Gudrun Pennitz: Reifeprüfung

Einige SchulsprecherInnen aus Wien riefen diese Woche zu Protestaktionen auf, um ihrem Wunsch nach einer freiwilligen mündlichen Matura Nachdruck zu verleihen. Noch weiter geht die SPÖ-nahe „Aktion kritischer SchülerInnen“ mit ihrer Forderung, dass heuer die gesamte Matura samt Präsentation der VWA für die SchülerInnen de facto freiwillig sein soll. (1)

Abgesehen von der Tatsache, dass der Unterricht des aktuellen Schuljahres im Gegensatz zu den beiden Schuljahren davor in Präsenz stattfindet und es für die MaturantInnen zusätzlich eine Reihe von Erleichterungen geben wird, erscheint mir dieses Vorgehen auch aus anderen Gründen unvernünftig.

Eine Rückkehr zur mündlichen Matura ist nämlich nicht nur aus Sicht vieler LehrerInnen und des Bildungsministers fällig, sondern offenbar auch der Wunsch zukünftiger ArbeitgeberInnen: „Ich würde in meiner Firma keinen Menschen aufnehmen, der die mündliche Prüfung nicht gemacht hat“, stellt ein Leserbriefschreiber trocken fest. (2) Eine andere Leserin formuliert es so: „Liebe Schülervertretung: Wo liegt heuer das Problem? Auch an den Arbeitsplätzen ist derzeit Flexibilität wegen Corona angesagt, und dort kann niemand sagen, er mache einen Teil der Arbeit nur freiwillig, da es ja Corona gibt. Und die Matura soll euch ja auf den Ernst des Lebens vorbereiten, und nicht dazu da sein, um möglichst mühelos ein Zeugnis zu ergattern, welches von Arbeitgebern nicht mehr als voll genommen wird.“ (3)

Die Reifeprüfung symbolisiert in der Gesellschaft weit mehr als den Zugang zu höherer Bildung und Berufsleben. Sie zeugt von charakterlicher Reife mindestens ebenso wie von intellektueller. Reife beweisen zu dürfen, indem man sein durch harte Arbeit erworbenes Wissen und seine Kompetenz am Beispiel selbst gewählter Fächer vor einer Kommission mündlich präsentiert, sollte eigentlich als Privileg betrachtet werden. Es ist an der Zeit, dieses Privileg wieder einzuführen.

(1) Siehe Schülervertreter rufen für Dienstag zum „Streik“ auf. In: Die Presse online vom 17. Jänner 2022.

(2) Leserbrief in der „Kleinen Zeitung“ vom 17. Jänner 2022, S. 22.

(3) Ebenda.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Reifeprüfung

  1. Vollkommen richtig argumentiert
    Dass sich wieder einmal ausgerechnet eine sozialdemokratische Organisation gegen die mündliche Matura
    wendet, schmerzt mich als Sozialdemokrat tief. Aber es ist immer dasselbe. In meiner Partei gibt es zu viele.die mit den Begriffen Leistung und Disziplin in der Schule ein Problem haben. Dabei ist alles einfach: Disziplin ist, wenn die Schüler schweigen, wenn der Lehrer redet und der Lehrer schweigt, wenn die Schüler reden. Leistung: Zuerst muss die Schule etwas leisten, dann die Schüler, weil Bildung keine Einbahnstraße ist. Alles Banalitäten? Ja, aber sie werden immer wieder vergessen, wenn es um diese Themen geht.

    1. Dabei ist alles einfach: Disziplin ist, wenn die Schüler schweigen, wenn der Lehrer redet und der Lehrer schweigt, wenn die Schüler reden. Leistung: Zuerst muss die Schule etwas leisten, dann die Schüler, weil Bildung keine Einbahnstraße ist.

      Sehr treffende Worte! Mit dieser Gegenseitigkeit kann Schule gelingen, das glaube ich auch.

    2. … und genau da beginnt es. Leider haben die Lehrer durch die Pandemie nicht ausreichend „geleistet“ sprich es fand keine ausreichende Vorbereitung für die Matura statt. Es wurde tlw nicht der komplette Stoff durchgekommen, auch fehlt gerade im mündlichen Bereich die entsprechende Vorbereitung. Die Jugendlichen haben hier jedoch viel „geleistet“ mussten sehr viel Stoff selber und auch oft alleine erarbeiten. Mussten in kürzester Zeit sich komplett neu organisieren.

      Bei dem Marurajahrgang der maximal zwei Monate im Distance Learning war gab es maximale Erleichterung, aber der Jahrgang der die meisten Einschränkungen hat wird anders behandelt?

      Das ist jetzt der Dank dafür, man hat die Jugendlichen eingesperrt um die ältere Generation zu schützen, sie kamen als letzter zur Impfung (das hat sich natürlich auch auf den Schulbetrieb ausgewirkt) und jetzt wird wieder auf sie vergessen …

    3. „Leistung“ ist nicht der einzige Aspekt in Sachen mündlicher Matura-Prüfung. Man kann auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Maßnahme setzen.

      In meinem Fach Englisch werden die heurigen Achtklassler zweieinhalb Jahre lang keinen ordentlichen mündlichen Unterricht gehabt haben – und ausgerechnet da will man eine mündliche Prüfung bei der Matura fordern?
      Gedankenexperiment: Kann sich irgendjemand eine mündliche Englischmatura per Internet vorstellen?

      Wenn jemand einen Trockenschwimmerkurs macht – soll man ihn dann zur Prüfung ins Wasser schmeißen, oder lieber auf so eine Prüfung verzichten?

      P.S.: Das gleich zweimal angeführte Argument von Koll. Pennitz (aus der Sicht zukünftiger Arbeitgeber) ist ausgesprochen schwach: In meinem ganzen Leben hat kein Mensch je mein Maturazeugnis angeschaut – nicht einmal meine Lebensgefährtin 😉
      Nach der Matura geht sowieso fast niemand gleich arbeiten. Da wird also höchstens das nächsthöhere Zeugnis in Betracht gezogen.
      Und was ein Maturazeugnis in der Praxis wert ist, das wissen z.B. alle jene, die Medizin studieren wollen, ganz genau …

      1. Danke! Mein Sohn ist einer der diesjährigen Maturanten. Er hat in den letzten Jahren sehr viel Selbstorganisation gelernt, Dinge die ihm auf seinem weiteren Weg weiterhelfen werden, aber mündlich sind sie einfach zu kurz gekommen in den letzten Jahren.

  2. Ich bin gerade auf diesen Artikel gestoßen und weiß nicht, ob meinen Kommentar nach dieser Zeit noch jemand lesen wird. Aber:

    Ich finde das Argument mit dem Arbeitsgeber und dem „Vollnehmen“ korrekt, das sehe ich exakt gleich. Ich bin nächstes Jahr dran und froh, dass voraussichtlich alles beim Alten sein wird, wenn ich antrete. Ich würde nämlich meine Matura selbst nicht für voll nehmen, wenn es zig Extrawürste geben würde. Ich will ja etwas haben, worauf ich stolz sein kann, sonst ergibt das alles ja keinen Sinn.

    Wobei ich aber anmerken muss, dass ich super Lehrer im Distancelearning hatte. Das lief alles problemlos und ich kann mich wirklich nicht beschweren. Ich kann verstehen, dass sich jemand sehr unsicher beim Antritt fühlt, wenn er wirklich kaum Vorbereitung darauf hatte. Dass man es dann nicht machen will, ist klar. Icz denke, es hängt einfach wirklich auch davon ab, wie gut die Schule mit ihrem Personal das Distancelearning gehandhabt hat.

    Ich denke, man kann da nicht pauschalisieren. Es mag Leute geben, die einfach nur zu faul sind. Aber es gibt bestimmt auch viele, deren Vorbereitung einfach miserabel war. Vielleicht muss man da einen anderen Weg finden, nämlich extra Förderkurse oder so. Also das Ansehen der Matura halten, aber den Schüler trotzdem noch ausreichend Vorbereiten.

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