Im Sinne der Kinder

Falco sang schon 1982 „Nie mehr Schule“. Für viel zu viele könnte dieser Traum zum Alptraum werden. Mehr als 7.500 SchülerInnen werden heuer zu Hause statt in der Schule unterrichtet. Das sind rund dreimal so viele wie in einem „normalen“ Schuljahr. (1) Selbst in Deutschland wird das thematisiert. Der „Stern“ titelt: „Häuslicher Unterricht. Österreichs Schuldebakel: Wenn es an Schutzkonzepten hapert und die Schüler fehlen“. (2)

Die SPÖ erklärt die hohen Abmeldezahlen so: „Das Wichtigste wäre gewesen, das Vertrauen wiederzugewinnen und offene Schulen zu garantieren. Das ist nicht gelungen und darin begründen sich wohl auch ein Gutteil der Entscheidungen der Eltern, die bedauerlich sind.“ (3) Den NEOS zeigen die hohen Abmeldezahlen „die gravierenden Versäumnisse der Bundesregierung in den letzten Monaten und Jahren im Bildungssektor und beim Pandemiemanagement.“ (4) Die FPÖ sieht die „überschießenden und völlig unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen der schwarz-grünen Regierung“ als Grund für den massiven Anstieg der Schulabmeldungen und fordert die digitale Betreuung der abgemeldeten SchülerInnen, sodass „die Lerninhalte samt Beispielen und Hausübungen jederzeit für Schüler und Eltern abrufbar sind.“ (5) Die Analyse von Rotraud Perner erscheint mir da schon treffender: „Es gibt einen Trend zur Staatsskepsis.“ (6)

Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern ein Ort der sozialen Interaktion, und diese geht den zum häuslichen Unterricht verdammten SchülerInnen verloren. Machen es sich die Schulbehörden bei der Bewilligung des häuslichen Unterrichts vielleicht zu einfach aus Angst vor Klagen der wohl meist sehr entschlossenen Eltern, die ihre Kinder aus der Schule nehmen? Der Gesetzestext ist nämlich ziemlich einschränkend formuliert: „Die allgemeine Schulpflicht kann ferner durch die Teilnahme an häuslichem Unterricht erfüllt werden, sofern der Unterricht jenem an einer im § 5 genannten Schule […] mindestens gleichwertig ist.“ (7)

Der Gesetzgeber sieht eine mehrjährige, in der neuen Lehrerausbildung mindestens fünf- bis sechsjährige akademische Ausbildung vor. Wie sollen da Erziehungsberechtigte einen mindestens gleichwertigen Unterricht anbieten können? Im Sinne der Kinder sollten die Schulbehörden wesentlich genauer hinsehen.

(1) Siehe Neos suchen Motive für Schulabmeldungen. In: Wiener Zeitung online vom 20. September 2021.

(2) Siehe Österreichs Schuldebakel: Wenn es an Schutzkonzepten hapert und die Schüler fehlen. In: Stern online vom 19. September 2021.

(3) SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler, zit. n. Zahl der Schulabmeldungen hat sich verdreifacht. In: Standard online vom 17. September 2021.

(4) NEOS-Bildungssprecherin Mag. Martina Künsberg Sarre, zit. n. ebenda.

(5) FPÖ-Brückl zu Schulabmeldungen: Schüler haben das Recht auf Heimunterricht! OTS vom 8. September 2021.

(6) Rotraud A. Perner im Interview mit Lisa Nimmervoll, Es gibt einen Trend zur Staatsskepsis. In: Standard online vom 21. September 2021. Rotraud A. Perner ist Juristin, Psychotherapeutin und -analytikerin, Mediatorin sowie evangelische Theologin und ehrenamtliche Pfarrerin.

(7) § 11 Abs. 2 Schulpflichtgesetz.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Im Sinne der Kinder

  1. @: „Wie sollen da Erziehungsberechtigte einen mindestens gleichwertigen Unterricht anbieten können?“

    Grundsätzlich halte ich es für eine gute Sache, dass häuslicher Unterricht in Österreich überhaupt möglich ist. Ich habe schon vor Corona von deutschen Familien gelesen, die extra deshalb nach Österreich übersiedelt sind, weil in Deutschland ja Schulpflicht besteht und nicht (so wie bei uns) „bloß“ Unterrichtspflicht. Die Möglichkeit des häuslichen Unterrichts sehe ich prinzipiell als eine Umsetzungsform der Wertschätzung für die Familie in unserer Kultur
    .
    Soweit die Theorie.

    In der Praxis wird sich der häusliche Unterricht als Privileg einer sehr kleinen Schicht erweisen, wo genug Geld da ist, um eine Person für diesen Unterricht freizustellen – denn ein Fulltimejob ist das allemal. Vor allem deshalb, weil ja ein Vielfaches der Vorbereitungsarbeit nötig sein wird, die „normalerweise“ von einem Lehrer zu leisten ist: eine erziehungsberechtigte Person muss sich mit dem gesamten Kanon der Fächer auf einmal beschäftigen, und hat wohl i.d.R. keine einschlägige Vorbildung. Realistischer Weise kann das nur für die Volksschule funktionieren.

    Ob der häusliche Unterricht gleichwertig ist? Schwer zu sagen. Was wiegen zwei oder drei intra-familiäre Ausflüge jede Woche zu verschiedenen Zielen im Rahmen der Unterrichtsziele (Heimatkunde, Natur, Kunst …) im Vergleich zu den Sozialkontakten an einer Schule?

    Wenn sich aktuell die Zahl der Schulabmeldungen mehr als verdoppelt hat, werden jedenfalls etliche Eltern dabei sein, die sich das viel zu leicht vorgestellt haben, und die bald reumütig ihre Kinder an die Schule zurückschicken werden. Wer weiß – womöglich wandelt sich dann eine Geringschätzung pädagogischer Arbeit an der Schule in Wertschätzung?

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