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Herbert Weiß: Spreu und Weizen

Im Moment fühle ich mich manchmal so wie jemand, dem man eine Fuhre Mist vors Haus gekippt hat, und der dann gemeinsam mit vielen anderen sehr viel Zeit damit verbracht hat, den Mist wegzuräumen. Kann es sein, dass am Ende doch nur Dreck übriggeblieben ist?

Entspringt mein Bild nur der Erschöpfung, der in den letzten Tagen wohl alle nahe waren, die an den wochenlangen Verhandlungen um das „Autonomiepaket“ teilgenommen haben? Schließlich mussten die zähen Gespräche Runde für Runde intensiv vorbereitet und vorbesprochen werden, ganz zu schweigen von hunderten Seiten Textanalyse.

Das ursprüngliche Paket generell als Mist zu bezeichnen, klingt unfair. Die Grundidee, den Schulen mehr Gestaltungsspielraum zu geben, ist lobenswert. Schade ist nur, dass die „Erweiterung der Autonomie“ so geplant war, dass sie niemand der Betroffenen, damit meine ich SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen und DirektorInnen, als Verbesserung des Systems erkennen hätte können.

Ist das Bild von Spreu und Weizen treffender? Von Regierungsseite gab man sich überzeugt, dass man uns eigentlich Weizen „pur“ vorgesetzt habe, den wir ihnen aus der Hand fressen sollten. Im Lauf der Verhandlungen haben wir unserem Gegenüber klar gemacht, dass sie uns massenweise Spreu unter die Nase halten. Viel davon konnten wir gemeinsam entsorgen.

Interessant war für mich bei diesem Prozess, dass es immer wieder Personen gab, denen es „gelang“, den Weizen von Runde zu Runde mit weiterem Spreu zu durchmischen. Ob es sich dabei um Ungeschicklichkeit oder Boshaftigkeit handelte, sei dahingestellt.

Besonders „hilfreich“ empfand ich jene, die uns von außen gute Tipps gaben, die oft nur darin bestanden, dass wir das Paket verbessern sollten, indem wir es als unsortierbar bezeichnen und die weitere Sortierarbeit verweigern. Manche mögen es gut gemeint haben. Bei anderen ging es aber offensichtlich nur darum, sich selbst zu profilieren, indem man das Scheitern der Bemühungen vorhersagt.

Nun sind wir alle gemeinsam an einem Punkt angelangt, an dem wir der Erschöpfung nahe, aber mit einem gewissen Stolz auf die getane Arbeit zurückblicken können. Der vorliegende Begutachtungsentwurf begeistert mich nicht. Dazu war das „Autonomiepaket“ nämlich von Anfang an nicht geeignet. Der vorliegende Entwurf kann von der Gewerkschaft zur Begutachtung freigegeben werden. Nach der Begutachtungsphase werden Schlussverhandlungen mit dem Ziel einer sozialpartnerschaftlichen Einigung zu führen sein.

Zeit wäre es allerdings für eine Reform, die den tatsächlichen Problemen gerecht wird. Dafür müsste man freilich ins Bildungswesen investieren. Das wäre die Aufgabe einer Regierung, nicht der hilflose Versuch, Leute „auf Linie zu bringen“, wie es sich Österreichs Bundeskanzler gewünscht hat. (1)

(1) Kern mahnt von ÖVP „Umgangsformen“ ein. In: ORF online vom 11. März 2017.

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Herbert Weiß: Durchziehen oder durchdenken?

Kanzler Kern und Vizekanzler Mitterlehner erklärten sich im KURIER-Interview wild entschlossen, die Reform diesmal durchzuziehen – auch wenn es mit Ländern und Gewerkschaft haarig wird.“ (1) Die Regierung will also ihre jüngst propagierte Geschlossenheit mit allen Mitteln beweisen. Ob sich dafür gerade das Thema Bildung bzw. die derzeit vorliegenden Ideen eignen, sei dahingestellt. Von Dienstgeberseite wurde das „Autonomiepaket“ jedenfalls als die größte Reform der Zweiten Republik angepriesen. Die will man offensichtlich durchziehen, auch wenn man sich dafür über alle Betroffenen hinwegsetzen muss.

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Glücklicherweise gibt es unter denen, die derzeit die österreichische Bildungslandschaft mitbestimmen, auch andere Meinungen. HR Fritz Enzenhofer, amtsführender Präsident des Landesschulrates für Oberösterreichs, meint: „Es kann nicht funktionieren, etwas gegen die Gewerkschaft, sprich etwas gegen die eigenen Bediensteten zu tun. Wer Menschen führen will, muss hinter ihnen stehen.“ (2)

Die Einstellung der Schulpolitik gegenüber den Lehrergewerkschaften ist eines der Merkmale, die Finnlands Schule von der US-amerikanischen deutlich unterscheidet. Im hohen Norden wurden sie als selbstverständlicher Partner verstanden, jenseits des Atlantiks als Gegner bekämpft:

For decades, ministers of education have, without fail, understood that carrying out a reform will be infinitely easier if the experts from the teachers’ union have been involved in the preparatory work for the reform.“ (3)

Eliminating unions does not produce higher achievement, better teachers, or even higher test scores. Eliminating unions silences the most powerful advocate for public education in every state.“ (4)

Diese Erkenntnisse sind offensichtlich nicht bis zu allen vorgedrungen, die auf der Seite des Dienstgebers die Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ mit uns GewerkschafterInnen führen. Wie könnte es sonst sein, dass auf der Dienstgeberseite ernsthaft Stimmen laut werden, die Verhandlungen mit der Gewerkschaft als Zeitverschwendung bezeichnen, wenn sich die beiden Regierungspartner ohnehin schon auf die Kernpunkte der Reform geeinigt hätten?

Im Ministerratsvortrag zum „Autonomiepaket“ vom 18. Oktober 2016 heißt es wörtlich: „Im Zuge des Gesetzgebungsprozesses wird das BMB die rechtlichen Änderungen der einzelnen Maßnahmenpakete sozialpartnerschaftlich abstimmen.“ Am Ende des Tages wird es sich zeigen, ob Österreichs Regierungsspitze ihren eigenen Beschluss ernst nimmt oder ob es ihr bloß um Selbstinszenierung geht.

(1) Ute Brühl und Daniela Kittner, Bildungsreform: Bund und Länder ringen um Macht. In: Kurier online vom 10. Februar 2017.

(2) Josef Ertl, „Die Einstellung bringt den Erfolg“. In: Kurier online vom 24. Juli 2016.

(3) Jukka Sarjala, Equality and Cooperation. Finland’s Path to Excellence. In: American Educator (Frühjahr 2013), S. 36.

(4) Diane Ravitch, Reign of Error. The Hoax of the Privatization Movement and the Danger to America’s Public Schools (2013), S. 126.

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Herbert Weiß: Freitag, der Dreizehnte

In meiner Zeit als Schüler hatten wir einen Lehrer, der aus unserer damaligen Sicht schon sehr alt und auch etwas schrullig war. Inzwischen bin ich wohl selbst ungefähr in diesem Alter. Ob mich meine SchülerInnen für schrullig halten, kann ich nicht beurteilen. Eine seiner Aussagen hat sich bei mir so eingeprägt, dass sie sich bis heute gehalten hat. Er hat Freitag, den Dreizehnten, immer als Glückstag bezeichnet. Seine Begründung war typisch für einen Mathematiker: „Minus mal Minus ergibt Plus.“

friday 13th, 3D rendering, rough street sign collectionDas ist mir sofort eingefallen, als ich am Freitag, dem 13. Jänner 2017, die folgende Aussage gelesen habe, die Bildungsministerin Mag.a Dr.in Sonja Hammerschmid gegenüber den Oberösterreichischen Nachrichten getätigt hat: „Die Schulen entscheiden selbst, ob sie sich zu Clustern zusammenschließen. Wir diktieren das in keiner Weise.“ (1)

Jemandem, der nicht bei Verhandlungen zum „Autonomiepaket“ dabei gewesen ist, mag das nicht so besonders erscheinen. Immerhin hat die Ministerin diese These immer wieder vertreten. Wenn man aber über einen Gesetzesentwurf verhandelt, der ganz klar ZWANGSWEISE Clusterungen von Schulen bis zu einer Gesamtgröße von 2.500 SchülerInnen vorsieht, und dabei erfährt, dass nicht daran gedacht sei, das nicht nur zu ermöglichen, sondern auch vom Ministerium aus vorzugeben, stimmt einen diese Aussage mitten im Verhandlungsprozess doch freudig. Ich möchte Ministerin Hammerschmid dafür sehr herzlich danken und sie bitten, diese Vorgabe auch im Gesetzesentwurf verankern zu lassen.

Für einen Gewerkschafter ist es eher unüblich, dass er sich bei PolitikerInnen bedankt. Das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass wir grundsätzlich allen Neuerungen negativ gegenüber stünden. Vielmehr haben sich in den letzten Jahren zu viele Reformen, die der Öffentlichkeit als Innovationen verkauft worden waren, am Ende als Sparpakete herausgestellt. Vieles, was in den Medien als großartige Innovation verkauft wurde, brachte am Ende einen Qualitätsverlust.

Ohne genauer hinzusehen würde ich als Optimist zwei weitere Ansätze für lobenswert erachten:

1) Bundeskanzler Kern verspricht in seinem Plan A jedem Volksschulkind ein Tablet und jedem Jugendlichen einen Laptop. Beide sollen in den Besitz der SchülerInnen übergehen. (2)

2) Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie „Schule 4.0 – jetzt wird’s digital“ wird eine verbindliche Übung „Digitale Grundbildung“ mit einem eigenen Lehrplan im Ausmaß von zwei bis vier Jahreswochenstunden im Lauf der Sekundarstufe I angekündigt. (3)

Bei genauerer Betrachtung stellt sich bedauerlicherweise heraus, dass man offensichtlich in beiden Fällen auf wichtige Komponenten vergessen hat. Bei der ersten Vision fehlen alle Ansätze, wie das Geld dafür aufgebracht werden könnte. Bei der zweiten sollen die Schulen wieder einmal „autonom“ den Mangel verwalten, indem sie „autonom“ bestehenden Unterrichtsgegenständen Stunden kürzen.

Mein Wunsch an die Regierenden heißt also nicht: „Keine Innovationen!“. Nein, er lautet: „Gebt den Schulen mehr Ressourcen und Freiheiten, investiert in unsere Jugend und damit in die Zukunft unseres Landes!“

Wir wollen Autonomie für unsere Schulen inklusive der dafür nötigen Finanzierung und kein „Autonomiepaket“, das in Wahrheit mehr Zentralismus und ein dickes Minus an Bildung bedeutet.

(1) Zit. n. Direktoren wehren sich gegen geplante Schulcluster. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 13. Jänner 2017.

(2) Siehe SPÖ (Hrsg.), Plan A (2017), S. 66f.

(3) Siehe BMB (Hrsg.), Schule 4.0 – jetzt wird’s digital (Presseunterlage vom 23. Jänner 2017), S. 3.

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Herbert Weiß: Skandalöse Reform

Zu Beginn des neuen Jahres rücken wieder einmal „innovationsfreudige“ Menschen aus, um die Gewerkschaft insgesamt oder den „AHS-Gewerkschaftsboss“ im Speziellen als Verhinderer hinzustellen, die angeblich alles so lassen wollen, wie es ist. Da und dort ist gar zu lesen, dass „trotz Gewerkschaft“ eine „moderne, kindzentrierte Schule“ realisiert werden solle (1).

bigstock-the-word-reform-in-lead-lett-66974461_blogDass diese Wortmeldungen mit dem Beginn der Verhandlungen über das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung zusammenfallen, wird wohl kaum Zufall sein. Was aber die von den VertreterInnen der Regierung Mitte Dezember vorgelegten Gesetzesentwürfe mit Verbesserungen zu tun haben sollen, die gerade von uns schon seit Jahren gefordert werden, bleibt uns LehrervertreterInnen verborgen. Die bisher bekannten Entwürfe umfassen inklusive der Erläuterungen mehr als hundert Seiten. Das Wort „Pädagogik“ kommt darin nicht ein einziges Mal vor.

In Wahrheit gehe es nur um neue Strukturen, die angeblich Innovationen ermöglichen sollen. Konkreteres konnte uns bisher nicht genannt werden. Man hat dafür mehrmals betont, dass die Entwürfe einerseits nicht mit dem Koalitionspartner akkordiert und andererseits nicht auf dem neuesten Stand seien. Ich frage mich, worauf sich dann manche „ExpertInnen“ in ihren Wortmeldungen beziehen? Auf die Propaganda der Regierung?

Worin bestehen also die von den Reform-BefürworterInnen gepriesenen „Segnungen“ des Entwurfs? Eine davon wurde sofort nach dem Bekanntwerden als das identifiziert, was sie in Wahrheit ist, nämlich als Tor zu einem weiteren Sparpaket. Es geht dabei um die Abschaffung der Eröffnungs- und Teilungszahlen bzw. der Klassenschülerhöchstzahlen. Diese sollen, so wird großzügig angeboten, durch die Festschreibung der Ressourcen ersetzt werden, die den einzelnen Bundesländern für ihre Schulen zugewiesen werden. Diese Maßnahme wäre in Wahrheit aber ein als Innovation getarnter Megaskandal. Das „Angebot“ der Politik besteht nämlich darin, die derzeitigen Ressourcen, die den serienweisen Rechtsbruch notwendig machen, im Gesetz festzuschreiben und dadurch den Rechtsbruch zu legitimieren. Entgegen der gesetzlichen Vorgaben sitzen derzeit nämlich 40 % der SchülerInnen der AHS-Unterstufe in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen. (2)

Hinzu kommt noch, dass bei dieser Festlegung auf alle zusätzlichen Ressourcen, die sich aus besonderen Bedürfnissen der einzelnen Schulen ergeben, „vergessen“ worden ist. Diese versucht man nun hinter dem Begriff „Chancenindex“ zu verstecken. Dass bei der Schulfinanzierung Brennpunktschulen mit vielen sozial oder in der Unterrichtssprache Schwachen mehr Geld bekommen sollen, entspricht einer langjährigen Forderung der Gewerkschaft. Natürlich haben wir dafür immer zusätzliche Ressourcen gefordert. Der Soziologe Johann Bacher von der Universität Linz sieht das leider anders. Er behauptet, dass wir in Österreich sehr kleine Klassen hätten und schlägt vor, zur Finanzierung des Sozialindex das Zahlenverhältnis „Lehrer zu Schüler“ zu verändern. (3) Ein Faktencheck zeigt aber, dass gerade jene europäischen Staaten, die uns aufgrund ihrer Ergebnisse bei PISA immer als Vorbilder hingestellt werden, deutlich kleinere Klassen haben als wir. (4)

Dringend notwendig wäre mehr Unterstützungspersonal an den Schulen, das von der Gewerkschaft ebenfalls schon lange gefordert wird. Der aktuelle Gesetzesentwurf sieht vor, dass das Supportpersonal durch Einsparungen bei den LehrerInnen finanziert werden muss. Wenn ich mich als Lehrervertreter gegen derartige Vorhaben wehre, lasse ich mich gerne als „Verhinderer“ oder „Blockierer“ bezeichnen.

Nach den Ergebnissen der PISA-Studie hätten die verantwortlichen österreichischen BildungspolitikerInnen dringlichen Handlungsbedarf. Sie sollten das Tun des letzten Jahrzehnts kritisch reflektieren, denn die abgehobenen Reformen der Vergangenheit gegen den Willen der Betroffenen haben nichts Positives bewirkt, sondern jetzt auch von PISA dokumentierten Schaden angerichtet. Die Verantwortlichen sollten gemeinsam mit den Schulpartnern neue Wege beschreiten. Doch davon ist im vorliegenden Gesetzespaket rein gar nichts zu lesen. Der Präsident des Bundeselternverbandes Gernot Schreyer drückte es sehr vornehm aus: „Die derzeit vorliegenden Gesetzesentwürfe würden „in krassem Gegensatz zu den medialen Beschwichtigungsversuchen“ stehen.“ (5)

(1) Josef Zollneritsch, Schulreform nur für „Betuchte“? In: Kleine Zeitung vom 4. Jänner 2017, S. 8.

(2) Siehe Statistik Austria, Schulbesuch.

(3) Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(4) Siehe OECD (Hrsg.) Education at a Glance 2016 (2016), Figure D2.1.

(5) „Wird keine Elternvertretung mehr geben“. In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

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Herbert Weiß: Sozial, demokratisch, für das Volk?

Wenn man aus den Namen der beiden Parteien, die derzeit die Geschicke Österreichs bestimmen, auf ihre Arbeit schließen könnte, wäre unser Land im Moment wohl in bester Hand.

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In der Realität sieht das aber leider „etwas“ anders aus. Ich will mich bei meiner Beurteilung nicht auf eine Stufe mit jenen PolitikerInnen oder „BildungsexpertInnen“ stellen, die Studien wie PISA bewerten, ohne sie je gelesen zu haben. Eine Aussage sei mir in diesem Zusammenhang aber gestattet: Ein Land wie Österreich, das im Zeitraum von 1999 bis 2013 den Anteil der Ausgaben für das Schulwesen am BIP von 4,2 % auf 3,2 % gesenkt hat, kann nicht erwarten, in internationalen Studien zu den Gewinnern zu zählen. (1)

Bundeskanzler Mag. Christian Kern stellte zu diesem Thema in seiner Ansprache beim Bundeskongress der GÖD am 11. Oktober 2016 Folgendes fest: „Es wird nicht gelingen, die Qualität bei wachsenden Aufgaben, aber gleichbleibenden Ressourcen zu erhalten oder zu steigern.“ (2) Bei den wachsenden Aufgaben werden ihm alle, die das österreichische Schulwesen von innen kennen, beipflichten, woher er allerdings die Information über die „gleichbleibenden Ressourcen“ hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das aktuelle PISA-Ergebnis lässt in jedem Fall folgende Interpretation zu: Die bei PISA 2015 getesteten 15-Jährigen gehören einem Jahrgang an, der eine vielen Reformen ausgesetzte Schule durchlebt (hat). Die um drei Jahre älteren, also die bei PISA 2012 Getesteten haben noch nicht so viele schulpolitische „Segnungen“ über sich ergehen lassen müssen.

Nun aber zurück zu den Regierungsparteien. Die größere der beiden bezeichnet sich als sozial und demokratisch. Für ihre Bildungssprecherin sind die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie „aufrüttelnd“ und „nicht länger hinnehmbar“. In ihren weiteren Ausführungen wird dann der massive Ausbau von Ganztagsschulen als ein zentrales Element der notwendigen Reform bezeichnet, um die Kinder besser zu fördern. Das Tüpfelchen auf dem „I“ ist für mich aber folgende Aussage: „Der nächste Schritt muss die Schulautonomie sein: Motivierte LehrerInnen und Schwerpunktsetzungen an Schulen nach den Eignungen und Neigungen der SchülerInnen sind gut für das Lernklima und die Unterrichtsqualität; und genau diese Qualität ist ein Schlüssel zum Lernerfolg – das zeigen auch die besten Pisa-Länder“. (3) Von „Autonomie“ zu sprechen, wo in Wahrheit Einsparungen und die Beseitigung gewachsener demokratischer Strukturen gemeint sind, ist einer demokratischen Repräsentantin unwürdig.

Großbritannien liegt hinsichtlich der sozialen Mobilität unterhalb von südamerikanischen Ländern wie Argentinien.“ (4) Dass es sozial sein soll, mit einem Gesamtschulsystem jenen Kindern, die aus sozial schwachen Verhältnissen kommen, aus ideologischen Gründen die Chance zu nehmen, sich aufgrund ihrer Leistung nach oben zu arbeiten, verstehe ich ganz und gar nicht. Was bleibt also von „demokratisch“ und „sozial“ übrig?

Es ist aus meiner Sicht aber auch nicht christlich, eine Politik mitzutragen, die in letzter Konsequenz nur mehr den Betuchten ermöglicht, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen: „Alle Gesamtschulsysteme haben andere Modi der Segregation entwickelt. Der einfachste und banalste, der übrigens im Moment massiv im Vormarsch ist – da gibt es eine wunderbare 16-Cities-Studie, die sechzehn Großstädte in mehreren Ländern vergleicht –, ist Trägerschaft: öffentlich, privat, frei.“ (5)

Damit sind wir bei der zweiten Regierungspartei, die sich manchmal auch christlich-sozial nennt. Ob sie den Namen „Volks“-Partei verdient, sei ebenso dahingestellt. Denn immerhin spielt sie bei allen Reformen des Schulsystems willfährig mit, auch wenn sie sich damit, wie etwa bei der verpflichtenden Ganztagsschule oder der Gesamtschule, eindeutig gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit des „Volkes“ stellt.

Wenn sich Österreichs Parteien statt auf Dogmen mehr auf das Wohl der Bevölkerung konzentrierten, sähe ich der Zukunft unseres Landes und vor allem der unserer Jugend mit größerem Optimismus entgegen.

(1) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Figure B2.2. OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2002 (2002), Table B2.1b.

(2) Zit. n. Kern verspricht mehr Personal für die Ämter. In: Standard online vom 11. Oktober 2016.

(3) PISA – Grossmann: Ergebnisse „nicht hinnehmbar“ – Schluss mit Reformblockaden. OTS-Aussendung vom 6. Dezember 2016.

(4) Julian Nida-Rümelin, „Profil“ (Zeitung des dphv) vom September 2016, S. 20.

(5) Stefan Hopmann, Bildungsreform 2015 – Fortschritt oder Rückschritt?. Keynote beim „Weis[s]en Salon“ vom 10. Dezember 2015.

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Herbert Weiß: Feinkostladen oder Supermarkt

Der Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Supermarktketten und der damit verbundene Verdrängungswettbewerb haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Nahversorger und Feinkostläden zunehmend verschwunden sind. Das Bedürfnis vieler Menschen nach persönlicher Ansprache, das auch beim Einkaufen eine Rolle spielt, kann dadurch immer weniger berücksichtigt werden. Unpersönlicher sind nur mehr Onlineeinkäufe, die in Zukunft vielleicht schon von Drohnen zugestellt werden. Supermarktketten reagieren in jüngster Zeit auf die Bedürfnisse der KundInnen damit, dass sie einerseits „Qualitätsprodukte“ zu höheren Preisen anbieten und andererseits ihre Waren auch direkt zu den KundInnen bringen. Und neben den Großmärkten etablieren sich hochpreisige Feinkostgeschäfte.

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Nun scheint diese Entwicklung auch auf die Schulen überzugreifen. Man liest immer öfter davon, dass Kleinschulen geschlossen werden müssen. Angeblich werden bei Schulschließungen zwar auch Faktoren wie der Bauzustand oder die Entfernung zur nächsten Schule berücksichtigt, in Wahrheit zählen aber doch nur Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung.

Zur Verteidigung der Verantwortlichen könnte man anführen, dass von derartigen Aktivitäten ohnehin nur Kleinschulen betroffen seien und dass man auch bei den Schulen Sparsamkeit walten lassen müsse. Dem möchte ich entgegenhalten, dass Österreich für sein Schulwesen weit weniger Geld ausgibt, als das im OECD-Schnitt der Fall ist.

Das „Autonomiepaket“, das die Bundesregierung vor einigen Wochen vorgelegt hat, liefert Munition für zwangsweise Zusammenschlüsse mehrerer Schulen, bei denen in Wahrheit nur der Sparstift maßgeblich sein wird. Die angeführte Größe der geplanten „Cluster“ beträgt 2 bis 8 Schulen bzw. bis zu 2500 SchülerInnen. Von Kleinschulen kann also wohl keine Rede sein. Aufhorchen lässt, dass im Ministerratsvortrag zu diesem Thema immer wieder von Effizienzsteigerung oder Einsparungspotential die Rede ist.

Pädagogische Innovationen sollen damit angeblich ermöglicht werden. Wie diese aber angesichts des Drucks, den das Modell den Schulen auferlegt, umgesetzt werden sollen, kann sich niemand der Betroffenen vorstellen. Die Entwicklung soll nach den Reformplänen weggehen von individuellen Schulprofilen und LeiterInnen, die sich mit ihrer Schule identifizieren und den LehrerInnen als persönliche AnsprechpartnerInnen zur Verfügung stehen.

Wie bei Supermarktketten soll es LeiterInnen für mehrere Standorte geben, die das umsetzen müssen, was man ihnen von oben vorgibt. Dass sie dabei die Situation des einzelnen Standorts berücksichtigen können, erscheint angesichts des Spardrucks, der sich aus der Budgetknappheit und dem aus ihr resultierenden Effizienzzwang ergibt, mehr als fragwürdig.

Bleibt noch die Entwicklung hin zu teuren Qualitätsprodukten. Dieses „pädagogische Luxussegment“ fürchten schon seit langer Zeit alle, die sich mit den Entwicklungen in den traditionellen Gesamtschulländern beschäftigen. Hochwertige Bildung wird dort immer teurer und steht vielfach nur mehr den finanziellen Eliten offen. Vielleicht ist das aber das Ziel jener, die unser öffentliches Schulsystem sehenden Auges an die Wand fahren lassen. Nach deren Meinung reichen für die „NormalbürgerInnen“ anscheinend Brot und Spiele oder besser Burger und Handy.

Möge die Vernunft bald wieder Einzug in die Bildungspolitik halten, damit uns Fastfood-Gymnasien mit Handypflicht erspart bleiben.

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Herbert Weiß: Von Trommlern und Ruderern

Am 18. Oktober hat die Regierung das lange angekündigte „Autonomiepaket“ vorgestellt. Bei fast allen Gesprächen mit MedienvertreterInnen, die ich in den letzten Tagen geführt habe, bin ich auf die Aussage meines Vorgängers Eckehard Quin angesprochen worden, in der er den Erstentwurf für die „Modellregionen“ mit den Worten „Schuldiktatur à la Nordkorea“ kommentiert hat. Machen Sie sich selbst ein Bild, ob das am Dienstag vorgelegte Paket eher in eine Diktatur oder eine Demokratie passt.

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Wohl nicht nur mir bleibt jedenfalls verborgen, was der aktuelle Entwurf mit einer Stärkung der Schulpartnerschaft auf allen Ebenen zu tun haben soll. Keine Spur von der groß versprochenen Einbindung der Betroffenen. (1)

Ich kenne keine gewählten Eltern-, Lehrer- oder SchülervertreterInnen, von denen ich weiß, dass sie in den Entstehungsprozess des von vielen Medien bejubelten Reformpapiers eingebunden gewesen wären. Mag sein, dass es einen handverlesenen Personenkreis gibt, den man eingebunden hat, weil man von ihm erwarten konnte, diesem nicht einmal geschickt getarnten Spar- und Entmachtungspaket zu applaudieren.

Manche Medien ließen selbsternannte ExpertInnen ausführlich zu Wort kommen. Den Mangel an gelebter Demokratie kann dies aber nicht kompensieren.

Statt die Schulpartnerschaft auch auf Landes- und Bundeseben endlich gesetzlich zu verankern, will der angesprochene Entwurf den schulpartnerschaftlichen Gremien ihre Entscheidungskompetenz rauben. Sämtliche Eröffnungs- und Teilungszahlen können bisher vom SGA geändert werden. In Zukunft sollen darüber die Schul(cluster)leitungen allein entscheiden. Bundesschulsprecher Harald Zierfuß brachte es auf den Punkt: „Aus dem bewährten SGA mit Entscheidungskompetenz würde ein Debattierklub werden, der in der Bedeutungslosigkeit versinkt.“ (2)

Im „Reformpapier“ wird wiederholt davon gesprochen, dass „die Schulen“ gestärkt werden sollen. Angesichts dessen, dass Entscheidungen, die bisher von der Direktion oder dem SGA der Schule zu treffen waren, in Zukunft von Direktion oder der der Direktion übergeordneten Clusterleitung zu treffen sind, empfinde ich das als Verhöhnung. In Wirklichkeit will das „Reformpapier“ den Schulpartnern vor Ort jede Entscheidungskompetenz nehmen und den DirektorInnen den Clusterleiter vorsetzen.

Geht es um Einsparungen? Wohl kaum ein demokratisches Gremium der SchulpartnerInnen würde etwa einer massiven Erhöhung von Klassenschülerzahlen an seinem Schulstandort zustimmen.

Von Stärkung „der Schulen“ oder der Demokratie kann man jedenfalls, wenn man bei der Wahrheit bleibt, nicht sprechen. Offensichtlich wollen wieder einmal die, die oben trommeln, jenen, die unten rudern, diktieren, was für sie gut ist.

(1) Siehe Ministerratsvortrag vom 18. Oktober 2016, S. 11.

(2) Bundesschulpartner warnen vor Aus der Mitbestimmung. OTS-Aussendung des B-SGA vom 19. Oktober 2016.

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