Nicht besser, als wir es verdienen

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, geschätzte LeserInnen, aber ich bin unheimlich froh, dass dieser Wahlkampf endlich vorbei ist. Die Zeit der fokussierten Unintelligenz (© Dr. Michael Häupl) ist schwer verdaulich und trägt zweifellos dazu bei, dass das Image der PolitikerInnen ist, wie es ist. Die Frage „Inwieweit vertrauen Sie persönlich folgenden Berufen?“ beantworteten die ÖsterreicherInnen im Dezember 2018 so: Auf Platz 1 mit 93 % lagen Feuerwehrleute, auf Platz 23 mit 26 % JournalistInnen und auf Platz 25 von 27 PolitikerInnen (18 %). (1)

Für LehrerInnen ist wohl die bildungspolitische Positionierung relevant für eine Wahlentscheidung. Deshalb hat sich Mag. Herbert Weiß, der Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft, Ende Mai mit fünf bildungspolitisch relevanten Fragen an die Vorsitzenden und Obleute der im Parlament vertretenen Parteien gewandt und um deren Beantwortung gebeten. Trotz Erinnerung haben es drei Vorsitzende nicht der Mühe wert gefunden, den AHS-LehrerInnen ihre bildungspolitischen Ansichten mitzuteilen. Die Antworten der anderen finden Sie hier.

Seit ich das Wahlrecht besitze, habe ich an absolut jeder Wahl teilgenommen, bei der ich wahlberechtigt war. Und oftmals ist mir beim Setzen des „Kreuzerls“ fast der Finger abgebrochen. Als ausgebildeter Historiker vergesse ich jedoch nicht, wie hart das Wahlrecht erkämpft wurde und in wie vielen Teilen der Welt Menschen verfolgt, gefoltert und getötet werden, weil sie demokratische Mitbestimmung einfordern. Aus moralischer Sicht ist für mich das Wahlrecht eine Wahlpflicht.

Aber es gibt auch pragmatisch Gründe, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Wer nicht zur Wahl geht, weil er es satt hat, das kleinere Übel zu wählen, wird möglicherweise damit bestraft, dass das größere Übel gewinnt. Und schon George Bernhard Shaw wusste: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ (2)

(1) Siehe https://de.statista.com/statistik/daten/studie/667238/umfrage/vertrauen-gegenueber-ausgewaehlten-berufsgruppen-in-oesterreich/.

(2) „Democracy is a device that insures we shall be governed no better than we deserve.

Bild von Gryffindor – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1289027


5 Gedanken zu “Nicht besser, als wir es verdienen

  1. Ad: 4) Das Oberstufenrealgymnasium (ORG) ist durch die Umwandlung der Hauptschule in die NMS einerseits und die Zentralmatura andererseits mit kaum zu bewältigenden Aufgaben konfrontiert worden. Welchen Beitrag werden Sie dazu leisten, das ORG zu stärken?

    1. Wieso hat die Umwandlung der HS in NMS den ORGs zusätzliche Probleme geschaffen? Es gab doch vor zwei [?] Jahren eine Untersuchung, die nachgewiesen hat, dass sich qualitativ durch die NMS nichts verbessert hat, bloß teurer ist es geworden. Das heißt aber auch, dass sich qualitativ wenigstens nichts verschlechtert hat – die ORGs bekommen also aus den NMS dieselben Schülerqualitäten geliefert wie zuvor aus den HS. Wo also ist das Problem?

    2. Wenn die ORGs durch die Zentralmatura „kaum zu bewältigende Aufgaben“ aufgehalst bekamen, dann kann damit wohl nur der Umstand gemeint sein, dass sie bei der Zentralmatura jetzt nachweislich notenmäßig schlechter als die anderen Gymnasialtypen abschneiden.
    Sollte das vor Einführung der Zentralmatura nicht der Fall gewesen sein (was ich bestreite – zu mindestens an den Standorten GYM + ORG war meines Wissens immer ein Unterschied vorhanden), dann kann das ja wohl nur heißen, dass früher die ORGs notenmäßig geschönte Ergebnisse geliefert hätten. Ist es das, was E. Quin zum Ausdruck bringen will?

  2. Ich bin nicht für die Antworten der Parteivorsitzenden verantwortlich. Allerdings halte ich die Fragestellung für vernünftig. Ein ORG muss die SchülerInnen zur selben Zentralmatura führen wie ein Gymnasium mit einer Langform, startet aber in der 9. Schulstufe mit SchülerInnen, die im Schnitt einen Lernrückstand zu ihren KollegInnen in der Langform aufweisen.

    Die Einführung der NMS hat das Problem verschärft, wie die Statistik Austria belegt (Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2017/18. Schlüsselindikatoren und Analysen (2019), S. 61).

    Nicht von der neunten in die nächste Schulstufe ihres Schultyps aufgestiegen sind bundesweit
    In der 9. Schulstufe besucht: AHS BHS
    In der 8. Schulstufe besucht:
    AHS-Unterstufe 12,4 % 11,5 %
    Hauptschule 20,8 % 23,0 %
    NMS 29,2 % 31,8 %

    1. Zu Herbert Weiß:

      1. Dass im ORG schwächere Schüler sitzen, war immer schon so. Das hat nichts mit der Zentralmatura zu tun. Wenn man darauf hinaus will, dass das Problem darin liegt, dass jetzt erstmalig im ORG vergleichbar geprüft wird, dann bleibt meine oben gestellte Frage offen, wie seriös dann die „alten“ ORG-Maturanoten waren (vor der Zentralmatura).

      2. In der Kurzfassung der Statistik Austria fehlen mir vor allem die Jahreszahlen. Wann wurde da gemessen? Wenn man ein einziges Jahr betrachtet, welches nimmt / nahm man da? Oder hat man vielleicht einen Jahrgang, als die Hauptschule noch komplett war, mit einem Jahrgang verglichen, als die NMS schon komplett eingeführt war? Da lägen aber so viele Jahre dazwischen, dass Äpfel mit Birnen verglichen würden.

      Wenn ich die von Koll. Weiß zitierten Zahlen richtig interpretiere, dann scheitern von 100 AHS- Unterstufenschülern, die dann in die Oberstufe weiter gehen, nicht weniger als 12 beim Übertritt von der 9. in die zehnte Schulstufe. Das ist doch wohl unrealistisch, oder?

  3. Kollege Wallner, Sie interpretieren die Zahlen richtig:

    12,4 Prozent der SchülerInnen, die im Schuljahr 2015/16 in der AHS-Unterstufe und im Schuljahr 2016/17 in der AHS-Oberstufe unterrichtet wurden, stiegen für das Schuljahr 2017/18 nicht in die nächsthöhere Klasse auf. Für SchülerInnen, die aus der Hauptschule kamen, traf dies auf 20,8 Prozent zu, bei SchülerInnen aus der NMS auf 29,2 Prozent. Womit ich auch den fehlenden Beobachtungszeitraum ergänzt und Ihren Verdacht, es würden Äpfel mit Birnen verglichen, entkräftet habe.

  4. 1. Dann muss ich wohl zur Kenntnis nehmen, dass meine Schule da ganz anders funktioniert hat: Über 10% Ausfallsquote von der 5. zur 6. Klasse hatten wir nie.
    Natürlich kenne ich die Praxis, das 9. Schuljahr irgendwo abzusitzen, um nicht ins Poly gehen zu müssen, aber dass das auch für AHS-Unterstufenschüler gilt / galt, wusste ich nicht.

    2. Warum lege ich Wert auf den Beobachtungszeitraum?
    SchülerInnen, die 2016/2017 die 5. Klasse AHS besuchten, müssen demnach im Jahr 2012/2013 die HS bzw. die NMS begonnen haben. Als AHS-Lehrer bin ich nicht so vertraut mit den damaligen Abläufen in der Pflichtschule, schlage also nach auf Wikipedia. Dort steht, dass seit Herbst 2012 die NMS als Regelschule geführt wird – d.h., damals begann erst die Umstellung. Weiters lese ich:
    „Im Oktober 2011 wurde bekannt gegeben, dass bis 2015/16, spätestens 2018/19, alle Hauptschulen Schritt für Schritt [sic!] durch Neue Mittelschulen ersetzt werden.“
    Auf unseren Fall angewendet, heißt das, dass im kritischen Jahr 2012/13 erst ein mir unbekannter Prozentsatz der HS umgestellt war – beide Schultypen liefen also (noch) nebeneinander. (Muss ja auch so sein, denn sonst könnte man sie nicht vergleichen – aber jetzt wissen wir wenigstens, dass nicht verschiedene Jahrgänge verglichen wurden.) Methodisch ist es aber ein Problem, ein alteingesessenes System mit einem neu entstehenden zu vergleichen. Man kann mit gutem Grund annehmen, dass ein System in statu nascendi, das sich erst ausprobiert, zuerst einmal seine Kinderkrankheiten überwinden muss. Einem AHS-Mathematiker zum Beispiel brauche ich das nicht zu erklären – es genügt, ihn auf die Zentralmatura zu verweisen.
    Schlussfolgerung: Die von Koll. Weiß zitierten statistische Zahlen werden sicher stimmen, sie sind aber nicht aussagekräftig, was den Vergleich HS-NMS betrifft, denn irgendwie werden doch Äpfel mit Birnen verglichen.

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