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Gerhard Riegler: Das Recht geht vom Volk aus

Sowohl ein Unterricht, der chronisch unterfordert als auch ein Unterricht, der beständig überfordert, ist nicht sinnvoll. Passend ist ein Unterricht dann, wenn die gestellten Anforderungen in einem Bereich liegen, der oberhalb des aktuellen Wissensstands liegt, aber auch nicht zu weit davon entfernt.“ (Univ.-Prof. Dr. Miriam Vock)

All modern school systems engage in some differentiation of the learning environment.“ (Univ.-Prof. Dr. Magnus Bygren)

Die Idee, dass man durch eine Einheitsschule mehr soziale Gerechtigkeit oder Bildungsgerechtigkeit schaffen könnte, ist längst eindeutig widerlegt worden.“ (Univ.-Prof. Dr. Rainer Dollase).

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (Univ.-Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin)

Die erhoffte soziale Chancengleichheit ist ein Irrtum. Fast alle Gesamtschulländer haben alternative Formen der Segregation entwickelt.“ (Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann)

Wenn nach Leistung differenziert unterrichtet wird, gibt es weniger große Unterschiede zwischen Migranten und Nicht-Migranten, als wenn nicht leistungsdifferenziert unterrichtet wird.“ (Univ.-Prof. Dr. Janna Teltemann)

Auch das BIFIE bestätigte, dass es Österreichs differenzierter Sekundarstufe I gelingt, den enormen Leistungsrückstand, den 10-Jährige mit Migrationshintergrund aufweisen, deutlich zu reduzieren. (1)

Selbst die OECD musste inzwischen zugeben, in welche Richtung international gesehen Reformen deshalb gehen: „In recent decades, reforms in many countries have tended to give greater choice to parents and students, to enable them to choose the schools that meet the child’s education needs or preferences.“ (2)

All das und noch viel mehr können Bildungsinteressierte auf http://www.bildungswissenschaft.at/ in der Kategorie „Gesamtschule/Differenzierung“ erfahren. Österreichs Politik hingegen hält es noch immer für innovativ, schulische Vielfalt und Wahlmöglichkeiten via „Modellregionen“ abzuschaffen.

Der lange im Raum stehende totalitäre Ansatz ist gescheitert. Ich danke allen, die mit ihrem konsequenten Einsatz dazu beigetragen haben, dass die Gesamtschule auch in Zukunft nicht gegen den Willen der Betroffenen möglich sein wird.

Ich frage mich am Ende eines schulpolitisch verrückten Jahres erschöpft, aber erleichtert: Glaubt Österreichs Politik allen Ernstes, dass die Betroffenen zur Beseitigung der Differenzierung mehrheitlich die Zustimmung erteilen? Oder sieht sie ohnehin ein, dass die Betroffenen vor Ort sehr wohl wissen, was die Bildungswissenschaft immer und immer wieder von neuem bestätigt? Stellt sich die Politik ahnungslos oder ist sie es?

Wie gut, dass das Recht vom Volk ausgeht!

(1) Siehe BIFIE (Hrsg.), PIRLS & TIMSS 2011 (2015), S. 79.

(2) OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results. Policies and Practices for Successful Schools (2016), S. 126.

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Gerhard Riegler: Das Ende einer fahrlässigen Schulpolitik

Der Absturz Baden-Württembergs beim innerdeutschen Leistungsvergleich von SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe (IQB-Bildungstrend 2015) könnte für Österreich Goldes wert sein. Der jähe Aufprall sollte nämlich einen Denkanstoß geben, und zwar auch über die Grenzen Deutschlands hinaus!

Baden-Württembergs SchülerInnen landeten bei derartigen Vergleichsstudien immer wieder in Deutschlands Spitzenfeld. Neben Bayern schien Baden-Württemberg einen Platz auf dem Podest gepachtet zu haben.

bildungswissenschaft-at_blogNach Jahren intensiver „Reformpolitik“, deren Phrasen bis ins Detail jener Propaganda glichen, der wir in Österreich schon so lang ausgesetzt sind, ist Baden-Württemberg von Deutschlands Spitze ins Mittelfeld abgerutscht und erreicht in etlichen Bereichen nicht einmal mehr durchschnittliche Ergebnisse.

Die Folgen einer Schulpolitik, die auf das Trommeln von Politphrasen statt auf das reiche Erfahrungswissen der PraktikerInnen und die ebenso reiche bildungswissenschaftliche Evidenz gesetzt hat, rufen jetzt Bestürzung in der schulpolitischen Chefetage hervor, aus der sich manche „Player“ inzwischen verabschieden mussten. Für die geschädigten jungen Menschen kommt dies leider zu spät. Unseren KollegInnen in Baden-Württemberg gilt meine tief empfundene Sympathie.

Eine Schulpolitik, die nicht genug Zeit findet, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, und die zu abgehoben ist, um das Wissen der LehrerInnen als Basis ihrer Arbeit zu nutzen, hat sich in fahrlässiger Art und Weise auf windige „ExpertInnen“ verlassen und damit der Schule massiven Schaden zugefügt. Und damit bin ich auch schon in Österreich gelandet.

Seit wenigen Tagen kann sich jeder schulpolitisch Interessierte – und das sollten politische EntscheidungsträgerInnen doch wenigstens sein – mit extrem wenig Aufwand auf www.bildungswissenschaft.at über aktuellste bildungswissenschaftliche Erkenntnisse informieren. Es steckt in dieser Website enorm viel Arbeitszeit. Bei der steirischen ZA-Mandatarin Gudrun Pennitz, ohne die ich dieses Werk nie geschafft hätte, möchte ich mich dafür herzlichst bedanken.

Wir wollten einer fahrlässigen Schulpolitik einen Riegel vorschieben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelungen ist. Sollte nämlich weiterhin Schulpolitik an der bildungswissenschaftlichen Evidenz vorbeigeführt werden, kann nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden. Dann ist Vorsatz am Werk, wenn es LehrerInnen sukzessive erschwert bis verunmöglicht wird, im Interesse ihrer SchülerInnen erfolgreiche Arbeit zu leisten.

Ich hoffe doch sehr, dass niemand unser Schulwesen vorsätzlich in den Graben fahren will.

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