Herbert Weiß: Uferlos

Für uns LehrerInnen war es bereits vor COVID-19 selbstverständlich, auch zu nächtlicher Stunde, an Wochenenden und an Feiertagen zu arbeiten. Die Möglichkeit, sich die Arbeit wenigstens zum Teil selbst einteilen zu können, birgt unweigerlich die Gefahr, dass Arbeitszeiten ins Uferlose ansteigen. In Zeiten des Lockdowns sind davon viele weitere Berufsgruppen betroffen. Sie alle stellen sich jetzt Fragen:

  • Was bedeutet es, keine fixen Regelungen für Arbeitszeiten oder Pausen zu haben?
  • Kann Arbeit in der Nacht oder an Wochenenden vom Arbeitgeber erwartet werden, und das auch noch ohne Zuschläge?
  • Müssen wir wirklich rund um die Uhr erreichbar sein?

Die Uferlosigkeit der Arbeit stellt für andere Lebensbereiche eine ständige Bedrohung dar. Sie erfordert vom Arbeitgeber ein höheres Maß an Vertrauen in seine MitarbeiterInnen und von ArbeitnehmerInnen Selbstorganisation und Selbstbeschränkung, um sich und die eigene Familie zu schützen, um nicht im Beruf auf- und letztendlich unterzugehen.

Arbeit, die nicht an einen Ort gebunden und nicht von einem 40-Stunden-Korsett umgeben ist, gewährt natürlich auch Freiheiten, die andernfalls fehlen.

Ich machte schon im Frühjahr die Beobachtung, dass manche in Zeiten des Homeschoolings die Leistung von uns LehrerInnen zu erkennen beginnen. Alte Klischees, dass die Argumente für den Lehrerberuf Juli und August seien, dass LehrerInnen am Vormittag Recht und am Nachmittag frei hätten und für SchülerInnen Schule nur Last sei, scheinen sich aufzulösen.

Auf die Corona-Pandemie hätten wir alle gerne verzichtet. Sie kostet Menschenleben und richtet enormen wirtschaftlichen Schaden an, dessen Behebung lange dauern wird. Um eine Hoffnung bin ich aber als Lehrervertreter reicher: Dass Menschen, die infolge dieser Pandemie Homeworking-Erfahrung gesammelt haben, von der Illusion geheilt sind, LehrerInnen würden nur dann arbeiten, wenn sie sich im Schulhaus befinden.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Herbert Weiß: Uferlos

  1. @: „Die Möglichkeit, sich die Arbeit wenigstens zum Teil selbst einteilen zu können, birgt unweigerlich die Gefahr, dass Arbeitszeiten ins Uferlose ansteigen. In Zeiten des Lockdowns sind davon viele weitere Berufsgruppen betroffen. Sie alle stellen sich jetzt Fragen …“ (H. Weiß)

    Interessant sind nicht nur die gestellten Fragen, interessant ist auch, was für Fragen nicht gestellt werden.

    Es war ungefähr im Jahr 2000, als eine große Lehrerarbeitszeitstudie durchgeführt wurde – die größte, die je gemacht wurde; befragt (mittels Fragebogen) wurden ca. 10% aller Lehrer. Die Rücklaufquote war hoch, es gab also sehr repräsentative Daten. Ausgewertet wurde danach in alle Richtungen, natürlich wurde auch die Arbeitszeit gemessen – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: es gab nur Durchschnittswerte über alle Gegenstände hinweg. Man hätte ganz problemlos (die Daten waren ja vorhanden) zum Beispiel die Arbeitszeit des durchschnittlichen Deutschlehrers vergleichen können mit der Arbeitszeit des durchschnittlichen Religionslehrers. Damit hätte man auch eine objektive Basis gehabt für eine allfällige Adaptierung der Lehrverpflichtungsgruppen. (In meinen 40 Dienstjahren hat sich daran nämlich genau gar nichts geändert.)
    Vor einer solchen Betrachtung der Dinge schreckte man aber zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser: nur keine Wellen schlagen!

    Jetzt sehe ich dieselbe Situation: Auch als einem Pensionisten ist mir klar, dass Corona für manche Fächer massive Mehrarbeit bedeutet. Das sind die, welche Koll. Weiß anspricht. Ebenso klar ist mir aber auch, dass es Fächer geben muss, wo die Arbeit weniger geworden ist – dass es Fächer gibt, die im Lockdown so gut wie überhaupt nicht unterrichtet werden. Das sind die, über die Koll. Weiß kein Wort verliert – nur keine Wellen schlagen!

    Fazit: Pensionist müsste man sein (so wie ich), oder ein Lehrer mit der Fächerkombination X + Y …

    1. Hmmm… welche Fächer könnten damit gemeint sein… In Religion erfolgte der Unterricht digital mit Videokonferenzen und Arbeitsaufträgen, in Sport weiß ich von meinen KollegInnen, dass sie über Video Turnstunden gaben, während des lockdowns Betreuungsaufgaben in der Schule wahrnahmen und während des Präsenzunterrichtes im Frühjahr, als Sport nicht erlaubt war, die Gangaufsichten während des Unterrichtes übernahmen. In Musik, BE und Werken gab es ebenfalls Aufträge und Videotreffen. Ich kenne aus meiner Erfahrung heraus keine KollegInnen, die „nichts“ zu tun hatten… Vielleicht könnte man die Fächer konkretisieren, dass ich folgen könnte?

      1. @ Angelika Mantler:

        Sie wollen aber jetzt nicht wirklich sagen, dass während des Lockdowns jeder Schüler seinen gesamten Wochen-Stundenplan abarbeitet / abgearbeitet hat? (Ich behaupte auch nicht, dass österreichweit immer dieselben Fächer ausgefallen sind – präziser wäre daher wohl gewesen: „ein Lehrer mit der Fächerkombination X + Y an der Schule Z.“)

  2. Ich bin da weniger optimistisch… kaum wird das Schulleben seinen normalen Weg einschlagen, werden Lehrer wieder mit „Halbtagsjob“ und Schule mit „veralteter Zwangsinstitution“ assoziiert. Man hat auch dem medizinischen Personal zuerst applaudiert – das ist ganz schnell wieder vergessen und der fordernde Ton schnell wieder angeschlagen…

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