten in Verhandlungen gehen.“ (4) So der Herr Bundeskanzler im Juni 2016. Wie behend und/oder situationselastisch er seine Haltung ändern kann, hat er ja inzwischen nicht nur bei CETA bewiesen …

Themenwechsel: Im Sommer 2007 wagte der damalige GÖD-Vorsitzende Fritz Neugebauer einen Vorstoß: „Im Kurier-Gespräch drängt er auf neue Leistungstests: Mit Hilfe von Entwicklungspsychologen will er festschreiben, was ein Kind mit drei oder vier Jahren können sollte. Neugebauer will die Bildungsstandards erweitern, die derzeit festlegen, was Schüler können sollen.“ (5) Mehr hat er damals nicht gebraucht! Die SPÖ kritisierte, es ginge ihm „nur um Auslese-Tests, Disziplinierungsinstrumente und weitere Bildungsbarrieren“. (6) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek stellte die rhetorischen Fragen: „Was kommt als nächstes? Intelligenztests auf der Säulingsstation [sic!]?“ (7) Mittlerweile hat sich die Regierung im November 2015 auf die „Einführung einer verpflichtenden Potentialanalyse ab 3,5 Jahren“ geeinigt. (8) Österreichs Politik hat also 2015 beschlossen, was Fritz Neugebauer 2007 vorgedacht hat.

Fazit: Menschen, die die Herausforderungen der Zukunft erkennen und Lösungsansätze entwickeln, werden dafür oftmals von PolitikerInnen und JournalistInnen geprügelt, denen der nötige Weitblick fehlt. Ich bin froh, dass die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Vorsitzende hat, von denen man das nicht behaupten kann. Wie formulierte es Thomas Woodrow Wilson, Historiker und Präsident der USA, so treffend: „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ (9)

(1) Schnedl: Arbeitszeitfrage und Digitalisierung hängen eng zusammen! OTS-Aussendung vom 14. Oktober 2016.

(2) Siehe Helmut Brandstätter, Über die vielen Wege, Unsinn zu verbreiten. In: Kurier online vom 15. Oktober 2016.

(3) Michael Bachner, 3,5-Tage-Woche ist für Kern „Scharlatanerie“. In: Kurier online vom 14. Oktober 2016.

(4) Conrad Seidl, Kern wirbt für Arbeitszeitverkürzung und Maschinensteuern. In: Standard online vom 4. Juni 2016.

(5) Bildung: Entwicklungstests für Dreijährige? In: Presse online vom 30. Juli 2007.

(6) a.a.O.

(7) a.a.O.

(8) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 1.

(9) „No man that does not see visions will ever realize any high hope or undertake any high enterprise.

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Gerhard Riegler: Das Ende der Talfahrt?

Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgültigen Aufprall.“ (1) Mit deutlichen Worten bewertete Mag. Christian Kern, Österreichs neuer Bundeskanzler, am Dienstag eine Politik, die der Vergangenheit angehören soll. Zwei Tage später ergänzte er in seiner Antrittsrede vor dem Nationalrat: „Politischer Inhalt wurde durch taktischen Opportunismus ersetzt, und genau das ist es, womit wir brechen müssen.“ (2)

Turn Around Road Sign with Dramatic Clouds and Sky.

Aus schulpolitischer Perspektive kann ich die Diagnose des neuen Bundeskanzlers nur vollinhaltlich bestätigen. Und ich meine damit nicht nur die bisherige Bildungsministerin und nicht nur die letzten Jahre. Bundeskanzler Kern spricht mir aus dem Herzen: „Ich konnte das schlicht und einfach nicht mehr hören.“ (3)

Nach zwei Jahrzehnten der Demontage unseres Schulwesens – zuerst aus finanziellen und anschließend zusätzlich aus ideologischen Gründen – ist es höchste Zeit, die Zukunftsvergessenheit abzulegen. Sonst werden die Probleme, die durch sie in großer Anzahl und enormer Dimension geschaffen wurden, nicht mehr zu bewältigen sein – auch nicht von den engagiertesten LehrerInnen, die Österreichs Schulwesen bisher vor größerem Schaden bewahrt haben.

Mag. Dr. Sonja Hammerschmid, Österreichs neue Bildungsministerin, scheint sich der Verantwortung, die sie übernommen hat, bewusst zu sein: Österreich verfüge über nahezu keine Rohstoffe, „daher brauchen wir kluge Köpfe und hervorragende Ideen, Produkte und Dienstleistungen, die unserer Wirtschaft helfen. Diese klugen Köpfe gilt es zu entwickeln.“ (4)

Wertschätzung für LehrerInnen und Signale in Richtung Vielfalt und Qualität statt Nivellierung und Normierung standen wohltuend am Beginn ihrer Amtszeit: „Wir brauchen motivierte PädagogInnen, die mit Leidenschaft ihren Beruf vertreten, mit Leidenschaft unterrichten und unsere Kinder fördern.“ Es gehe „vor allem um die Talente und Neigungen der Kinder […], die gefördert werden müssen.“ (5)

Vizekanzler Dr. Reinhold Mitterlehner betonte anhand der dualen Bildung die Qualität und den Erfolg eines vielfältigen Angebots in der Berufsbildung: „Gerade die betriebliche Lehre ist ein Vorzeigemodell, das international auf großes Interesse stößt. Daher wollen wir auch andere Länder dabei unterstützen, ein erfolgreiches System aufzubauen.“ (6) Noch vor wenigen Wochen wollte es Österreichs damalige Bildungsministerin der Bevölkerung als Erfolg verkaufen, dass sich weniger junge Menschen für eben diese betriebliche Lehre entschieden.

Finstere Kapitel der österreichischen Schulgeschichte mögen nicht nur in Worten, sondern auch tatsächlich der Vergangenheit angehören! Viel schulpolitischer Schutt ist aufzuräumen, enorme Aufgaben liegen vor uns, von deren Bewältigung Österreichs Wohlstand und sozialer Frieden von morgen abhängt. Und das Morgen ist uns in den vergangenen Jahren schon sehr nahe gekommen.

Hoffentlich hat Österreichs Politik ihre Lektion wirklich und nachhaltig gelernt!

(1) Dieter Zirnig, Transkript zur ersten Pressekonferenz von Christian Kern (SPÖ Parteichef und Bundeskanzler) vom 17. Mai 2016.

(2) „Geben Sie uns eine Chance“. In: ORF online vom 19. Mai 2016.

(3) Zirnig, Transkript.

(4) Nationalrat – Hammerschmid: „Gemeinsam Bildungssystem entwickeln, in dem alle Chance auf beste Bildung haben“. OTS-Aussendung der SPÖ vom 19. Mai 2016.

(5) a.a.O.

(6) Österreichische Ausbildungssysteme als Vorbild für Westbalkanländer. Presseaussendung des BMWFW vom 18. Mai 2016.

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