Archiv der Kategorie: Herbert Weiß‘ Wochenkommentar

Herbert Weiß: Potemkinsche Dörfer

Österreichs BildungspolitikerInnen haben ebenso wie Österreichs selbst- oder von der Politik ernannte „BildungsexpertInnen“ gegenüber den viel gescholtenen LehrergewerkschafterInnen einen großen Vorteil: Sie werden bei der Entwicklung ihrer Utopien nicht durch Kenntnisse über die wirkliche Situation in den österreichischen Schulen belastet und gebremst.

Während die LehrergewerkschafterInnen lange Jahre selbst LehrerInnen waren und meist auch noch sind, kennen Politik und „BildungsexpertInnen“ die Schulen – abgesehen von ihrer Schulzeit – meist nur von außen oder von lange vorangekündigten und wohl vorbereiteten Besuchen, die ihnen oft Potemkinsche Dörfer zeigen. Manche der Damen und Herren halten dies vielleicht tatsächlich für die schulische Realität.

Wenn diese Personen nun glauben, dass man im österreichischen Schulwesen alles umkrempeln müsse, und so viel Unsinn verzapfen, dass wir kaum mehr mit den Richtigstellungen nachkommen, könnte man ob ihrer Ahnungslosigkeit fast schon Mitleid empfinden. Ich erwarte mir aber von Leuten, die sich als BildungspolitikerInnen bezeichnen oder mit ihren „Expertisen“ über die Schule viel Geld verdienen, mehr Bezug zur Realität.

Dass aber jemand, der selbst lange Zeit Schuldirektor war, wie dies beim Bildungssprecher der Grünen der Fall ist, auch nur darüber nachdenken kann, einer Reform wie dem „Autonomiepaket“ zuzustimmen, die den Weg für größere Klassen und Gruppen an Österreichs Schulen ebnet, ist mir unbegreiflich. Kann es vielleicht daran liegen, dass er in seiner ideologischen Verbohrtheit, endlich die Gesamtschule in Österreich etablieren zu wollen, alle Nachteile billigend in Kauf nimmt? Oder will er gar die Staatsfinanzen auf Kosten der Bildungsqualität in Österreich sanieren? Dafür spräche folgende Forderung, die Mag. Dr. Harald Walser als Bildungssprecher der Grünen schon vor über drei Jahren gegenüber dem damaligen Bundeskanzler Faymann aufgestellt hat: „Machen Sie eine gemeinsame Schule, da hätten Sie ein Einsparungspotenzial.“ (1)

Wie treffend formulierte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Was das Bildungsverständnis betrifft, sind auch viele unserer Bildungsexperten und Bildungspolitiker Bildungsferne.“ (2)

(1) Faymann verteidigt Heinisch-Hosek. In: Niederösterreichische Nachrichten online vom 24. April 2014.

(2) Josef Kraus, 30 Jahre Bildungspolitik – eine kleine Geschichte wiederkehrender und neuer Dogmen. Vortrag in Berlin am 16. Mai 2017.

Bild: Potemkin Village Facade Auckland, Wikimedia Commons.

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Herbert Weiß: Vertane Chance

Im Rückspiegel betrachtet sehe ich die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ auf den ersten Blick recht positiv. Aus einem anfangs völlig unbrauchbaren Paket wird aufgrund der Hartnäckigkeit der VerhandlerInnen auf Gewerkschaftsseite und der Bereitschaft der MitarbeiterInnen verschiedener Ministerien, unsere Bedenken und Argumente ernst zu nehmen und gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, ein Regelwerk, das in den Schulen hoffentlich keinen großen Schaden anrichten wird.

Auf den zweiten Blick kann ich aber ein Produkt nicht positiv bewerten, das im besten Fall dazu führen kann, dass nichts Schlimmes passiert. Ich sehe die vielen Stunden, die alle Beteiligten in die Erarbeitung von Entwürfen, in deren Bewertung, in die Verhandlungsrunden selbst und in die mehrfachen Überarbeitungen der Entwürfe investiert haben, zwar als extrem wichtige Investition, das Produkt letztlich aber als vertane Chance.

Ein derartiger Prozess hätte Fortschritte bringen können, ja geradezu müssen. Dazu hätte man aber entweder einen anderen Entwurf oder eine andere Vorgangsweise gebraucht. Man hätte sich ja auch am Beginn des Prozesses mit allen Betroffenen zusammensetzen, in einem ersten Schritt die wirklichen Probleme der österreichischen Schulen auflisten und dann gemeinsam nach Lösungen suchen können. Freilich hätte diese Vorgangsweise vorausgesetzt, dass man von Anfang an auch die Finanzierung für die nötige Reform sicherstellen hätte müssen. Von Kostenneutralität wäre dabei wohl keine Rede mehr gewesen.

Als Provokation habe ich es empfunden, dass man uns beim ministeriellen Schulpartnergipfel am 22. Mai von zwei Schulleitern aus Südtirol die Vorzüge der Autonomie vermitteln lassen wollte. Würde man Österreichs Schule auch nur annähernd die Ressourcen zur Verfügung stellen, die der Südtiroler Schule zur Verfügung stehen, dann müsste man uns nicht belehren, was wir mit ihnen alles auf die Beine stellen könnten.

Die Klassengröße bei den 15-Jährigen ist nur in der Schweiz geringer als in Südtirol (19,1 Schüler und Schülerinnen je Klasse).“ (1) Würde man Österreichs AHS genauso großzügig mit Personal ausstatten, wie dies in Südtirol der Fall ist, dann stünden den AHS um 30 Prozent mehr LehrerInnen zur Verfügung. Fast 40 Prozent der SchülerInnen der AHS-Unterstufe werden hierzulande in Klassen jenseits der gesetzlichen Klassenschülerhöchstzahl 25 unterrichtet. In Österreich will man deshalb unter dem Titel „Autonomie“ die Klassenschülerhöchstzahl beseitigen.

Bundesministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid hat Südtirol als Vorbild bezeichnet. (2) Ob sie dabei auch bedacht hat, dass der Anteil der 18- bis 24- Jährigen, die ihre Schullaufbahn ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II beendet haben, in Südtirol fast doppelt so hoch liegt wie in Österreich? (3)

Im Rückblick betrachtet freue ich mich darüber, was uns gelungen ist. Mit dem Blick nach vorne wünsche ich Österreichs Schulen Südtirols Ressourcen, wirkliche Autonomie, mit diesen zusätzlichen Ressourcen das Optimum für unsere SchülerInnen machen zu können, und eine Schulpolitik, die auf Fakten statt auf flotte Sprüche setzt. Österreichs Jugend hätte sie verdient.

(1) OECD (Hrsg.), PISA 2009 – Risultati dell’Alto Adige / Ergebnisse Südtirols (2011), Seite 135.

(2) Siehe Bernhard Gaul, Südtiroler Schul-Freiheit. In: Kurier online vom 22. Oktober 2016.

(3) Siehe Eurostat-Datenbank. Abfrage vom 23. Mai 2017.

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Herbert Weiß: Wortbrüchig?

Nach der Beendigung der Begutachtungsphase haben die Geschehnisse rund um das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung geradezu skurrile Formen angenommen. Offensichtlich kann oder will sich auf Regierungsseite niemand mehr daran erinnern, was im Vorfeld oder während der Begutachtungsphase versprochen wurde.

In dem am 16. März 2017 in der ARGE LehrerInnen gefassten Beschluss heißt es unter anderem, dass nach der Begutachtungsphase „Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung“ zu führen seien. Solche „Schlussverhandlungen“ wurden seitens des Ministeriums zugesagt. Nach Beendigung der Begutachtungsphase klingt das jetzt allerdings anders.

Zuerst wurde davon gesprochen, dass man mit der Gewerkschaft noch einen Termin habe. (1) Später betonte man schon, dass es sich „nur um ein Gespräch und nicht um Verhandlungen handle“. (2) Am Abend des 2. Mai hieß es schließlich, dass man die Lehrergewerkschaft am 8. Mai noch „informieren, aber nicht mehr mit ihr diskutieren“ wolle. (3)

Ebenso ist wenig von den Versprechungen der Bildungsministerin übrig geblieben, die wochenlang landauf und landab von einem „Ermöglichungspaket“ gesprochen hat, das keine Schule zwingen würde, mit einer anderen gegen ihren Willen verclustert zu werden. Auch dem Versprechen, dass es sich beim „Autonomiepaket“ nicht um ein Sparpaket handle, könnte ich erst glauben, wenn den Schulen nicht nur die Ressourcen zur Einhaltung der bisher gesetzlich festgeschriebenen – und vom Ministerium trotzdem ignorierten – Klassenschülerhöchstzahlen, sondern auch die für die bisher in der Eröffnungs- und Teilungszahlenverordnung definierten Gruppenteilungen garantiert würden. Davon ist derzeit leider keine Rede.

Vielmehr streut man hinter vorgehaltener Hand völlig unzutreffende Behauptungen, in der Hoffnung, dass Medien auf den Schwindel hereinfallen und die Märchen vom Minoritenplatz als Tatsachen verbreiten. Zum Teil scheint das sogar gelungen zu sein, wie die folgende Meldung zeigt: „Es gebe derzeit ohnehin keine Klassen mit 25 Schülern, also werde es nachher auch keine mit 30 geben.“ (4)

Wenn man weiß, dass allein in der AHS-Unterstufe im Schuljahr 2015/16 fast 40 % der SchülerInnen in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen unterrichtet wurden, sehe ich diese Äußerung als gefährliche Drohung. (5)

Natürlich rücken jetzt auch wieder Leute aus, die in den Medien sogar als „ausgewiesene Experten des Bildungssystems“ bezeichnet werden, um die Gewerkschaft wie üblich als Blockierer hinzustellen und zu fordern, dass die Regierung das angeblich so wichtige und tolle Projekt durchziehen solle, ohne auf die Betroffenen zu hören. (6)

Die Betroffenen sehen sich inzwischen zurecht oftmals als „in einem Hamsterrad“. Eine schlecht vorbereitete oder auch unsinnige Reform jagt die andere, während man den Schulen vorwirft, sich nicht zu bewegen und sich gegen alle Reformen zu stemmen.

Ich fordere die Bildungsministerin auf, zu ihrem Wort zu stehen anstatt den letzten Rest an Vertrauen, den Österreichs Schulpolitik bei der Lehrerschaft genießt, zu verspielen.

(1) Debora Knob, Ich ziehe Schul-Reform jetzt durch. In: Österreich online vom 1. Mai. 2017.

(2) Schulautonomie soll bis Anfang Juni in den Ministerrat. In: ORF online vom 2. Mai 2017.

(3) Julia Neuhauser, Schule: Ministerin gibt 1100 Kritikern Kontra. In: Presse online vom 2. Mai 2017.

(4) Doris Vettermann, Schulreformpaket nicht mehr aufschnüren! In: Krone online vom 2. Mai 2017.

(5) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik vom 1. Februar 2017.

(6) Bernhard Gaul, Warum die Schule nicht reif fürs Leben macht. In: Kurier online vom 4. Mai 2017.

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Herbert Weiß: „Begutachtungsverfahren“

Am 29. März hat das Bildungsministerium eine Verordnung in Begutachtung geschickt – die rechtliche Basis für zentrale Testungen, die im April stattfinden sollen. Nun könnte man sagen, dass wenige Tage zur Beurteilung eines knappen Entwurfs reichen.

Sorgen bereitet mir diese Vorgangsweise aber, wenn sie symptomatisch dafür ist, wie ernst die Bundesministerin den demokratischen Prozess eines Begutachtungsverfahrens nimmt. Denn auch das „Autonomiepaket“ befindet sich derzeit in Begutachtung. Vereinbart wurde, dass am Ende des Begutachtungsverfahrens Schlussverhandlungen stattfinden mit dem Ziel, zu einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu kommen.

Gleichzeitig mit dem Begutachtungsstart des „Autonomiepakets“ gab das Ministerium unter dem Titel „Update Schule“ eine Hochglanzbroschüre heraus, in der all die (angeblichen) Vorzüge des „Autonomiepakets“ in höchsten Tönen gelobt werden. Offensichtlich möchte das Ministerium seine Propagandamaschinerie nutzen, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die Schulpartner und die Gewerkschaft mit ihren Einschätzungen des Pakets falsch liegen. Ob das gelingen wird, hängt wohl auch davon ab, ob „BildungsexpertInnen“ und/oder MedienvertreterInnen bereit sind, sich die Inhalte des Pakets tatsächlich anzusehen.

Nun hat die Bildungsministerin auch noch sogenannte „Autonomiebotschafter“ nominiert, die die Schulen über die neuen autonomen Segnungen informieren sollen. Das „Autonomiepaket“ zeige, dass die Politik Vertrauen in die Pädagoginnen und Pädagogen und in die Schulstandorte habe, meint Andreas Schnider, einer dieser „Botschafter“. Da frage ich mich schon, ob er in Besitz eines geheimen, neuen Autonomiepakets ist. Aus dem in Begutachtung befindlichen ist derlei nämlich nicht herauszulesen.

Ob es taktisch geschickt ist, die Propagandamaschinerie so früh anlaufen zu lassen, sei dahingestellt. Eine Missachtung eines demokratischen Prozesses ist es jedenfalls. Das Begutachtungsverfahren soll den Betroffenen Gelegenheit geben, sich in den Entwicklungsprozess eines Gesetzes einzubringen. Die Abgeordneten in National- und Bundesrat entscheiden dann, was sie tatsächlich für sinnvoll erachten. Erst nach der Entscheidung der Legislative gibt es etwas, was „Botschafter“ und Hochglanzbroschüren vermarkten können.

Ob es sich alle Abgeordneten bieten lassen, zu Marionetten degradiert zu werden, bleibt abzuwarten. Bei ihren „Botschaftern“ scheint es der Ministerin gelungen zu sein.

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Herbert Weiß: Spreu und Weizen

Im Moment fühle ich mich manchmal so wie jemand, dem man eine Fuhre Mist vors Haus gekippt hat, und der dann gemeinsam mit vielen anderen sehr viel Zeit damit verbracht hat, den Mist wegzuräumen. Kann es sein, dass am Ende doch nur Dreck übriggeblieben ist?

Entspringt mein Bild nur der Erschöpfung, der in den letzten Tagen wohl alle nahe waren, die an den wochenlangen Verhandlungen um das „Autonomiepaket“ teilgenommen haben? Schließlich mussten die zähen Gespräche Runde für Runde intensiv vorbereitet und vorbesprochen werden, ganz zu schweigen von hunderten Seiten Textanalyse.

Das ursprüngliche Paket generell als Mist zu bezeichnen, klingt unfair. Die Grundidee, den Schulen mehr Gestaltungsspielraum zu geben, ist lobenswert. Schade ist nur, dass die „Erweiterung der Autonomie“ so geplant war, dass sie niemand der Betroffenen, damit meine ich SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und DirektorInnen, als Verbesserung des Systems erkennen hätte können.

Ist das Bild von Spreu und Weizen treffender? Von Regierungsseite gab man sich überzeugt, dass man uns eigentlich Weizen „pur“ vorgesetzt habe, den wir ihnen aus der Hand fressen sollten. Im Lauf der Verhandlungen haben wir unserem Gegenüber klar gemacht, dass sie uns massenweise Spreu unter die Nase halten. Viel davon konnten wir gemeinsam entsorgen.

Interessant war für mich bei diesem Prozess, dass es immer wieder Personen gab, denen es „gelang“, den Weizen von Runde zu Runde mit weiterem Spreu zu durchmischen. Ob es sich dabei um Ungeschicklichkeit oder Boshaftigkeit handelte, sei dahingestellt.

Besonders „hilfreich“ empfand ich jene, die uns von außen gute Tipps gaben, die oft nur darin bestanden, dass wir das Paket verbessern sollten, indem wir es als unsortierbar bezeichnen und die weitere Sortierarbeit verweigern. Manche mögen es gut gemeint haben. Bei anderen ging es aber offensichtlich nur darum, sich selbst zu profilieren, indem man das Scheitern der Bemühungen vorhersagt.

Nun sind wir alle gemeinsam an einem Punkt angelangt, an dem wir der Erschöpfung nahe, aber mit einem gewissen Stolz auf die getane Arbeit zurückblicken können. Der vorliegende Begutachtungsentwurf begeistert mich nicht. Dazu war das „Autonomiepaket“ nämlich von Anfang an nicht geeignet. Der vorliegende Entwurf kann von der Gewerkschaft zur Begutachtung freigegeben werden. Nach der Begutachtungsphase werden Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu führen sein.

Zeit wäre es allerdings für eine Reform, die den tatsächlichen Problemen gerecht wird. Dafür müsste man freilich ins Bildungswesen investieren. Das wäre die Aufgabe einer Regierung, nicht der hilflose Versuch, Leute „auf Linie zu bringen“, wie es sich Österreichs Bundeskanzler gewünscht hat. (1)

(1) Kern mahnt von ÖVP „Umgangsformen“ ein. In: ORF online vom 11. März 2017.

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Herbert Weiß: Durchziehen oder durchdenken?

Kanzler Kern und Vizekanzler Mitterlehner erklärten sich im KURIER-Interview wild entschlossen, die Reform diesmal durchzuziehen – auch wenn es mit Ländern und Gewerkschaft haarig wird.“ (1) Die Regierung will also ihre jüngst propagierte Geschlossenheit mit allen Mitteln beweisen. Ob sich dafür gerade das Thema Bildung bzw. die derzeit vorliegenden Ideen eignen, sei dahingestellt. Von Dienstgeberseite wurde das „Autonomiepaket“ jedenfalls als die größte Reform der Zweiten Republik angepriesen. Die will man offensichtlich durchziehen, auch wenn man sich dafür über alle Betroffenen hinwegsetzen muss.

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Glücklicherweise gibt es unter denen, die derzeit die österreichische Bildungslandschaft mitbestimmen, auch andere Meinungen. HR Fritz Enzenhofer, amtsführender Präsident des Landesschulrates für Oberösterreichs, meint: „Es kann nicht funktionieren, etwas gegen die Gewerkschaft, sprich etwas gegen die eigenen Bediensteten zu tun. Wer Menschen führen will, muss hinter ihnen stehen.“ (2)

Die Einstellung der Schulpolitik gegenüber den Lehrergewerkschaften ist eines der Merkmale, die Finnlands Schule von der US-amerikanischen deutlich unterscheidet. Im hohen Norden wurden sie als selbstverständlicher Partner verstanden, jenseits des Atlantiks als Gegner bekämpft:

For decades, ministers of education have, without fail, understood that carrying out a reform will be infinitely easier if the experts from the teachers’ union have been involved in the preparatory work for the reform.“ (3)

Eliminating unions does not produce higher achievement, better teachers, or even higher test scores. Eliminating unions silences the most powerful advocate for public education in every state.“ (4)

Diese Erkenntnisse sind offensichtlich nicht bis zu allen vorgedrungen, die auf der Seite des Dienstgebers die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ mit uns GewerkschafterInnen führen. Wie könnte es sonst sein, dass auf der Dienstgeberseite ernsthaft Stimmen laut werden, die Verhandlungen mit der Gewerkschaft als Zeitverschwendung bezeichnen, wenn sich die beiden Regierungspartner ohnehin schon auf die Kernpunkte der Reform geeinigt hätten?

Im Ministerratsvortrag zum „Autonomiepaket“ vom 18. Oktober 2016 heißt es wörtlich: „Im Zuge des Gesetzgebungsprozesses wird das BMB die rechtlichen Änderungen der einzelnen Maßnahmenpakete sozialpartnerschaftlich abstimmen.“ Am Ende des Tages wird es sich zeigen, ob Österreichs Regierungsspitze ihren eigenen Beschluss ernst nimmt oder ob es ihr bloß um Selbstinszenierung geht.

(1) Ute Brühl und Daniela Kittner, Bildungsreform: Bund und Länder ringen um Macht. In: Kurier online vom 10. Februar 2017.

(2) Josef Ertl, „Die Einstellung bringt den Erfolg“. In: Kurier online vom 24. Juli 2016.

(3) Jukka Sarjala, Equality and Cooperation. Finland’s Path to Excellence. In: American Educator (Frühjahr 2013), S. 36.

(4) Diane Ravitch, Reign of Error. The Hoax of the Privatization Movement and the Danger to America’s Public Schools (2013), S. 126.

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Herbert Weiß: Freitag, der Dreizehnte

In meiner Zeit als Schüler hatten wir einen Lehrer, der aus unserer damaligen Sicht schon sehr alt und auch etwas schrullig war. Inzwischen bin ich wohl selbst ungefähr in diesem Alter. Ob mich meine SchülerInnen für schrullig halten, kann ich nicht beurteilen. Eine seiner Aussagen hat sich bei mir so eingeprägt, dass sie sich bis heute gehalten hat. Er hat Freitag, den Dreizehnten, immer als Glückstag bezeichnet. Seine Begründung war typisch für einen Mathematiker: „Minus mal Minus ergibt Plus.“

friday 13th, 3D rendering, rough street sign collectionDas ist mir sofort eingefallen, als ich am Freitag, dem 13. Jänner 2017, die folgende Aussage gelesen habe, die Bildungsministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten getätigt hat: „Die Schulen entscheiden selbst, ob sie sich zu Clustern zusammenschließen. Wir diktieren das in keiner Weise.“ (1)

Jemandem, der nicht bei Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ dabei gewesen ist, mag das nicht so besonders erscheinen. Immerhin hat die Ministerin diese These immer wieder vertreten. Wenn man aber über einen Gesetzesentwurf verhandelt, der ganz klar ZWANGSWEISE Clusterungen von Schulen bis zu einer Gesamtgröße von 2.500 SchülerInnen vorsieht, und dabei erfährt, dass nicht daran gedacht sei, das nicht nur zu ermöglichen, sondern auch vom Ministerium aus vorzugeben, stimmt einen diese Aussage mitten im Verhandlungsprozess doch freudig. Ich möchte Ministerin Hammerschmid dafür sehr herzlich danken und sie bitten, diese Vorgabe auch im Gesetzesentwurf verankern zu lassen.

Für einen Gewerkschafter ist es eher unüblich, dass er sich bei PolitikerInnen bedankt. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass wir grundsätzlich allen Neuerungen negativ gegenüber stünden. Vielmehr haben sich in den letzten Jahren zu viele Reformen, die der Öffentlichkeit als Innovationen verkauft worden waren, am Ende als Sparpakete herausgestellt. Vieles, was in den Medien als großartige Innovation verkauft wurde, brachte am Ende einen Qualitätsverlust.

Ohne genauer hinzusehen würde ich als Optimist zwei weitere Ansätze für lobenswert erachten:

1) Bundeskanzler Kern verspricht in seinem Plan A jedem Volksschulkind ein Tablet und jedem Jugendlichen einen Laptop. Beide sollen in den Besitz der SchülerInnen übergehen. (2)

2) Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie „Schule 4.0 – jetzt wird’s digital“ wird eine verbindliche Übung „Digitale Grundbildung“ mit einem eigenen Lehrplan im Ausmaß von zwei bis vier Jahreswochenstunden im Lauf der Sekundarstufe I angekündigt. (3)

Bei genauerer Betrachtung stellt sich bedauerlicherweise heraus, dass man offensichtlich in beiden Fällen auf wichtige Komponenten vergessen hat. Bei der ersten Vision fehlen alle Ansätze, wie das Geld dafür aufgebracht werden könnte. Bei der zweiten sollen die Schulen wieder einmal „autonom“ den Mangel verwalten, indem sie „autonom“ bestehenden Unterrichtsgegenständen Stunden kürzen.

Mein Wunsch an die Regierenden heißt also nicht: „Keine Innovationen!“. Nein, er lautet: „Gebt den Schulen mehr Ressourcen und Freiheiten, investiert in unsere Jugend und damit in die Zukunft unseres Landes!“

Wir wollen Autonomie für unsere Schulen inklusive der dafür nötigen Finanzierung und kein „Autonomiepaket“, das in Wahrheit mehr Zentralismus und ein dickes Minus an Bildung bedeutet.

(1) Zit. n. Direktoren wehren sich gegen geplante Schulcluster. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 13. Jänner 2017.

(2) Siehe SPÖ (Hrsg.), Plan A (2017), S. 66f.

(3) Siehe BMB (Hrsg.), Schule 4.0 – jetzt wird’s digital (Presseunterlage vom 23. Jänner 2017), S. 3.

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