Archiv der Kategorie: Quins Kommentare

Durchwachsen

Jetzt ist das Gesetzespaket, das so hochtrabend „Bildungsreformgesetz 2017“ genannt wird, also im Nationalrat beschlossen worden. Bis vor kurzem sprach man noch vom „Autonomiepaket“. Beide Namen verschleiern den wahren Inhalt: Es handelt sich in erster Linie um ein Strukturpaket (Stichwörter „Bildungsdirektion“, „Schulcluster“ …), das kaum etwas zur Lösung der konkreten Herausforderungen an den Schulen beitragen wird. Aber das ist bei der von der Regierung selbst verordneten „Kostenneutralität“ der Reform in vielen Bereichen auch nicht möglich. Es ist zu hoffen, dass eine zukünftige Bundesregierung die Unterdotierung des österreichischen Schulwesens endlich beendet. (1)

Der Namenswechsel kommt wohl auch daher, dass die beschlossenen Gesetze wesentliche Materien enthalten, die niemals in Begutachtung gewesen sind. „Wir halten fest, dass Teile des zwischen SPÖ, ÖVP und Grünen akkordierten Gesetzespakets (Modellregionen für eine gemeinsame Schule, „Mischcluster“, also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen, etc.) nie mit der Gewerkschaft verhandelt worden sind und deshalb keine sozialpartnerschaftliche Einigung vorliegen kann.“ (2)

Das soll allerdings nicht heißen, dass in den Verhandlungen nichts erreicht worden ist. Am Beginn lag uns ein völlig inakzeptabler Text vor, dem die meisten Giftzähne gezogen werden konnten. Entgegen der medialen Aussagen von PolitikerInnen handelte es sich nämlich ursprünglich nicht um ein Ermöglichungs-, sondern um ein Entmachtungspaket der Schulen. Die „Autonomie“ wäre bloß eine der Behörde gewesen, den Schulen wäre sie entzogen worden.

Die Gewerkschaft hat neben vielen anderen Dingen in den manchmal sehr harten und emotionalen, aber konstruktiven Verhandlungen u. a. Folgendes erreicht:

  Ausgangslage Beschlossen
Klassen- und Gruppengröße Festlegung durch die Schulleitung Einvernehmen zwischen Schulleitung und Schulpartnern notwendig; Berufungsmöglichkeit
Schulcluster Bund oder Land entscheidet allein über Einrichtung Einbeziehung einer Schule nur mit Zustimmung der Lehrerkonferenz (Ausnahme: Schulen, die von Schließung bedroht sind)
Schulpartner weitgehende Entmachtung Rechte bleiben weitgehend bestehen
Ressourcenzuteilung keine Absicherung Status quo im Gesetz abgesichert
Flexibilisierung der Unterrichtszeit kein Schutz gegen Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung keine Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung
Umstellung auf unbefristete Verträge im neuen Lehrerdienstrecht max. 5 Jahre aufeinanderfolgend befristete Verträge max. 5 Jahre befristete Verträge (unabhängig von der zeitlichen Lage)
Zeitausgleich im Rahmen des Quinschen Zeitkontos Inanspruchnahme nur möglich, wenn Ersatzarbeitskraft eingestellt wird Nachbesetzung kann unterbleiben, wenn sie personalwirtschaftlich nicht sinnvoll ist
Betreuung chronisch kranker Kinder Amtshaftung für LehrerInnen, die die Betreuung (ausschließlich freiwillig) übernehmen

Das „Bildungsreformgesetz 2017“ enthält also nach einem heftigen Tauziehen, das sich über mehr als ein halbes Jahr erstreckt hat, nicht nur Negatives, sondern auch Positives. Die Bilanz ist am Ende des Tages „durchwachsen“.

Mit Sicherheit wird eine nächste Bundesregierung die nächste „Bildungsreform“ umsetzen wollen. Vielleicht berücksichtigen die zukünftigen PolitikerInnen folgende Worte Konrad Paul Liessmanns: „Viel wäre gewonnen, würde man anstelle der üblichen Mischung aus Bildungsschwärmerei und Managementrhetorik einen klaren Blick für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen, für die Chancen, aber auch die Risiken von Bildungsprozessen bekommen.“ (3) Die Hoffnung stirbt zuletzt …

(1) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD vom 22. Juni 2017 zur Finanzierung des österreichischen Schulwesens.

(2) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD vom 22. Juni 2017 zum „Autonomiepaket“.

(3) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung (Wien 2014), S. 29.

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Ein Kommentar

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Shoot for the moon!

Da ich an der Abschlussfeier am Freitag leider nicht werde teilnehmen können, möchte ich mich von euch, meine liebe 8a, und ganz besonders von euch, meine lieben Maturantinnen, auf diese Weise verabschieden.

Ich durfte heute einigen von euch bei der mündlichen Reifeprüfung zuhören und kann euch versichern, dass das Diktum, früher sei alles besser gewesen, ebenso alt wie falsch ist. Wenn alle Prüfungen so waren wie die heutigen, habt ihr euch euer Maturazeugnis redlich verdient.

Mir ist klar, dass es nicht immer einfach ist, mich als Lehrer zu haben. Ich kann euch aber versichern, dass ich euch nach bestem Wissen und Gewissen fair und mit Respekt behandeln wollte. Sollte mir das nicht immer gelungen sein, bitte ich aufrichtig um Entschuldigung.

Vieles von dem, was ihr mehr oder weniger mühsam gelernt habt, werdet ihr vergessen. Aber schon der US-amerikanische Psychologe B. F. Skinner, von dem ihr wahrscheinlich in Psychologie gehört habt, wusste: „Education is what survives when what has been learned has been forgotten.“ Wenn ich ein bisschen zu dem, was „überleben“ wird, beisteuern konnte, würde mich das sehr freuen.

Nach – hoffentlich ausgiebigem – Feiern werdet ihr ganz unterschiedliche Wege beschreiten. Ich wünsche euch, dass ihr dabei – so wie „meine“ heutigen Maturantinnen – euer Ziel niemals aus den Augen verliert, denn „obstacles are those frightful things you see when you take your eyes off your goal“. (Henry Ford)

Ich habe damals das Gefühl genossen, die Schule abgeschlossen zu haben. Unzählige Möglichkeiten, ja die ganze Welt steht einem offen. Ich wünsche euch den Mut und die Kraft, euren eigenen Weg zu gehen, um eure Träume zu verwirklichen. „Shoot for the moon. Even if you miss, you’ll land among the stars.“ (1)

Zuletzt möchte ich mich bei euch bedanken. Es hat mir Freude bereitet, euch unterrichten zu dürfen. Junge Menschen wie ihr sind es, die die Profession des Lehrers zu einem der schönsten Berufe macht, die es gibt.

(1) Das Zitat stammt von US-amerikanischen Jazzmusiker Lester Raymond („Less“) Brown.

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Im Reich der Mythen und Märchen

Es ist vorbei“. So lautet der Titel eines Zeitungsartikels vom Mittwoch. (1) Zitiert wird damit BM Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmied, die mit dieser Aussage das „Autonomiepaket“ meint. Am Donnerstag klingt das schon wieder anders. „Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP“, titelt da eine andere Zeitung. (2) Das nenne ich Flexibilität.

Qualitätsjournalismus à la „Österreich“ liefert der „Kurier“ mit der Schlagzeile vom selben Tag: „Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter“. (3) Als ob die im „Autonomiepaket“ vorgesehenen Maßnahmen zur Lösung der tatsächlichen Probleme in den Schulen Nennenswertes beitragen könnten! Bemerkenswert ist die der SPÖ zugeschriebene Aussage: „Der fertige Entwurf für das Bildungspaket liege seit Monaten fertig am Tisch.“ (4) Ich frage mich, worüber wir verhandelt haben, wenn alles seit Monaten „fertig“ ist.

Besonders erheitert hat mich dann eine APA-Meldung, die ausschließlich Wortspenden der Grünen beinhaltet und in vielen Medien ihren Niederschlag gefunden hat. Darin werden der „Wiener ÖVP-Chef Gernot Blümel“ und ich als „ÖVP-interne Heckenschützen“ bezeichnet. (5) „Mahrer und der designierte ÖVP-Chef Sebastian Kurz hätten diese zwar versucht, zur Räson zu bringen, seien aber gescheitert. Anschließend habe man zunächst das Junktim mit der Studienplatzfinanzierung gebracht und dann eine Einigung überhaupt in Abrede gestellt.“ (6)

Gestatten Sie mir, geschätzte Leserinnen und Leser, das Reich der Mythen und Märchen zu verlassen und einen Blick auf die Tatsachen zu werfen:

  • Weder der Begutachtungsentwurf noch der nach der Begutachtungsfrist mit der Gewerkschaft verhandelte Gesetzestext enthält „Mischcluster“ (also Cluster mit Bundes- und Pflichtschulen) oder Modellregionen zur Gesamtschule. Beides hat nichts mit dem „Autonomiepaket“ zu tun, das in Begutachtung war.
  • Die ARGE LehrerInnen in der GÖD hat zum „Autonomiepaket“ im Namen aller fünf Lehrergewerkschaften ihre Positionierung beschlossen und schriftlich festgehalten. (7)
  • Das gesamte „Autonomiepaket“ ist unter der Prämisse der Kostenneutralität entwickelt worden. Eine kostenneutrale Modellregion zur Gesamtschule wird von allen Lehrergewerkschaften und allen Fraktionen – selbst den gesamtschulaffinen – abgelehnt und wurde – vielleicht auch deshalb – mit uns nie verhandelt.
  • Für den Beschluss des „Autonomiepakets“ bedarf es einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament. Dafür müssten die Grünen oder die FPÖ das Gesetzespaket unterstützen. Beide Oppositionsparteien stellen dafür Bedingungen wie etwa die flächendeckende Gesamtschule in Vorarlberg (Die Grünen würden sich mit einer kostenneutralen Variante zufrieden geben.) oder eigene Sprachklassen vor Eintritt in den „normalen“ Unterricht (FPÖ). Ersteres könnte die SPÖ mittragen, Letzteres die ÖVP – aber nicht vice versa.
  • Flächendeckende Gesamtschule steht ebenso wenig in den Regierungsbeschlüssen zur „Bildungsreform“ wie eigene Sprachklassen.
  • „… die Bildungsreform ist zwar kein großer Wurf, aber es sind durchaus sinnvolle Maßnahmen dabei“, sagte BM Sebastian Kurz in der ZiB2 am Mittwoch. Diese Aussage trifft es eher als die oben zitierte „Kurier“-Schlagzeile.

Die „fokussierte Unintelligenz“ von Wahlkampfzeiten (© Dr. Michael Häupl) zieht offenbar wieder einmal besonders große Kreise. Mich lassen viele Kommentare an Worte von Josef Kraus denken, dem langjährigen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands: „Ein großer Teil der Bildungspolitik löst keine Probleme, sondern schafft Probleme. Oder noch härter: Bildungspolitik ist in weiten Teilen eine Maßnahme zur vermeintlichen Lösung von Problemen, die es ohne eine bestimmte Bildungspolitik nicht gäbe.“ (8)

(1) Brigitte Pechar, „Es ist vorbei“. In: Wiener Zeitung online vom 7. Juni 2017.

(2) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP. In: Kleine Zeitung vom 8. Juni 2017.

(3) Raffaela Lindorfer, Bernhard Gaul, Christian Böhmer, Die Schule geht kaputt – doch sie pokern weiter. In: Kurier online vom 7. Juni 2017.

(4) a.a.O.

(5) „Größtmöglicher innenpolitischer Schaden“. In: ORF online vom 8. Juni 2017.

(6) Schulautonomie: Hammerschmid ortet Bereitschaft bei ÖVP.

(7) Resolution der ARGE LehrerInnen in der GÖD zum „Autonomiepaket“ vom 1. Juni 2017.

(8) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

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Vom Entmachtungs- zum Ermöglichungspaket?

Wir erleben nun fünf Monate Wahlkampf, eine ziemlich lange Zeit der „fokussierten Unintelligenz“ (© Dr. Michael Häupl). Ich wage daher keinerlei Prognose über die Zukunft des „Autonomiepakets“, denn auch ohne Wahlkampf wäre das Schicksals dieses Gesetzespakets schwer abzuschätzen, benötigt man doch wegen der darin enthaltenen Verfassungsbestimmungen eine 2/3-Mehrheit im Parlament, die nur mit Zugeständnissen an die Grünen oder die FPÖ erreichbar ist.

Entgegen anderslautender Ankündigungen haben auch nach Ende der Begutachtungsfrist Verhandlungen mit der Gewerkschaft stattgefunden, nicht bloß „Gespräche“ (1) oder eine „Information“ (2), wie BM Mag. Dr. Hammerschmid zunächst angekündigt hatte. Am Donnerstag, dem 18. Mai, drehten wir die bisher letzte Verhandlungsrunde mit der Dienstgeberseite.

In den Verhandlungen wurden alle von den verschiedenen Gewerkschaften vorgebrachten Kritikpunkte besprochen, eingehend über große Knackpunkte (wie etwa Freiwilligkeit der Clusterbildung, Klassen- und Gruppengrößen, Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik) einschließlich möglicher Lösungen diskutiert und manche Änderung vereinbart. Auch von Dienstgeberseite wurden Wünsche vorgebracht und eingehend erörtert.

Nun werden die Gesetzestexte vom Unterrichtsministerium überarbeitet und in Folge der Gewerkschaft übermittelt. Wir werden die Texte dann zu beurteilen haben. Fest steht jedenfalls schon jetzt: Beim „Autonomiepaket“ handelt es sich in erster Linie um ein Strukturpaket (Stichwörter „Bildungsdirektion“, „Schulcluster“ …), das kaum etwas zur Lösung der konkreten Herausforderungen an den Schulen beitragen wird, aber das ist bei der von der Regierung selbst verordneten „Kostenneutralität“ der Reform in vielen Bereichen auch nicht möglich.

Entscheidend für Zustimmung oder Ablehnung wird sein, ob dem am Beginn der Verhandlungen vorliegenden „Autonomiepaket“ die Giftzähne gezogen werden konnten. Entgegen der medialen Aussagen von PolitikerInnen handelte es sich nämlich ursprünglich nicht um ein Ermöglichungs-, sondern um ein Entmachtungspaket der Schulen. Die „Autonomie“ wäre bloß eine der Behörde gewesen.

Bei aller Kritik möchte ich festhalten, dass es manchmal zwar sehr harte und emotionale, aber konstruktive Verhandlungen waren. Sollte am Ende des Tages keine Einigung möglich sein, liegt es jedenfalls an politischen Vorgaben und nicht an den MitarbeiterInnen des Unterrichtsministeriums und anderer Behörden und Institutionen, mit denen wir die Verhandlungen geführt haben. Diesen Personen, die die immense operative Arbeit im Hintergrund der PolitikerInnen leisten, sei an dieser Stelle einmal ausdrücklich für ihr Engagement gedankt.

(1) Siehe Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(2) Siehe Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

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Autonomie – her damit!

Es handle sich um ein „Ermöglichungspaket“ für die Schulen, sagte die Bildungsministerin …“ (1)

Allem zugrunde liegt die Idee, dass sich bis zu acht Schulstandorte einer Region freiwillig zu einem Schulcluster zusammenschließen …“ (2)

Schulen werden zukünftig wesentlich stärker in die Autonomie und Eigenverantwortung entlassen. Sie können sich somit stärker regional ausrichten und bekommen maximalen Gestaltungsspielraum, um Österreichs Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und zu fordern.“ (3)

Die beiden ersten Zitate stammen vom 18. Oktober 2016, als die Politik eine Einigung zum „Autonomiepaket“ verkündete, das letzte aus dem Arbeitsprogramm der Bundesregierung vom 30. Jänner 2017.

Ermöglichungspaket“, mehr Entscheidungsfreiheit am Schulstandort und damit einhergehend weniger Verwaltungsaufwand – wer soll da dagegen sein? Sinnvolle pädagogische Autonomie, her damit!

Leider handelt es sich bei dem bis Sonntag in Begutachtung befindlichen „Autonomiepaket“ im Gegensatz dazu allerdings in erster Linie um ein Strukturpaket, dessen Maßnahmen unter dem Diktat der Kostenneutralität stehen und dessen „Autonomie“ in vielen Fällen eine der Schulbehörde bedeutet – und nicht die der Schule. Gernot Schreyer, Präsident des Bundesverbandes der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen Österreichs, bezeichnete den Entwurf gar als „ein abgehobenes Schreibtischpapier, dem die Erdung fehlt“. (4)

Die vorgesehenen Gesetzesänderungen tragen kaum dazu bei, die Probleme, mit denen Schule tagtäglich konfrontiert ist, zu lösen. Wie mehrmals in den Verhandlungen betont, muss Schulautonomie mehr als strukturelle Veränderungen bedeuten: Sie muss der „Schule“ – also SchülerInnen, aber auch Eltern und LehrerInnen – Nutzen und Verbesserungen bringen.

Gelebte Schulpartnerschaft, die Zusammenarbeit von Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen, ist unverzichtbar für das Gelingen von Schule und im Sinne einer gemeinsamen demokratischen Verantwortung für den Bildungsbereich. Eine Beschneidung der Rechte der SchulpartnerInnen erscheint (nicht nur) mir als der falsche Weg.

Ich erwarte mir, dass die über tausend Stellungnahmen von der Politik ernst genommen werden. Es zeugt hingegen von einem eigenwilligen Demokratieverständnis und einer Missachtung des Parlaments, wenn manche PolitikerInnen schon vor Kenntnis dieser Stellungnahmen behaupten, an den Eckpunkten könne nicht gerüttelt werden.

Ab sofort heißt es „Zurück an den Start“. Das Schulautonomiepaket ist ein dringender Fall fürs Nachsitzen. Devise: Aus widerspenstigen Betroffenen müssen möglichst viele reformwillige Beteiligte werden. Denn was „Reformen“ bringen, die keine Partner in der Praxis finden, kann man schon jetzt in jedem guten Schul-Lehrbuch nachlesen.“ (5) Diesen Worten von Josef Votzi, u. a. Leiter der Politik-Ressorts des „Kurier“, dem man nicht gerade eine besondere Nähe zu den Lehrergewerkschaften nachsagen kann, ist nichts hinzuzufügen.

(1) Lisa Kogelnik, Schulen sollen sich zusammenschließen, Aus für Schüler-Höchstzahl. In: Standard online vom 18. Oktober 2016.

(2) Bernhard Gaul, Bildungsreform fixiert: Die Schulcluster sollen es richten. In: Kurier online vom 18. Oktober 2016.

(3) Für Österreich. Arbeitsprogramm der Bundesregierung 2017/2018 vom 30. Jänner 2017, S. 16.

(4) Schulautonomie: Eltern gegen „abgehobenes Schreibtischpapier“. In: Kurier online vom 27. April 2017.

(5) Josef Votzi, Ein Fall fürs Nachsitzen. In: Kurier online vom 28. April 2017.

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Im Fokus

Am Dienstag wurden die Ergebnisse der im Frühjahr 2016 durchgeführten Standardtests in Deutsch in der achten Schulstufe veröffentlicht. Die Auswertung zeigt, wie erwartet, große Problemgruppen. Die politischen Reaktionen darauf – nun ja, lesen Sie selbst:

Die Unterrichtsministerin „setze hier besonders auf methodische, didaktische und pädagogische Maßnahmen (z.B. Weiterbildung), um die Resultate zu verbessern“. (1) Anders formuliert: Die LehrerInnen sind schuld.

Das Lösungskonzept des Grünen Bildungssprechers: „Die Gemeinsame Schule ermöglicht die bessere Durchmischung der SchülerInnen. Damit steigen die Chancen auf höhere Leistungen“. (2) Anders formuliert: Mit der Gesamtschule wird alles gut.

Der freiheitliche Bildungssprecher beschränkt sich in erster Linie auf eine Diagnose und kann damit nicht viel falsch machen: „Die Ergebnisse zeigen, dass das derzeitige Bildungssystem nicht das richtige Konzept darstellt, um den vorgesehenen Bildungsstandard zu erreichen“. (3)

Wir brauchen endlich einen echten Sozialindex und finanzielle Autonomie für die Verteilung der Ressourcen an die Schulstandorte“, meint der NEOS-Chef. (4) Von zusätzlichen Mitteln ist allerdings nichts zu lesen, also anders formuliert: Nehmt den Standorten mit besseren Ergebnissen Ressourcen weg!

Mit dem Autonomiepaket, das sich derzeit in Begutachtung befindet, geben wir den einzelnen Standorten mehr Freiheit und Eigenverantwortung und ermöglichen individuelle Förderung“, meint die ÖVP-Bildungssprecherin. (5) Grundsätzlich hätte sie damit recht, wenn mit dem „Autonomiepaket“ auch mehr Ressourcen an die Schulen kämen. Der Gesetzesentwurf steht aber unter der Prämisse der Kostenneutralität.

Belustigt hat mich schließlich der Versuch, ein neues Wording einzuführen. Hießen bis vor wenigen Tagen Schulen, die aufgrund des sozio-ökonomischen Hintergrundes ihrer SchülerInnen schlechte Ergebnisse erzielten, „Brennpunktschulen“ (6), so sind aus ihnen in der „Regierungssprache“ nun „Fokusschulen“ (7) geworden. Wer glaubt allen Ernstes, dass das die Situation an diesen Schulen verbessern wird? Aber der Fokus auf „Neusprech“ ist jedenfalls eine kostenneutrale Maßnahme …

(1) Hammerschmid: Bildungsstandard-Ergebnisse sind „akute Handlungsaufforderung“ – Umfangreiches Maßnahmenpaket. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(2) Walser zu Bildungsstandards: Ergebnisse sind gerade noch rechtzeitiges Alarmsignal. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(3) FPÖ-Mölzer: Weniger als die Hälfte der Schüler erreicht den vorgesehenen Bildungsstandard. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(4) NEOS zu Bildungsstandards: Herausforderungen mit finanzieller Autonomie und Sozialindex direkt an den Schulen lösen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(5) Jank: Ergebnisse beim Lesen weiterhin dramatisch – Fokusschulen jetzt in den Mittelpunkt der Arbeit stellen. OTS-Aussendung vom 28. März 2017.

(6) Siehe etwa Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(7) Siehe etwa die unter (1) und (5) genannten OTS-Aussendungen.

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Reden ist Silber

Wir alle kennen es aus den Medien – das jährliche Ritual von Gehaltsverhandlungen. So unterschiedlich sie von Jahr zu Jahr und von Berufssparte zu Berufssparte auch verlaufen mögen, eines haben sie alle gemein: Über die konkreten Inhalte wird hinter verschlossenen Türen gesprochen und erst das Ergebnis medial verkündet.

Das hat einen guten Grund: Verhandlungen, die mit einem von beiden Seiten vertretbaren Ergebnis enden sollen, führen immer zu einem Kompromiss. Weder Dienstgeber- noch Dienstnehmerseite werden dabei ihre Vorstellungen zur Gänze umsetzen können. Würden konkrete Inhalte der Gespräche öffentlich, hätten die Verhandlungspartner ständigen Erklärungsbedarf, warum sie auf die Forderung A verzichten, um B durchzusetzen. Außerdem ist bei komplexeren Themen als einer Gehaltserhöhung immer nur ein „Gesamtpaket“ beurteilbar. Einzelne Details zeichnen notgedrungen ein unvollständiges und falsches Bild. Es wäre so, als wollte man das Aussehen einer Person anhand des Fotos ihres Handgelenks beurteilen wollen.

Bei den Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ hat leider, wie so oft, die vereinbarte Verschwiegenheit nicht gehalten. Bereits am Morgen des 3. März wurden im Radio Passagen aus den Erläuterungen zitiert, obwohl noch einige Verhandlungsrunden vereinbart waren. Seither berichten verschiedene Medien mit mehr oder weniger Wahrheitsgehalt über die geplanten Reformen.

Die Politik wäre gut beraten, zu den sozialpartnerschaftlichen Gepflogenheiten zurückzukehren. Das Ablenken von (vermeintlichen?) Skandalen rund um Subventionen für Pleitefirmen mag ein Grund für plötzliche mediale Aktivität sein. Das Finden eines sozialpartnerschaftlichen Kompromisses erleichtert es jedenfalls nicht. „Es ist Unsinn, Türen zuzuschlagen, wenn man sie angelehnt lassen kann“, wusste schon der US-Demokrat James William Fulbright.

Im Verhandlungsteam sind die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden aller fünf Lehrergewerkschaften und damit auch alle Fraktionen vertreten. Sie haben unter der Führung von Paul Kimberger, dem Vorsitzenden der ARGE LehrerInnen in der GÖD, schon viel erreicht und einen weiten Weg vom ersten Referentenentwurf bis zum derzeitigen Verhandlungsstand zurückgelegt. Am Ende des Tages wird jedenfalls das Gesamtpaket einer genauen Analyse zu unterziehen und zu beurteilen sein. Danach werden die Lehrergewerkschaften die KollegInnen umfassend und korrekt informieren, denn wie sagte einer meiner pensionierten Kollegen immer: „Ist es wahr, oder steht es in der Zeitung?

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