Gudrun Pennitz: Wenn die Masken fallen

Wer die Schulen schließt, schließt für die Ärmsten und Jüngsten die Türen in die Zukunft“, las ich auf einer kleinformatigen Kommentarseite. (1) Ganz so dramatisch würde ich es nicht sehen, doch mehr denn je sind es wieder die LehrerInnen, auf denen moralischer Druck lastet und von denen erwartet wird, dass sie zeitgleich an allen „Fronten“ vollen Einsatz leisten.

Gar viel hat die politische Spitze Eltern und Wirtschaft versprochen, bevor die Rollläden zum zweiten Mal heruntergelassen wurden: Es werde vollwertigen Fernunterricht bei gleichzeitiger schulischer Betreuung und Förderung aller Kinder, die da kommen, an den Schulstandorten geben. Wie das alles von den Schulen zu bewerkstelligen sein solle, war nicht das Thema, denn die LehrerInnen Österreichs würden das schon hinkriegen. Tun sie auch, aber wie es ihnen bei dieser Doppel- und Dreifachbelastung geht, muss dringend hinterfragt werden. Die Grenzen des Machbaren sind nämlich längst erreicht. Doch statt flächendeckender Anerkennung feiert das beliebte Spiel des LehrerInnenbashings unter manchen ZeitgenossInnen fröhliche Urständ‘:

Vor Ort soll es ab Dienstag Lernstationen geben. Ein Begriff, den viele Schulleiter und Lehrer am Wochenende offenbar das erste Mal gehört haben.“ (2) Diese Kombination aus Unwissenheit und Boshaftigkeit macht ziemlich sprachlos. Der letzte „daten.dienst.tag“ der ÖPU zeigte anhand einer Grafik, wie vergleichsweise gering der Anteil der LehrerInnen in Österreich ist, die aus Sicht der SchulleiterInnen von der Gesellschaft wertgeschätzt sind. (3) „Sooo enorm ist diese Leistung [der LehrerInnen] auch wieder nicht“, kommentierte eine Facebook-Userin dies. Auch dass wir StandesvertreterInnen, die wir uns in diesen schwierigen Zeiten, so gut es nur irgendwie geht, für unsere KollegInnen einsetzen, von einem berüchtigten Journalisten als „faule Gewerkschaftssumper“ (4) beschimpft werden, zeigt mir, dass die Masken fallen und böse Gesichter zum Vorschein kommen, wenn es hart auf hart geht.

Sie können meinetwegen ruhig noch ein wenig oben bleiben, die Masken. Die Zeiten sind so schon böse genug.

(1) Barbara Blaha, Schulschließungen: Vermeidbares Übel. In: Kleine Zeitung vom 17. November 2020.

(2) Julia Neuhauser, Die Schulen wurden nicht gut genug auf den Stresstest vorbereitet. In: Presse online vom 15. November 2020.

(3) Siehe ÖPU daten.dienst.tag Nr. 191, 17. November 2020.

(4) Florian Klenk, FALTER.maily #374 – „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“. In: Falter online vom 18. November 2020.

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Ein Gedanke zu “Gudrun Pennitz: Wenn die Masken fallen

  1. 1. @: „Vor Ort soll es ab Dienstag Lernstationen geben. Ein Begriff, den viele Schulleiter und Lehrer am Wochenende offenbar das erste Mal gehört haben. Diese Kombination aus Unwissenheit und Boshaftigkeit macht ziemlich sprachlos.“

    Der Kontext lautet folgendermaßen:
    „Vor Ort soll es ab Dienstag Lernstationen geben. Ein Begriff, den viele Schulleiter und Lehrer am Wochenende offenbar das erste Mal gehört haben. Denn Vorbereitungen für den nächsten Schullockdown inklusive genauer Pläne hat es bestenfalls am einzelnen Standort, aber nicht im großen bundesweiten Stil gegeben. Die Umstellung auf Distance Learning ist ein neuerlicher Stresstest für die Schulen. Man war für den großen Anstieg der Infektionszahlen, wie der Minister gestand, nicht gerüstet. „Diese starke Steigerung der letzten beiden Wochen ist etwas, was man schwer vorhersehen hat können“, sagte er. Experten würden ihm da vehement widersprechen.“

    Der geneigte Leser möge für sich selber entscheiden, ob er in diesem Absatz „Unwissenheit und Boshaftigkeit“ findet.

    2. @: „faule Gewerkschaftssumper“

    Der Kontext hier: Es handelt sich um den Brief eines jungen Deutschlehrers aus NÖ, der seine Überforderung und Überarbeitung durch Corona beschreibt. Ein kleiner Auszug:
    „Ich unterrichte an einem Gymnasium in zwölf unterschiedlichen Klassen. Darunter sind drei Klassen, die ich auf die Matura vorbereiten muss. Ich bin auch Klassenvorstand einer Ersten (eine organisatorische Herausforderung). Ich bin Mentor einer Kollegin, die gerade ihr erstes Jahr erlebt, betreue Uni-Praktikantinnen und begleite fünf vorwissenschaftliche Arbeiten.“

    (Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, wie man als Deutschlehrer auf 12 Klassen kommen kann, aber das nur nebenbei.)
    Die „Gewerkschaftssumper“ kommen in der Einleitung zu diesem Brief in einem einzigen Satz von Florian Klenk vor: „Er unterrichtet an einer AHS in Niederösterreich, er ist kein fauler Gewerkschaftssumper, ganz im Gegenteil.“
    Die Zuschreibung der Eigenschaft „faul“ zu den Gewerkschaftssumpern lässt mich ahnen, was F. Klenk im Sinn hatte: Im Frühjahr hatte sich die Lehrergewerkschaft lauthals über die (aus ihrer Sicht) Zumutung an Lehrer beschwert, an einem oder zwei Fenstertagen zusätzlich unterrichten zu müssen. Diese Aussage war natürlich ein PR-Desaster – angesichts steigender Arbeitslosenzahlen und ausbleibender Gehälter anderswo.
    Die Rache des Journalisten ist das Archiv …

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