Gudrun Pennitz: Ein-Meter-Hüte als Lösung?

Diese Methode macht bei uns bestimmt nicht Schule, obwohl sie durchaus etwas für sich hat: Auf den Köpfen montierte, einen Meter lange, flügelähnliche Abstandhalter sollten den Volksschulkindern im ostchinesischen Hangzhou am ersten Schultag nach einer 99-tägigen Zwangspause dabei helfen, die verordnete Distanz zu KlassenkollegInnen zu wahren. Eltern und Kinder wurden angehalten, sich solche Stangenhüte nach einem historischen Vorbild zu basteln. Die Erinnerung an Chinas schillernde kaiserliche Vergangenheit kam wie nebenbei zu neuen Ehren, berichtete eine chinesische Nachrichtenplattform. (1) Den bizarren und gleichzeitig rührenden Anblick dieser Kinder konnte man sich auf einer chinesischen Website vergönnen. (2)

Am 18. Mai starten hierzulande die Schulen für die 6- bis 14-Jährigen, und noch rätseln LehrerInnen, DirektorInnen und wohl auch Eltern, wie die im „Hygienehandbuch“ des BMBWF empfohlenen Richtlinien in der Praxis umgesetzt werden könnten. Auch Österreichs LehrerInnen werden Kreativität zeigen müssen. Kursierende Internetwitze geben uns eine gewisse Orientierung: „Der Kollege übt schon mal für die Pausenaufsicht auf dem Schulhof!“, raunt in einem Cartoon ein mit MNS ausgerüsteter Lehrer seiner ebenso vermummten Kollegin zu, während ein dritter auf einem schiedsrichterartigen Hochstuhl thronend Befehle brüllt: „Kevin …! Keiner verlässt sein Feld, …. verstanden, Chantal!

Unsere Sorge ist im Moment groß. Denn wir DirektorInnen sind verantwortlich für die Umsetzung der Hygienemaßnahmen. Unter den vorhandenen Rahmenbedingungen können wir nicht für die Sicherheit von SchülerInnen und (Lehr-)Personal (darunter auch viele zur Risikogruppe gehörend) garantieren“, so Isabella Zins vom Dachverband der AHS-DirektorInnen Österreichs (ÖDV).

Der berechtigte Aufschrei der KollegInnen wartet nun darauf, endlich Gehör zu finden. Aber vielleicht bastelt man im Ministerium ja bereits an neuen Hüten.

(1) Siehe Abstand halten: Chinesische Kinder basteln „Ein-Meter-Hüte“. In: ORF online vom 27. April 2020.

(2) Siehe https://www.thepaper.cn/newsDetail_forward_7153837.

(3) Presseaussendung des ÖDV vom 26. April 2020.

Bild: Wikipedia Commons, Contemporary painting of Emperor Shenzong of Song, National Palace Museum, Taipei.


2 Gedanken zu “Gudrun Pennitz: Ein-Meter-Hüte als Lösung?

  1. Empfohlene Richtlinien werden oft von (Fach)Leuten entwickelt, die von der gelebten Praxis wenig Ahnung haben. Daher: Empfohlene Richtlinien weglegen, Hausverstand aktivieren – und alles wird gut 😊. Empfehlungen kann man, muss man aber nicht einhalten.

  2. Vor ein paar Tagen hat Koll. Kimberger die ganze Lehrerschaft blamiert, weil wir jetzt keine anderen Sorgen haben als das Unterrichten an zwei Fenstertagen, die von manchen Schulen schon konsumiert wurden und von anderen nicht: „Frechheit!“
    (Über die heutige windelweiche „Lösung“ eines „freiwilligen“ Unterrichts wird man in anderen Ländern nur den Kopf schütteln können – aber das ist eine andere Geschichte.)

    Kollegin Pennitz schreibt über chinesische Hüte. Und über die Sorge der DirektorInnen über die „Sicherheit“. Wahrscheinlich ist es auch diese Killerphrase „Sicherheit“, die bei Schulrenovierungen eventuell noch vorhandene Waschbecken aus den Klassenzimmern eliminiert (hat).

    P.S.: Einer winzigen Zeitungsnotiz entnehme ich die Nachricht, dass Lehrabschlussprüfungen heuer vollinhaltlich abgehalten werden, so wie immer.
    Aber da geht es ja um was. Die Matura dagegen kann man zur Hälfte herschenken …

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