Gudrun Pennitz: Herz oder Hirn?

Zwei Welten taten sich mir auf, die unterschiedlicher nicht sein können, obwohl sich beide Zeitungsartikel, die mir jüngst unterkamen, dem Thema Chancengerechtigkeit für SchülerInnen widmeten.

Keiner soll hier eine gute Note bekommen, nur weil er enge Beziehungen zum Prüfer hat“, verkündet ein Lehrer aus der chinesischen Provinz Guizhou und erklärt den staunenden JournalistInnen ein Pilotprojekt, das bald 7 Millionen SchülerInnen erfassen wird. (1) China meint es ernst mit der Digitalisierung der Schule und „fördert“ die SchülerInnen auf für unser Empfinden äußerst befremdliche Art: Mit Hilfe künstlicher Intelligenz werden die Bemühungen der SchülerInnen überwacht. In Klassenzimmern installierte Kameras analysieren die Mimik und zeichnen alles Gesagte auf. Man wolle den menschlichen Fehler minimieren, mit smarten Lösungen die wachsende Ungleichheit im Bildungssystem Chinas überbrücken. Die kleinste Unkonzentriertheit kann so bemerkt werden, die Software erkennt an Gesichtsausdruck, Gestik und Körpertemperatur den psychischen Gemütszustand der Jugendlichen. Eine App kontrolliert mit Hilfe der Smartphone-Kamera, ob die Hausaufgaben auch tatsächlich erledigt wurden. Man tüftelt bereits an einem Programm, mit dem man den weiteren „sozialen Pfad eines jeden Schülers“ wird erkennen können. Dass die Zustimmung der Eltern nicht erforderlich ist, sei nur am Rande erwähnt.

Die Monate des Distance Learnings hätten es bestätigt, dass Schule mehr sei als ein Ort der Wissensvermittlung, strichen verschiedene InterviewpartnerInnen aus dem schulischen Bereich hervor. Die soziale Dimension beim Lernen sei äußerst wichtig, denn Unterschiede im Lernstand verursachen eine breite Kluft, die es zu schließen gelte. Auch der „Mut zur Lücke“ sei geboten. Psychische Belastungen durch die Pandemie seien gerade auch bei Kindern und Jugendlichen groß. Man müsse daher bei der Leistungsbeurteilung mit „Maß und Ziel“ vorgehen, wenn auch zart angedeutet wurde, dass man deshalb nicht gleich Noten herschenken müsse. Bei aller Nachsicht sollte man schon im Auge behalten, ob ein Weiterkommen in der nächsten Klasse realistisch sei. Offenbar sei es aber notwendig, pünktliches Arbeiten und Leistungen zu erbringen, neu einzuüben. (2) Mit viel Verständnis von Seiten der Lehrkräfte natürlich – in Österreich, natürlich.

Der Vergleich macht mich sicher.

(1) Fabian Kretschmer, Der gläserne Schüler. In: Die Presse online vom 8. Juni 2021.

(2) Siehe Romana Beer, Das Zeugnis ist zweitrangig. In: ORF online vom 7. Juni 2021.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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