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Gerhard Riegler: Die Frage nach dem Warum

Wir LehrerInnen müssen damit leben, dass Schule auch bei privaten Zusammenkünften regelmäßig zum Thema wird und uns unser berufliches Wirken daher auch in der Freizeit fordert. Dabei erleben wir hautnah, welches Bild von Schule Menschen, die mit ihr nicht unmittelbar und aktuell in Kontakt stehen, via Medien vermittelt wird.

Bei der heurigen Osterjause im Kreis der Verwandtschaft wurde ich mit Fragen konfrontiert, die ich mir seit Jahren selbst stelle: „Haben die Schulpolitiker so wenig Ahnung von der wirklichen Schule, dass sie einen Unsinn nach dem anderen beschließen? Warum lassen sie sich von euch nicht beraten?“

Als erfreulich empfinde ich, dass sich allmählich durchzusprechen scheint, dass die bisherigen „Bildungsreformen“ keineswegs die in den Hochglanzbroschüren vollmundig versprochenen Heilswirkungen gezeigt, sondern Österreichs Schulwesen erheblich geschädigt haben. Erfreulich ist dies deshalb, weil aus dieser Erkenntnis allmählich eine kritische Distanz gegenüber schulpolitischen „Reformpaketen“ resultiert, die der Bevölkerung als Arznei verkauft werden, obwohl sie Krankheit verursachen.

Reformen über Reformen werden in den Sand gesetzt, ohne Produkthaftung von Seiten derjenigen, die all dies inszeniert haben. Dass die allermeisten Reformen eben gerade denen schaden, denen sie zugutekommen sollten, nämlich den sozial Schwächsten, wird verdrängt.“ (1)

Geantwortet habe ich, wovon ich von Jahr zu Jahr mehr überzeugt bin: Ich glaube, dass einigen PolitikerInnen, und zwar nicht den unwichtigsten, tatsächlich bewusst ist, was sie tun. Ich glaube, dass sie das öffentlich finanzierte Schulwesen bewusst schädigen. Ich glaube, dass sie das öffentliche Vertrauen ins Schulwesen bewusst untergraben, um auch hierzulande den Nährboden für elitäre Bildungstempel zu schaffen, in denen die Kinder derer unterrichtet werden, deren Eltern es sich leisten können, pro Kind und Monat einige tausend Euro Schulgeld zu bezahlen.

Im OECD-Mittel besuchen bereits etwa drei Mal so viele SchülerInnen wie in Österreich derartige „private independent schools“, in den USA gar schon fünf Mal so viele. (2) In den USA sind Klassen in „private independent schools“ um ein Drittel kleiner als an den staatlich finanzierten Schulen, in Frankreich und Großbritannien mit einer durchschnittlichen Klassenschülerzahl von 13,1 bzw. 10,7 sogar nur halb so groß. (3)

Ob sich die Demontage des öffentlich finanzierten Schulwesens beenden lässt, wird von uns abhängen. Nicht „die Politik“ gilt es zu überzeugen, sondern diejenigen, auf deren Stimmen PolitikerInnen angewiesen sind. Der ehemalige Bundespräsident Deutschlands Joachim Gauck hat es in seiner Abschiedsrede am 18. Jänner 2017 auf den Punkt gebracht: „Wir, die Bürger, sind es, die über die Gestalt unseres Gemeinwesens entscheiden. Und wir, die Bürger, tragen die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Allen, die aktiv dazu beitragen, dass Fakten als Antwort auf Propaganda Verbreitung finden, und damit für Aufklärung sorgen, möchte ich an dieser Stelle herzlich danken.

(1) Josef Kraus, Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt (2017), S. 12.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2015 Results: Policies and Practices for Successful Schools (2016), Table II.4.7.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2016 (2016), Table D2.1.

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Gerhard Riegler: Die Bildungspolitik braucht eine Reform

Am Montag ist das schon drei Tage zuvor den Medien vollmundig präsentierte „Autonomiepaket“ nun tatsächlich in Begutachtung gegangen. Wenn ich mir ansehe, was von all dem, was ursprünglich geplant war, nicht mehr enthalten ist, bin ich sehr froh und dem Verhandlungsteam der Lehrergewerkschaften sehr dankbar.

Angesichts dessen, dass unsere Schulen dringend Hilfe bräuchten, um zusätzliche Herausforderungen meistern zu können, die nicht zuletzt durch politisches Versagen verursacht sind, und angesichts dessen, dass in diesem riesigen Paket kein bisschen Hilfe zu finden ist, packt mich allerdings die Wut. „Was jetzt gemacht wird, geht an den Kernproblemen des Bildungswesens um Lichtjahre vorbei“, lautet die Diagnose des ehemaligen Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Mag. Dr. Kurt Scholz, mit der er mir aus dem Herzen spricht. (1)

Am Dienstag ist „unsere“ Ministerin mit einer Aussage in die Öffentlichkeit getreten, die ich, um höflich zu bleiben, als Entgleisung bezeichne: „Wir haben eines der teuersten Schulsysteme im OECD-Vergleich, schneiden bei internationalen Testungen aber maximal durchschnittlich ab. Das zeigt ganz klar, dass das Problem nicht am Mangel an finanziellen Mitteln liegt.“ Und das, obwohl die Ministerin ganz genau weiß, dass unserem Schulwesen im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte massiv Ressourcen entzogen wurden, obwohl sie weiß, dass Österreichs Schulwesen jährlich zwei Milliarden Euro mehr bekommen müsste, um denselben Anteil am Brutto-Inlandsprodukt nutzen zu können, der den Schulen im OECD-Mittel vergönnt ist.

Nein, BM Mag. Dr. Sonja Hammerschmid wurde nicht falsch zitiert, nein, dieser unsägliche Sager ist ihr auch nicht im Rahmen eines Interviews durch ein intellektuelles Blackout passiert. Nein, er stammt aus einer Presseaussendung, sollte also wohlüberlegt sein. (2)

Finanziert wurde diese Presseaussendung vom Bildungsministerium, dem das Geld fehlt, um zumindest die Klassenschülerhöchstzahl 25 auch nur annähernd gesetzeskonform umzusetzen. Dessen Chefin aber verspürt das Bedürfnis, unser Schulwesen als teuer und uns LehrerInnen als das Problem hinzustellen. Österreichs Schulwesen leidet tatsächlich nicht nur unter massiver Unterfinanzierung.

Dringender Reformbedarf besteht in der Bildungspolitik, nicht im Bildungswesen“, bringt es Ronald Barazon, der langjährige Chefredakteur der Salzburger Nachrichten, auf den Punkt. (3)

(1) Zit. n. Die Zukunft in Schwarz und Weiß. In: Kleine Zeitung vom 23. März 2017.

(2) Hammerschmid: Bildungssystem braucht moderne Pädagogik, nicht mehr Ressourcen. Presseaussendung vom 21. März 2017.

(3) Ronald Barazon, Die Vernichtung des Bildungswesens. Videokommentar vom 16. März 2017.

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Gerhard Riegler: Weltweit Vorbild, im eigenen Land verdrängt

Ende Februar waren beim AMS insgesamt 24.500 Akademiker als arbeitslos gemeldet, um 1139 bzw. 4,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inklusive Schulungsteilnehmern waren es knapp 30.000.“ (1) Noch nie hat es in Österreich so viele arbeitslose AkademikerInnen gegeben. Zu „verdanken“ ist diese Tatsache nicht zuletzt einer Politik, die sich vom Vorwurf der OECD, Österreich habe eine zu geringe Akademikerquote, ins Bockshorn jagen ließ, statt sich dessen bewusst zu sein, dass Österreichs Schulwesen zu bieten hat, worum uns andere Staaten inzwischen beneiden.

vielfalt

In unserem Land hatten und haben junge Menschen mit einem erfolgreichen Abschluss jeder Art von Sekundarstufe II – ob Lehre, mittlere oder höhere Schule – bessere Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben als „AkademikerInnen“ in anderen Staaten. In Österreich sind nach den aktuellsten Daten der Eurostat nur sechs Prozent der 25- bis 29-jährigen AbsolventInnen einer Sekundarstufe II arbeitslos, im EU-Mittel aber über neun Prozent der JungakademikerInnen.

Entscheidend ist – nicht nur in Österreich -, die Sekundarstufe II erfolgreich abzuschließen, statt die Schullaufbahn als Dropout zu beenden. Es kommt also darauf an, dass junge Menschen den für sie richtigen Weg finden und ihn konsequent zu Ende gehen.

Während Österreichs Jugendarbeitslosenquote, noch vor wenigen Jahren die niedrigste aller EU-Staaten, langsam, aber sicher steigt, hat die Arbeitslosenquote Deutschlands den niedrigsten Wert seit einem Vierteljahrhundert erreicht. Finnlands hohe Akademikerquote, die Österreichs Politik vor die Nase gehalten wurde, und Finnlands Massen junger Menschen, die keine Arbeit finden, haben eine gemeinsame Wurzel, deren man sich bei unserem deutschen Nachbarn bewusst ist: „In Finnland gibt es kein vergleichbares System der beruflichen Bildung wie in Deutschland. Die extrem hohe Studienanfängerquote ist auch Ausdruck eines Defizits, es gibt keine nicht-akademische Berufsausbildung.“ (2)

Aber längst ist man sich nicht nur in Deutschland des Vorteils eines vielfältigen Bildungsangebots bewusst, sondern auch in immer mehr Staaten, denen die Vielfalt fehlt: „Viele Länder, u. a. das Vereinigte Königreich (modern apprenticeships), Spanien (nuevo contrato de la formación y aprendizaje) und Frankreich (apprentissage nouveau), setzen auf neue/modifizierte duale Ausbildungssysteme, um den hohen Jugendarbeitslosigkeits- und Schulabbruchquoten entgegenzuwirken.“ (3)

Bis nach Südostasien hat sich die duale Bildung als Erfolgsmodell durchgesprochen. Südkoreas Politik scheut auch nicht davor zurück, mit dem Namen „Meister Schools“ zu demonstrieren, wo man sich dieses Erfolgsmodell abgeschaut hat. „The employment rate of university graduates in 2013 was 56 %. […] For vocational institutions, the employment rate of Meister high-schools in 2013 was over 90 %.“ (4)

In Österreich aber feiert man es als Erfolg der NMS, dass mehr AbsolventInnen eine höhere Schule beginnen und weniger eine duale Bildung, als dies für die Hauptschule gegolten hat. Ob diese jungen Menschen den Weg zur Matura erfolgreich beenden oder als Dropout enden, ist für Österreichs Schulpolitik – vor wenigen Tagen einmal mehr im Unterrichtsministerium hautnah erlebt – kein Thema. Unglaublich, aber leider wahr.

(1) Anita Staudacher, Arbeitslosigkeit: Höchster Anstieg bei Akademikern. In: Kurier online vom 1. März 2017.

(2) Julian Nida-Rümelin in Hanns Seidel Stifung (Hrsg.), Akademikerschwemme versus Fachkräftemangel (2016), S. 81.

(3) ibw (Hrsg.), Befragung österreichischer LehrabsolventInnen zwei Jahre nach Lehrabschluss (2016), S. 11.

(4) OECD (Hrsg.), OECD Skills Strategy Diagnostic Report Korea 2015 (2015), S. 50.

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Gerhard Riegler: Hainburg

Aus der Geschichte zu lernen, empfehle ich Österreichs Schulpolitik. Sie hat sich nämlich in eine Situation manövriert, die mich an Hainburg erinnert.

Die Jungen unter uns, denen „Hainburg“ kein Begriff mehr ist, der Erinnerungen an den zivilen Ungehorsam wach- und Bilder des beherzten Widerstands vor Augen ruft, bitte ich um einen Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag, da an dieser Stelle kein Platz für einen historischen Exkurs vorhanden ist. (1)

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Der Weg, der Österreichs Schulpolitik in Opposition zu den von ihr Betroffenen geführt hat, war lang und von Abgehobenheit und Rücksichtslosigkeit geprägt. Sonst hätten zwei Jahrzehnte, in denen eine „heilsbringende“ Reform die andere jagte, nicht dazu geführt, dass meiner Einschätzung nach mindestens 80 Prozent der LehrerInnen heute den Zustand der Schule vor zwanzig Jahren statt des heutigen wählen würden, könnten sie denn wählen, ohne Vergangenes verklären zu wollen.

  • Gibt es ein vernichtenderes Zeugnis für eine Politik als das Urteil der betroffenen Fachleute, dass in Summe Schaden angerichtet wurde?
  • Gibt es einen blamableren Offenbarungseid, als dass die Schulpolitik den Betroffenen über ein „Autonomiepaket“ das Mitwirkungsrecht entziehen will, um von oben auf ihre Schule zugreifen und sie nach Belieben (um)gestalten zu können?
  • Gibt es einen ungeschickter getarnten Versuch, der AHS-Langform den Garaus zu machen, als die Schulen nach Belieben gegen den Willen der Betroffenen „clustern“ zu können?

Die Besetzung der Hainburger Au im Dezember 1984 war „sowohl von umweltpolitischer als auch von demokratiepolitischer Bedeutung für Österreich“. (2) Die einjährige Nachdenkpause, die sich die österreichische Bundesregierung am 4. Jänner 1985 verordnete, brachte nicht nur den sofortigen Stopp eines Konflikts, der kurz vor der völligen Eskalation stand, sondern in Folge auch ein umweltpolitisches Umdenken, von dem Österreich profitierte und noch heute profitiert.

Ich hoffe, Österreichs Schulpolitik hat genug Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein, die Eskalation zu vermeiden und sich aus der Enge, in die sie sich manövriert hat, durch Reflexion zu befreien. Statt die Rechte der Betroffenen abzuschaffen, möge die Schulpolitik Mut zur Selbstkritik beweisen.

Kettensägen sind kein taugliches Mittel, den von einer Schulpolitik der Arroganz angerichteten Schaden zu beheben. Österreichs Schule braucht sozialpartnerschaftlichen Dialog, Wertschätzung für LehrerInnen, SchülerInnen und deren Eltern und endlich wieder die Ressourcen, die der Schule über all die Reformen der letzten zwanzig Jahre entzogen wurden. Für die Verwendung dieser Ressourcen gibt es an jeder Schule mehr als genug Bedarf und schulautonome Kompetenz, sie für das Gelingen von Schule sinnvoll einzusetzen.

Eine Nachdenkpause, die auch wirklich zum Nach- und Umdenken genutzt wurde, folgte auf den 4. Jänner 1985. Eine sinnvoll genutzte Nachdenkpause ist Österreichs Schulpolitik heute dringend zu empfehlen.

(1) Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Besetzung_der_Hainburger_Au.

(2) Ibidem.

Bild: Stopfenreuther Au, Wikimedia Commons.

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Gerhard Riegler: Den Worten mögen Taten folgen!

Österreichs Bundeskanzler hat sich am Mittwoch in seiner „Rede zur Zukunft Österreichs“ entschuldigt. Ein mutiger und mich auch beeindruckender Schritt.

Österreichs Regierung hat allen Grund, sich ganz besonders für Österreichs Schulpolitik des letzten Jahrzehnts, die unter dem Titel „Reformpolitik“ enormen Schaden angerichtet hat, zu entschuldigen. Die Auseinandersetzung mit den unzähligen Befunden, die PISA vor einem Monat auf den Tisch gelegt hat, hat mich auf dieses Eingeständnis des Versagens hoffen lassen.

Ein Anfang ist gemacht, dem unverzüglich konkrete Maßnahmen folgen müssen. Eine Schulpolitik, die Fakten verdrängt, um ihren verhängnisvollen Weg fortsetzen zu können, muss sofort gestoppt werden. Daten geheim zu halten, die Kontextfragen zu den Bildungsstandards geliefert haben, ist ein untauglicher Versuch, das eigene Versagen zu vertuschen.

Hand holding megaphone - Facts vector illustration isolated on backgroundZurück zu PISA: Warum wurden in Österreich die Eltern- und Lehrerfragebögen nicht zum Einsatz gebracht? Hat man Angst zu erfahren, was die von Schule unmittelbar Betroffenen zu sagen haben? Deutschland ist einen anderen – einen mutigeren – Weg gegangen. In Deutschland wurden Lehrkräfte im Rahmen einer nationalen Zusatzerhebung auch schon befragt, als es von der OECD noch gar keine Lehrerfragebögen gab. Und zwar vom ersten PISA-Durchgang an.

Von Deutschland könnte Österreichs Schulpolitik sehr viel lernen. Auch aus einem Vergleich der höchst unterschiedlichen Ergebnisse der deutschen Bundesländer, die sich stark in der jeweiligen Schulpolitik unterscheiden, bei innerdeutschen Vergleichsstudien.

Ohne PISA-Ergebnisse überbewerten zu wollen: Deutschland, einst hinter Österreich liegend, ist ins europäische Spitzenfeld aufgestiegen. Gäbe es noch die bundeslandspezifische PISA-Auswertung, wäre Bayern inzwischen höchstwahrscheinlich Europas PISA-Sieger. Österreich hingegen ist ins Mittelfeld und in vielen Kategorien unter dieses abgerutscht.

Wer Österreichs vom BIFIE verfassten PISA-Bericht (1) mit dem Deutschlands (2) vergleicht und aus dem deutschen Bericht Daten über Österreich erfährt, die der BIFIE-Bericht verschweigt, dem wird es wohl so gehen, wie mir: Ich bin mit meiner Geduld am Ende.

Ein Beispiel gefällig?

Auffallend hohe Quoten von Schulleitungen, die das Lernen und Schulklima an ihrer Schule durch Absentismus gefährdet sehen, finden sich in Finnland (44 Prozent), Österreich (49 Prozent), Slowenien (53 Prozent) und Kanada (56 Prozent).“ (3)

Dem BIFIE war dieses erschreckende Faktum keine Erwähnung wert.

Noch eines?

Von den 15-Jährigen, von denen nur ein Elternteil zugewandert ist, sprechen in Großbritannien 6,3 % zu Hause nicht die Unterrichtssprache, in Frankreich 10,0 %, in Deutschland aber 16,4 % und in Österreich sogar 23,4 %. (4)

Dem BIFIE ist auch das keine Erwähnung wert. Wie lang will man noch die größte Herausforderung für Österreichs Schulwesen unter den Teppich kehren?

Es schmerzt: Deutschlands PISA-Bericht vergleicht die Ergebnisse der 15-Jährigen nicht einmal mehr mit denen Österreichs, sondern wählt als Vergleichsstaaten Finnland, Kanada, die Niederlande, Großbritannien und die Schweiz. Österreich wird als einer der „leistungsschwächeren Staaten“ erwähnt. (5)

Eine radikale schulpolitische Umkehr hat der Entschuldigung des Bundeskanzlers zu folgen, alte Konzepte sind zu verwerfen, Regierungsvereinbarungen neu zu bewerten, wenn die Talfahrt auf Kosten der österreichischen Jugend ein Ende finden soll. Den Worten mögen Taten folgen! Und zwar nicht irgendwann, sondern hic et nunc.

(1) Birgit Suchán u. a., PISA 2015. Grundkompetenzen am Ende der Pflichtschulzeit im internationalen Vergleich (2016).

(2) Kristina Reiss u. a., PISA 2015. Eine Studie zwischen Kontinuität und Innovation (2016).

(3) Ebenda, S. 210.

(4) Siehe ebenda, S. 328.

(5) Ebenda, S. 211.

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Gerhard Riegler: Höhenflüge statt Talfahrten

Eineinhalb Wochen habe ich inzwischen in die Analyse der PISA-Daten investiert. Mit den PISA-Daten meine ich natürlich nicht nur den äußerst knapp gehaltenen Bericht des BIFIE, sondern die internationalen Berichte und die Auseinandersetzung mit den Rohdaten.

Ein Editorial bietet nicht ansatzweise den Rahmen, innerhalb dessen auf Details eingegangen werden könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich erst einen kleinen Teil der Arbeit geleistet habe, die ich leisten möchte. PISA-Daten liefern nämlich in der Tiefe ungemein viele Informationen, die wertvoll wären, würde sich die Politik auf sie einlassen, was in Österreich bisher leider nicht gelungen ist. Statt „leider“ hätte ich vielleicht zutreffender „skandalöserweise“ schreiben sollen.

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Es drängt sich zunächst ein Vergleich zwischen PISA 2006 und PISA 2015 auf, da bei beiden Durchgängen mit den Naturwissenschaften dieselbe Hauptdomäne im Mittelpunkt stand. Der Vergleich der Ergebnisse der derzeit 28 EU-Staaten zeigt:

Österreichs 15-Jährige belegten vor dem Jahrzehnt der „Reformpolitik“ bei PISA 2006 die Plätze 7 (Mathematik), 7 (Naturwissenschaften) und 12 (Lesen), neun Jahre später sind sie auf die Plätze 10 (Mathematik), 12 (Naturwissenschaften) und 18 (Lesen) abgerutscht.

Eine verantwortungsbewusste Politik hätte spätestens an den Ergebnissen von PISA 2006 erkannt, dass das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen des integrationspolitischen Handlungsbedarfs unübersehbare Folgen nach sich gezogen hat: Nicht wie in den beiden anderen Kompetenzbereichen am Ende des ersten Viertels des internationalen Orchesters, sondern nur im Mittelfeld landeten unsere 15-Jährigen mit ihrer Lesekompetenz bei PISA 2006. Dass Schwächen in der Lesekompetenz sehr stark auf die anderen Bereiche ausstrahlen, dass also in der Mathematik und den Naturwissenschaften noch weit bessere Platzierungen als am Ende des ersten Viertels möglich gewesen wären, sei ergänzend erwähnt.

Statt aber ehrlich zu sein, die Folgen einer jahrzehntelangen Vogel-Strauß-Politik einzugestehen und sich unverzüglich an die Behebung des von ihr verursachten Schadens zu machen, griff Österreichs Schulpolitik zur Propagandatrommel. Schlag um Schlag wurde die Verleumdungspolitik gegen unser Schulwesen und uns LehrerInnen geführt, ein Anschlag auf die Qualität unseres Schulwesens nach dem anderen unternommen.

Verkauft wurde dieses destruktive Treiben als „Reformen“. Um sich dafür in Medien Unterstützung zu verschaffen, holte man sich – zusätzlich zu den sündteuren Inseraten und „Medienkooperationen“ auf Kosten des Steuerzahlers – skurrile Typen, die sich „ExpertInnen“ nannten und unser Schulwesen medial mit völlig verrückten Vorwürfen überschütteten.

Die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hat erheblichen Schaden angerichtet, die Bilanz liegt in aller Ausführlichkeit auf dem Tisch. Jede Unternehmensleitung würde gegenüber den dafür Verantwortlichen rechtliche Schritte prüfen. Österreichs Schulpolitik ist angesichts dieser Bilanz zumindest aufgefordert, ihr Tun unverzüglich, ehrlich und schonungslos zu reflektieren. Reformen, die zu einem so deutlichen Qualitätsverlust geführt haben, sind als Fehlentscheidungen einzugestehen und schnellstens zurückzunehmen.

Um wieder dort zu landen, wo wir waren, bevor der Absturz provoziert wurde – nämlich am Ende des ersten Viertels –, sind schulpolitische Höhenflüge einzuleiten. Manche Aussage, die nach der Präsentation der aktuellen PISA-Ergebnisse zu hören oder lesen war, halte ich für eine Zumutung gegenüber allen an der Schule Beteiligten. Wer nach diesem Desaster der Reformen des letzten Jahrzehnts, die für diese Talfahrt sorgten, eine Beschleunigung der Reformen fordert, kommt mir vor wie ein Autofahrer, der von der Straße abkommt, über die Böschung fährt und glaubt, sich durch Vollgas retten zu können. Abgesehen von Irren und Selbstmördern würde dies niemand tun, es sei denn, er ist in Panik. Dass Panik Personen erfasst, deren schulpolitische Positionen zu diesem Schaden geführt haben, ist verständlich.

Irrsinn und Panik sind gleichermaßen schlechte Berater. Vernunft und Verantwortungsbewusstsein mögen endlich Österreichs Schulpolitik bestimmen!

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Gerhard Riegler: Das Ende einer fahrlässigen Schulpolitik

Der Absturz Baden-Württembergs beim innerdeutschen Leistungsvergleich von SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe (IQB-Bildungstrend 2015) könnte für Österreich Goldes wert sein. Der jähe Aufprall sollte nämlich einen Denkanstoß geben, und zwar auch über die Grenzen Deutschlands hinaus!

Baden-Württembergs SchülerInnen landeten bei derartigen Vergleichsstudien immer wieder in Deutschlands Spitzenfeld. Neben Bayern schien Baden-Württemberg einen Platz auf dem Podest gepachtet zu haben.

bildungswissenschaft-at_blogNach Jahren intensiver „Reformpolitik“, deren Phrasen bis ins Detail jener Propaganda glichen, der wir in Österreich schon so lang ausgesetzt sind, ist Baden-Württemberg von Deutschlands Spitze ins Mittelfeld abgerutscht und erreicht in etlichen Bereichen nicht einmal mehr durchschnittliche Ergebnisse.

Die Folgen einer Schulpolitik, die auf das Trommeln von Politphrasen statt auf das reiche Erfahrungswissen der PraktikerInnen und die ebenso reiche bildungswissenschaftliche Evidenz gesetzt hat, rufen jetzt Bestürzung in der schulpolitischen Chefetage hervor, aus der sich manche „Player“ inzwischen verabschieden mussten. Für die geschädigten jungen Menschen kommt dies leider zu spät. Unseren KollegInnen in Baden-Württemberg gilt meine tief empfundene Sympathie.

Eine Schulpolitik, die nicht genug Zeit findet, sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen, und die zu abgehoben ist, um das Wissen der LehrerInnen als Basis ihrer Arbeit zu nutzen, hat sich in fahrlässiger Art und Weise auf windige „ExpertInnen“ verlassen und damit der Schule massiven Schaden zugefügt. Und damit bin ich auch schon in Österreich gelandet.

Seit wenigen Tagen kann sich jeder schulpolitisch Interessierte – und das sollten politische EntscheidungsträgerInnen doch wenigstens sein – mit extrem wenig Aufwand auf www.bildungswissenschaft.at über aktuellste bildungswissenschaftliche Erkenntnisse informieren. Es steckt in dieser Website enorm viel Arbeitszeit. Bei der steirischen ZA-Mandatarin Gudrun Pennitz, ohne die ich dieses Werk nie geschafft hätte, möchte ich mich dafür herzlichst bedanken.

Wir wollten einer fahrlässigen Schulpolitik einen Riegel vorschieben. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies gelungen ist. Sollte nämlich weiterhin Schulpolitik an der bildungswissenschaftlichen Evidenz vorbeigeführt werden, kann nicht mehr von Fahrlässigkeit gesprochen werden. Dann ist Vorsatz am Werk, wenn es LehrerInnen sukzessive erschwert bis verunmöglicht wird, im Interesse ihrer SchülerInnen erfolgreiche Arbeit zu leisten.

Ich hoffe doch sehr, dass niemand unser Schulwesen vorsätzlich in den Graben fahren will.

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