Wissenschaft – Fluch oder Segen?

Im September präsentierte die EU-Kommission die Ergebnisse einer Befragung über „European citizens’ knowledge and attitudes towards science and technology“, die im April und Mai 2021 durchgeführt wurde. (1) Die Ergebnisse zeigen eine Distanz der ÖsterreicherInnen zur Wissenschaft, deren Ursache mir nicht klar ist, deren Wirkung aber die Bekämpfung der Pandemie nicht gerade erleichtert.

Hier nur einige Daten, die mich nachdenklich stimmten:

  • 28 % der österreichischen Bevölkerung bejahen die Aussage „The earliest humans lived at the same time as the dinosaurs“. (EU-Mittelwert 20 %) (2)
  • 53% der österreichischen Bevölkerung bejahen die Aussage „In my daily life it is not important to know about science“. (EU-Mittelwert 33 %) (3)
  • 17 % der österreichischen Bevölkerung bejahen die Aussage „Do you think that the overall influence of science and technology on society is negative“. (EU-Mittelwert 11 %) (4)
  • 20 % der österreichischen Bevölkerung verneinen die Aussage „Science and technology make our lives healthier“. (EU-Mittelwert 14 %) (5)
  • 33 % der österreichischen Bevölkerung halten WissenschaftlerInnen für „narrow minded“. (EU-Mittelwert 23 %) (6)

Nun verstehe ich eher, warum Mitte November nach der Empfehlung eines Politikers, der keinerlei Ausbildung im Gesundheitsbereich hat, das „Anti-Wurm-Mittel in OÖ ausverkauft“ war (7), um COVID-19 zu bekämpfen, und nun der Schmuggel mit demselben „explodiert“. (8) Glücklicher macht es mich aber auch nicht.

Mir fällt dazu ein Ausspruch ein, den ich auf Facebook gelesen habe: „Schon toll, dass man heutzutage auf einem handtellergroßen Mini-Hochleistungscomputer mit nanobeschichtetem Glas, Touchscreen und Lithium-Ionen-Akku ins Internet schreiben kann, dass man nicht an Wissenschaft glaubt.

(1) EU-Kommission (Hrsg.), European citizens’ knowledge and attitudes towards science and technology (September 2021).

(2) Siehe a.a.O., S. 53.

(3) Siehe a.a.O., S. 35.

(4) Siehe a.a.O., S. 91.

(5) Siehe a.a.O., S. 146.

(6) Siehe a.a.O., S. 187.

(7) Anti-Wurm-Mittel in OÖ ausverkauft. In: ORF online vom 16. November 2021.

(8) Schmuggel mit Wurmmittel „explodiert“. In: ORF online vom 28. November 2021.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Wissenschaft – Fluch oder Segen?

  1. Spätestens seit 2015 wundere ich mich über gar nichts mehr.

    Damals erzielte meine Englisch-(Zentral)maturaklasse einen Notenschnitt von 1,65. Also wartete ich gespannt darauf, wie diese (erste allgemein verpflichtende) Englischmatura österreichweit ausgefallen war. Jedoch: Schweigen im Walde. Also holte ich mir die Zahlen im Herbst 2015 per Anfrage nach dem Auskunftspflichtgesetz (!) vom Ministerium. Die plebs misera erhielt sie erst im Mai 2016, dann allerdings gleich die 2015-er-Zahlen zusammen mit denen für 2016. (Na also – es ging doch rasch, wenn man nur wollte.)

    Seither bauen alle Beteiligten jedes Jahr aufs Neue an einem potemkinschen Dorf: den völlig unrealistisch guten Klausur-Zahlen der Zentralmatura in allen Sprachen (inklusive Deutsch). Es ist ja eine win-win-win-win Situation: Die Schüler kommen alle durch, die (Groß-)Eltern freuen sich über die guten Noten, die Lehrer ersparen sich jede Kritik, und das Ministerium hat eh mit dem Palawatsch in Mathematik genug zu tun.

    Soll ich mich jetzt wundern über irgendwelche Ignoranten in Sachen Wissenschaft? Wenn meine eigenen Standeskollegen in den Sprachfächern ihr Wolkenkuckucksheim bei der Zentralmatura so absolut nicht hinterfragen wollen?

  2. Geschätzter Eckehard!
    Die Wurzeln der Wissenschaftsfeindlichkeit in Österreich sehe ich ganz klar im Nationalsozialismus bzw. in den Nachwirkungen der Nazizeit. Wenn Büchern von Intellektuellen und Künstlern brennen, unbequeme Schriften verboten und jüdische Wissenschaftler aus Universitäten und Forschungseinrichtungen vertrieben werden (https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/drittes-reich-als-die-nazis-nature-verboten-a-512817.html), dann bleibt das nicht ohne Folgen. Die politische Elite der jungen 2. Republik hat es dann verabsäumt, gerade diese vertriebenen Intellektuellen aktiv zurückzurufen und zu rehabilitieren. Der Provinzialismus feierte fröhliche Urständ. Es ist besonders bitter, dass nun in der Pandemie viele Menschen, die der Wissenschaft sehr offen gegenüberstehen, einen hohen Preis für die Wissenschaftsskepsis bzw. Wissenschaftsfeindlichkeit anderer Mitbürger_innen bezahlen müssen.
    Herzliche Grüße aus St. Pölten
    Leo

  3. Seit 2002 gibt es in den Medien – ua. dank Herrn Dr. Armin Wolf vom ORF – keine akademischen Grade mehr, weder in Inserts noch in der persönlichen Anrede von Journalistinnen und Journalisten. So ist zB Frau Univ. Prof. Dr. Wiedermann-Schmidt einfach „Frau Wiedermann-Schmidt“, Bundesminister Dr. Mückstein ist einfach „Herr Mückstein“ etc.
    Diese Feststellung mag banal scheinen, hinterlässt aber bei vielen Menschen den Eindruck, es gebe in Österreich keine Wissenschaft oder die Wissenschaft könne genauso gut von einem Spitzenpolitiker der Opposition ohne virologische Ausbildung vertreten werden, denn tatsächlich anerkannten Personen im medizinisch-naturwissenschaftlichen Bereich mit entsprechender universitärer Ausbildung wird die Legitimation durch das Verschweigen akademischer Grade ja entzogen. In den USA hingegen ist stets von „Dr. Fauci“ die Rede – in Wort und Schrift. Und selbst im zurückhaltenden Deutschland ist „Prof. Leif Erik Sander“ oder „Prof. Christian Drosten“ von der Charité Berlin eingeblendet. Es geht also anderswo.
    Wieso sollte man daher in Österreich einem „Herrn Nowotny“, einem „Herrn Hasibeder“ oder einem „Herrn Szekeres“ glauben? Sind das Ärzte? Man kann ja nirgendwo ihr Doktorat lesen …

    1. Wenn in einer Nachrichtensendung des ORF ein/e Mensch/Menschin Informationen über den Verlauf einer von ihm/ihr durchgeführten Operation mitteilt, sage ich immer zu meiner Frau: „Schau, in diesem KH operiert auch der Hausmeister!“

  4. Geschätzter Eckehard!
    Wissenschaft per se ist weder gut noch böse. Es kommt immer darauf an, wie sie angewendet wird. Auf der einen Seite stehen tolle Erfindungen, die vielen Menschen zum Nutzen gereichen. Auf der anderen Seite wurden die Atombombe, der Tarnkappenbomber und alle möglichen Gifte usw., die dazu geeignet sind, zahlreiche Menschen zu töten, ebenfalls von Wissenschaftlern erfunden.
    Konkret zur Corona-Pandemie: Noch im Mai 2020 hat die WHO (Wissenschaftler!) davon abgeraten, gegen die Übertragung von Corona-Viren Masken zu tragen. Bei der Einführung der Impfstoffe von BionTech-Pfizer und Moderna hat es geheißen, mit zwei Impfungen ist alles erledigt, bei Johnson & Johnson sollte man mit einer Impfung vollständig immunisiert sein. Heute klingt das ganz anders. Welche Meinung wird in einem halben Jahr die richtige sein?
    Ich glaube, es wäre sehr hilfreich, wenn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihren Aussagen wenigstens manchmal dazusagen würden: „Das ist der jetzige Stand der Forschung, der sich schon morgen ändern kann.“ Das würde meiner Meinung nach auch in der breiten Bevölkerung die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft erhöhen.
    Herzliche Grüße
    Johann Brandstötter

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