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Gerhard Riegler: Offene Worte!

Ich bin von den Zwischenebenen offenbar nicht immer richtig und vollständig informiert worden.

Dieser Satz, den ich am Montag beim Schulpartnerforum im BMUKK aus dem Mund der Ministerin vernahm, klingt in mir noch nach. Er stimmt mich nachdenklich und doch auch hoffnungsfroh.

Zweifellos versuchen sich in Not geratene PolitikerInnen gerne an ihren Untergebenen abzuputzen. Doch im konkreten Anlassfall neige ich dazu, der Ministerin Glauben zu schenken. Offenbar wurden ihr von den RepräsentantInnen der Ebenen, die sich zwischen dem Ministerbüro und dem Klassenzimmer erstrecken, zum Thema Zentralmatura allzu oft geschönte Berichte, Freudenbotschaften und Erfolgsmeldungen übermittelt.

Erlauben Sie mir einige offene Worte:

  • Zunächst und vor allem: Wer an der Spitze steht muss offene Ohren haben.
  • Inserate in Serie und Hochglanzbroschüren können kein Ersatz für solide Arbeit sein.
  • MitarbeiterInnen müssen Mut zeigen, auch unangenehme Wahrheiten an- und auszusprechen, und zwar nicht nur in Abwesenheit der AdressatInnen.
  • Der Mut zum aufrechten Gang gehört zu den Kernkompetenzen eines gebildeten Menschen.

Die Ministerin möge aus dieser Erfahrung lernen und auf die gewählte Lehrervertretung als Brücke ins Klassenzimmer und damit als Brücke zum Erfolg setzen. Zum Thema Zentralmatura haben mich in den letzten Jahren viele tausend Mails erreicht. Mir ist um keine einzige Minute leid, die ich in deren Beantwortung und in all die Telefonate und persönlichen Begegnungen investiert habe. Aus der Summe all dieser vielfältigen Rückmeldungen glaube ich zu wissen, was wann wie funktioniert und was warum eben (noch) nicht.

Ich erlebe auf Seiten der Schüler- und Elternvertretung hoch engagierte Menschen. Ich erlebe sie als konstruktive PartnerInnen und hoffe, dass BM Schmied künftig auf unsere Expertise setzt statt auf sattsam bekannte „ExpertInnen“ zu hören und sich mit Hochglanzbroschüren selbst zu blenden.

Die gewählten RepräsentantInnen der Schulpartnerschaft stehen bereit, um sich gemeinsam für die Schulwirklichkeit und ihr bestmögliches Gelingen einzubringen – und zwar ehrlich und offen.

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Gerhard Riegler: Insel der Seligen

Wenn das alte Sprichwort vom geteilten Leid noch immer Gültigkeit hat, dann soll uns allen ein Essay von Heinz-Peter Meidinger in der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ Trost spenden. (1) Denn der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, einer mit der ÖPU eng befreundeten Organisation, schreibt wohl nicht nur mir so sehr aus der Seele, dass ich gerne Auszügen aus seinem aktuellen Kommentar zur Bildungsdebatte Platz biete:

  • Zur konsequenten „Imagepflege“: „Nahezu täglich erscheinen weitere Bildungsstudien sowie neue Bücher mit bildungspolitischen Vorschlägen, die sich zumeist in Negativmeldungen über das deutsche Schulwesen überbieten, einzig, um in den Medien Aufmerksamkeit zu finden.
  • Zum irrwitzigen „Expertenwissen“: „Dabei wird munter voneinander abgeschrieben, was dazu führt, dass dieselben Aussagen in neuem Gewande immer wiederkehren und sich schließlich als scheinbar unbestrittene Gewissheiten in der öffentlichen Bildungsdebatte festzusetzen beginnen. Dabei lohnt es sich, manche dieser „Bildungsmantras“ auf ihren Aussagekern hin genauer abzuklopfen.
  • Zum haltlosen „Nachhilfevorwurf“: „Die Nachfrage nach Nachhilfe korrespondiert eher mit dem Wohlstand der jeweiligen Gesellschaften oder auch den hohen Erwartungen von Eltern. Kein noch so gutes Bildungssystem, keine noch so wirksame individuelle Förderung wird verhindern können, dass Menschen über private Nachhilfe ihren Kindern zusätzliche Vorteile verschaffen wollen.

Insel der Seligen

  • Zum Fetisch „Akademikerquote“: „Die größte Herausforderung, vor der wir stehen, ist die Aufgabe, an unseren überfüllten Universitäten die Studienqualität zu sichern, und nicht, Absolventenquoten noch schneller als jetzt schon nach oben zu treiben.
  • Zur „Matura für alle“: „Die Situation auf dem Lehrstellenmarkt, wo Tausende von Betrieben händeringend, aber oft auch vergeblich nach Bewerbern Ausschau halten, zeigt in aller Deutlichkeit, dass die Antwort auf den demografischen Rückgang nicht allein die Steigerung von Akademikerquoten sein kann.
  • Zur „Baustellenpolitik“: „Unbestritten gibt es einen großen Reformbedarf. Reformen müssen aber kontinuierlich, umfassend und qualitätsorientiert sein. Quantität und Qualität dürfen nicht verwechselt werden.

Meinem Freund Heinz-Peter Meidinger danke ich für seine klaren Worte. Wenn er die deutsche Schulpolitik wieder schätzen lernen will, lade ich ihn gerne auf ein paar Tage nach Österreich ein. Der Vergleich wird ihm zeigen, dass er schulpolitisch auf einer Insel der Seligen wirkt.

(1) Heinz-Peter Meidinger, Die Lust am Miesmachen. In: Die Welt Online vom 30. September 2011.

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Gerhard Riegler: Es ist Fasching

Am Faschingswochenende sollte man lachen – wann denn sonst? Auf jeden Faschingsdienstag folgt ohnehin ein Aschermittwoch, wie wir LehrerInnen es von unserer Ministerin vor zwei Jahren frontal vermittelt bekamen.

Wenn man sich den Humor nicht rauben lässt, gibt es ja genug Stoff zum Lachen:

  • eine Unterrichtsministerin, die sich um 300.000 € (Unterrichtsbudget!) fit machen lässt, um bei den seit Jahren medial propagierten Verhandlungen nicht unterzugehen
  • die bizarren PISA-Proklamationen eines Bildungssprechers, der Fakten in artistischer Bravour auf dem Kopf stehen lässt
  • „ExpertInnen“ der Sonderklasse, die Gesamtschule und Ganztagsschule in einen Topf werfen, ohne es selbst zu merken

All diese Nummern will ich mir heute als Kabarett geben, ohne Eintritt zu zahlen. Morgen werden wir ohnehin den Fakten wieder auf die Beine helfen, damit der Spaß von heute nicht zum Ernst von morgen mutiert und allen, die ihren Kindern ein „reformiertes“ öffentliches Schulwesen nicht mehr zumuten wollen, das Geld aus der Tasche zieht.

„Talent kann man auch übersehen.“ So der weltweit renommierte österreichische Genetiker Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger im Kurier vom 26. Februar 2011. Politische Talente scheinen in Österreich schon länger allzu oft übersehen zu werden. Denn sonst könnten sich „ExpertInnen“ nur am Faschingssamstag auf der Bühne tummeln.

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Gerhard Riegler: Profitgier von „ExpertInnen“

„Große Klassen, viele Stunden, schwierige Schüler – Lehrer bewältigen ein erhebliches Arbeitspensum. Lob bekommen sie trotzdem selten.“ (1) Hätte ich einen Wunsch an den Osterhasen frei, wäre das die Einleitung eines ministeriellen Rundschreibens an alle LehrerInnen, dem auch entsprechende Taten folgten. Tatsächlich stammen diese Zeilen aber aus der Feder eines Potsdamer Universitätsprofessors für Psychologie. (2) Er beschreibt in seinem FAZ-Artikel etwas, was wohl viele von Ihnen schon empfunden, aber noch nicht als „Gratifikationskrise“ bezeichnet haben: „Viele geraten in eine Gratifikationskrise, wenn sich ein stark erlebter Widerspruch zwischen investierter Anstrengung und ausbleibender Anerkennung herausbildet, wenn das Gefühl aufkommt, viel zu geben und wenig zurückzubekommen.“

Wann erkennt Österreichs Schulpolitik endlich, was Prof. Schaarschmidt neben der eklatanten Zunahme an „problematischem Schülerverhalten“ als gravierenden Belastungsfaktor für LehrerInnen identifiziert, nämlich ein „Zuviel an angeordneten Kampagnen und Veränderungen“ und den „dadurch permanent erzeugten Druck“? (3)

Werfen Sie bitte auch einen Blick in den Artikel „Verunsicherte Pädagogen, fragwürdige Ratgeber“ (4), der mit erfreulicher Klarheit aufzeigt, wie nicht wenige „ExpertInnen“ aus der von der Bildungspolitik herbeigeführten Situation hemmungslos Kapital schlagen. „ExpertInnen“, die an der Verunsicherung der Masse ebenso wie an der Schwächung des Systems persönliches Interesse haben und aus ihnen Profit schlagen, die inhaltlichen und emotionalen Schaden angerichtet haben und gerne weiter anrichten würden, fielen jedem von uns zur Genüge ein. Statt sie zu nennen, möchte ich ein Gebot der Stunde formulieren: „Lehrerinnen und Lehrer, lasst euch von all den Besserwissern nicht irre machen, sondern vertraut auf eure Erfahrung, die ihr seit Jahren angesammelt habt und die ihr täglich im Unterricht weiterentwickelt!“

(1) FAZ vom 13. März 2010

(2) Professor Dr. Uwe Schaarschmidt, ehem. Leiter der Abteilung für Persönlichkeits- und Differentielle Psychologie, Universität Potsdam

(3) FAZ vom 13. März 2010

(4) Margita Feldrapp, Verunsicherte Pädagogen, fragwürdige Ratgeber. Auf: Weltonline vom 21. März 2010, http://tinyurl.com/ykyhmrj.

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