Herbert Weiß: Zu viel Lob

„Ned gschimpft is globt gnua“ lautet ein Spruch, mit dem ich in meiner Jugend immer wieder konfrontiert wurde. Inzwischen haben sich die Zeiten gewandelt. Uns LehrerInnen wird von Politik und Medien immer wieder vorgeworfen, unsere SchülerInnen zu wenig zu loben. Bei kaum einer Fortbildung werden wir nicht mit der Forderung konfrontiert, unseren SchülerInnen viel öfter Lob auszusprechen.

Man sollte aber die Frage stellen, ob man mit übertriebenem Lob Kindern und Jugendlichen wirklich etwas Gutes tut. Die Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin Patricia Zaccarini konstatiert in einem jüngst erschienenen Artikel: „Nicht immer stärkt Lob das Selbstvertrauen – es kann sogar den gegenteiligen Effekt haben. Denn Selbstvertrauen, also die Zuversicht in seine Fähigkeiten, setzt ein realistisches Selbstbild voraus. Ein Bild von sich selbst, das neben Stärken auch Schwächen integriert. Kinder sollten also wissen, was sie gut können – aber auch, wo sie Schwierigkeiten haben.“ (1)

Tatsächlich ist das Selbstbild junger Menschen in Österreich leider in gar nicht so wenigen Fällen ziemlich verzerrt. Ihre Leistungen entsprechen teilweise überhaupt nicht ihrer Selbsteinschätzung. Auch das zeigt PISA, und zwar schon lange. Aber darüber wagt offensichtlich niemand zu sprechen.

Das Selbstwertgefühl junger Menschen zu stärken, ist ein wichtiges Ziel von Erziehung. Junge Menschen auch ihre Schwächen erkennen zu lassen, um zu deren Reduktion beizutragen oder auch nur um sie bewusst zu machen, gehört dazu. Und da scheint es in unserem Land Entwicklungsbedarf zu geben, der selbstverständlich auch die Schule betrifft. Hat eine Schulpolitik, die es LehrerInnen schwer macht, ehrliche Leistungsbeurteilungen vorzunehmen, den jungen Menschen etwas Gutes getan oder hat sie sie nur geblendet?

Meine Forderungen an die Schulpolitik lauten somit:

  • Vertraut endlich der Expertise der LehrerInnen!
  • Vertraut auf die Leistungsfähigkeit unserer Jugend und versucht nicht, ihnen mit übertriebenen Erleichterungen einen Weg zu ebnen, der sie am Ende scheitern lässt!

(1) Patricia Zaccarini, Zu viel Lob kann Kindern schaden. In: Standard online vom 1. Oktober 2021.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Zu viel Lob

  1. Da fällt mir doch spontan meine Zentralmatura in Englisch 2015 ein – meine erste Zentralmatura als Lehrer und die letzte vor meiner Pensionierung:
    Ein ganzes Anglisten-Leben lang hatte ich bei der schriftlichen Matura Klassen-Notenschnitte zwischen etwa 2,7 und 3,3. 2015 war der Schnitt auf einmal 1,65 (!): acht Sehr gut, sieben Gut und zwei Befriedigend; kein einziges Genügend, kein Nicht Genügend. Die Kollegin in der Nachbarklasse lag sogar noch eine Spur besser. Und österreichweit ging und geht es in dieselbe Richtung – in allen Sprachen, nicht nur in Englisch.

    In den Zeitungen hat man seither immer nur von dem Hin und Her in Mathematik gelesen – die Potemkin’schen Dörfer in den Sprachen, welche die Zentralmatura aufgebaut hat, wurden und werden geflissentlich totgeschwiegen. Auch das ist ein Beispiel von „übertriebenem Lob“ – wenn Beurteilungsmaßstäbe vorgeschrieben werden, die zu jenseitigen Ergebnissen führen.

    Dass die Kollegenschaft bei diesem Betrug widerspruchslos mitmacht, fasziniert mich seit 2015 und erweitert meinen Horizont in Sachen politischer Bildung.

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