Herbert Weiß: Laborratten?

Die Maßnahmen, die die österreichische Regierung zur Bewältigung der Corona-Pandemie gesetzt hat und laufend setzt, finden weitgehende Zustimmung. Wie selbstverständlich verzichten wir für den Schutz aller, nicht nur für den unserer älteren MitbürgerInnen, auf vieles, was uns lieb ist. Wir verlagern unsere sozialen Kontakte auf die virtuelle Ebene. Wir gedulden uns, bis wir wieder Sport genießen dürfen, sei es aktiv oder von der Galerie. Wir nehmen es als selbstverständlich hin, dass Kulturveranstaltungen abgesagt werden, und begnügen uns mit Kultur vom Bildschirm oder aus dem Kopfhörer.

Umso mehr verwundert mich, dass es PolitikerInnen oder „ExpertInnen“ gibt, die eine baldige generelle Öffnung unserer Schulen und einen Unterricht in der herkömmlichen Form fordern. Sollen denn in den Schulen nicht jene Regeln gelten, die für alles andere gelten? Sollen etwa SchülerInnen, LehrerInnen und alle, die in Schulen tätig sind, gleichsam als Laborratten für den Rest der Bevölkerung dienen?

Die Wirtschaft möglichst zügig, aber unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen wieder hochzufahren, ist zu einem Zeitpunkt sicher sinnvoll, an dem die Zahl jener zurückgeht, die aktuell mit dem Corona-Virus infiziert sind. Niemand glaubt aber ernsthaft daran, dass man in absehbarer Zeit Großveranstaltungen durchführen kann. Niemand glaubt daran, dass wir in nächster Zeit auf die verschärften Hygienemaßnahmen, auf Schutzmasken oder die Abstandsregeln verzichten können. Wie kann man dann aber herkömmlichen Unterricht fordern? Immerhin bedeutet die Öffnung der Schulen jeden Tag die Abhaltung tausender Großveranstaltungen!

Bei allen Überlegungen muss weiterhin die Gesundheit der Betroffenen im Vordergrund stehen. Wenn wir die derzeitigen Maßnahmen leichtfertig über Bord werfen, werden wir alle dafür die Zeche zahlen. In den Schulen sollten wir daher bis zum Sommer weiterhin weitgehend auf Distance Learning, oder wie es in der Wirtschaft heißt, Teleworking setzen. SchülerInnen, bei denen das bisher aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert, müssen wir natürlich unterstützen. Das kann aber in Kombination mit der Betreuung jener Kinder gut funktionieren, die aufgrund ihres Alters und der beruflichen Situation ihrer Eltern in die Schulen kommen müssen. Kinder in die Schule zu schicken, weil ihnen zu Hause „die Decke auf den Kopf fällt“, halte ich für höchst riskant und für einen Verstoß gegen sozial verantwortliches Handeln, das in Zeiten wie diesen besonders gefordert ist.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Herbert Weiß: Laborratten?

  1. Das Problem ist, dass Kollege Weiß nicht nur jetzt recht hat, sondern auch noch im Herbst, wenn er schreibt: „Niemand glaubt daran, dass wir in nächster Zeit auf die verschärften Hygienemaßnahmen, auf Schutzmasken oder die Abstandsregeln verzichten können. Wie kann man dann aber herkömmlichen Unterricht fordern?“

    Um zum gesellschaftlichen Normalbetrieb zurückkehren zu können, muss eine von zwei Bedingungen erfüllt sein: entweder eine ausreichend hohe Durchseuchungsrate (60-70%) – das ist illusorisch – oder ein wirksamer Impfstoff bzw. ein wirksames Medikament – und das wird noch lange dauern.
    Wenn also auch nach den nächsten vier Monaten kein Impfstoff oder Medikament zur Verfügung steht, dann hat Koll. Weiß noch immer recht: Wird er dann aber Ende August auch dafür plädieren, die Schulen „vorläufig bis zu Weihnachten“ geschlossen zu halten?

    P.S.: And now to something completely different: Damit Corona auch was Gutes hat: Ist von den GewerkschafterInnen schon jemand auf die Idee gekommen, dass genau jetzt – Stichwort “home office“ – der Zeitpunkt gekommen ist, endlich etwas zu unternehmen in Sachen steuerlicher Absetzbarkeit eines häuslichen Arbeitszimmers für LehrerInnen?

  2. In diesen schwierigen und tragischen Zeiten der Krise durch das SARS-Cov2-Virus findet sich in den Medien immer häufiger der Begriff „Hochfahren“ im Zusammenhang mit dem langsamen Aktivieren der Wirtschaft etc.

    Warum sollte dieser Begriff auch im Kontext der Schulwelt tunlichst vermieden werden? Es handelt sich hierbei nämlich um eine Entlehnung eines schlampig gebildeten Kompositums aus dem mittel- und norddeutschen Sprachraum, wo zwischen „hinauf“ und „hoch“ fälschlicherweise nicht unterschieden wird. (Prinzipiell müsste es nämlich „Hinauffahren“ lauten.) Deutlich wird dies in dem Wort „Herunterfahren“, das korrekt verwendet wird – man sagt hier ja auch nicht „Tieffahren“, was das eigentliche Pendant zu „Hochfahren“ sein müsste.

    Stattdessen „Neustart“, „Aktivieren“ oder schlicht und einfach „Öffnung“ zu verwenden, wäre optimal – und dies dann, wenn alle Voraussetzungen organisatorischer und hygienischer Maßnahmen gegeben sein werden.

  3. Sehr geehrter Kollege Quin,
    sehr geehrter Kollege Weiß,

    ich erlaube mir, zu Ihren Ausführungen unter dem Titel „Laborratten“ meinen schärfsten Widerspruch zum Ausdruck zu bringen!

    Dazu zunächst ein paar Worte von Martin Sprenger, Public-Health-Experte aus Graz und bis vor Kurzem Mitglied im Expertenbeirat der Corona-Taskforce: „Kinder lassen sich ohne Zwangsmaßnahmen nicht distanzieren und sollten auch nicht distanziert werden. Kinder brauchen andere Kinder wie wir die Luft zum Atmen. Was wir derzeit unseren Kindern zumuten, ist unverzeihlich und hat in manchen Fällen jahrelange, vielleicht sogar lebenslange Auswirkungen.“

    Ich bitte, folgende Fakten zur Kenntnis zu nehmen:
    – Die Zahl der CV-Infizierten fällt derzeit in Österreich exponentiell (Replikationsfaktor < 1). In wenigen Wochen dürfte es voraussichtlich so gut wie keinen Infizierten mehr in Österreich geben.
    – Kinder und Jugendliche gehören in Sachen Corona zu der am wenigsten gefährdeten Gruppe.
    – Andere Länder, die z.T. viel später mit Lockdowns u.Ä. reagiert haben, öffnen ihre Schulen bereits.

    Das, was wir derzeit unter dem Titel Distance Learning machen, ist trotz allen Jubels die äußerste, traurigste Verfallsform von Schule, Entmenschlichung pur. Das hat mit Unterricht nicht das Geringste zu tun. In diesem Punkt sind Lehrer und Schüler Laborratten, an denen man die schöne neue Welt des Lernens testen kann.

    Ich erhalte fast täglich Briefe von Eltern, die mir versichern, wie sehr ihren Kindern die Schule fehlt: Mitschüler, Freunde, aber auch die Lehrer und der lebendige Unterricht.

    Diesen Zustand auch nur um einen Tag länger als unbedingt notwendig aufrecht zu erhalten, ist verantwortungslos und unverzeihlich.

    Ich bin sicher, sehr viele Kollegen und Eltern denken wie ich.

    Tomas Kubelik

    1. Volle Zustimmung meinerseits für die kritischen Kommentare. Die Situation in Herbst wird nicht besser, sondern wieder schwieriger sein, weil dann die nächste Grippewelle ansteht. Was ist die Perspektive? Fernunterricht bis 2022? Ich denke an einer baldigen, schrittweisen Wiederaufnahme des Unterrichts in der Schule wird kein Weg vorbei führen. Gehen die Zahlen zu weit hinauf, wieder schließen und weiter sehen. Ich freue mich nicht aufs Unterrichten im Sommer, aber auch das werden wir überstehen…

    2. Ich kann die Argumentation von Dr. Kubelik nur voll und ganz unterstreichen. Die psychische Gesundheit der jungen Menschen wird bei der ganzen Diskussion völlig außer acht gelassen. Dass es unter Schülern und Studenten und sicher auch Lehrern Menschen gibt, die ihre gewohnte Tätigkeit und den realen Kontakt mit anderen Menschen wie „Luft zum Atmen“ brauchen um psychisch stabil zu bleiben, ist eine Tatsache, auf welche in der Öffentlichkeit nur Dr. Martin Spenger mit Nachdruck verwiesen hat. In der Taskforce der Regierung hatte seine Stimme leider kein Gewicht.

    3. Danke für diesen Kommentar! Da ich diesem vollinhaltlich zustimme, erspare ich es mir, selbst einen derartigen zu verfassen. Ich ergänze nur, dass ich als AHS-Lehrer das erste Mal von unserer Gewerkschaft zutiefst enttäuscht bin – anstatt daran zu denken, was für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen das Beste wäre und wie wir unseren Bildungsauftrag trotz Krise erfüllen können wird fleißig gegen eine Rückkehr an unsere Arbeitsplätze gewettert. Für mich bewahrheitet sich auf erschreckende Art und Weise das erste Mal das Bild vom Blockierern und Tachinierern. Enttäuschend.

  4. Nach Lektüre der Beiträge von Dr. Kubelik, Monika1958 und Simon:

    1. Unsere Kinder werden nicht (in erster Linie) von der Schule fern gehalten, um sie vor Corona zu schützen, sondern um sie nicht zu Multiplikatoren werden zu lassen. Im Hintergrund ist immer die Kapazität der Spitäler. Leben und Tod stehen nun mal in der Güterabwägung höher als sämtliche andere Faktoren, z.B. „Kinder brauchen andere Kinder wie wir die Luft zum Atmen.“ (Zitat Dr. Kubelik)

    2. Wie, bitte, soll ein Politiker den Menschen erklären, dass 50 Leute auf einmal im Kino oder beim Heurigen zu viel sind, aber 500 Kinder in der Schule akzeptabel? Oder dass die Gastronomie landesweit geschlossen ist, in einem Hort aber sehr wohl gemeinsam zu Mittag gegessen wird?

    Wir Lehrer leben auf keinem anderen Planeten – die Verhaltensmaßregeln für uns müssen zu denen passen, die auch für alle anderen Mitbürger gelten.

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