Gerhard Riegler: Bilanz eines Jahrzehnts

Am Mittwoch der vorigen Woche wurde TALIS 2018 präsentiert – in Österreich nach einer zehnjährigen Unterbrechung, da unsere damalige Unterrichtsministerin nach den katastrophalen Daten, die TALIS im Juni 2009 auf den Tisch gelegt hatte, keine weitere Teilnahme Österreichs an dieser Studie wünschte.

TALIS 2008 hatte aufgezeigt, dass es in keinem anderen Staat so wenig Support für die LehrerInnen gibt wie in Österreich. Österreich hatte den letzten Platz hinter der Türkei belegt. Es folgten Jahre politischer Beteuerungen und Absichtserklärungen ohne tatsächliche Maßnahmen, um zumindest die Laterne des Letztplatzierten abzugeben. Geändert hat sich am skandalösen Zustand des Jahres 2008 bis zum Jahr 2018 deshalb nur, dass Österreich nicht mehr hinter der Türkei, sondern hinter Belgien den letzten Platz unter allen Staaten belegt. Die Türkei nahm nämlich bei TALIS 2018 nicht mehr teil.

Es ist ein Skandal und ein blamables Zeugnis für ein Jahrzehnt „Bildungspolitik“. „Wie lang soll Österreich noch beim Supportpersonal den letzten Platz belegen? Das Ministerium hat endlich zu handeln.“ Ich teile diese Aussage der designierten ÖPU-Vorsitzenden Gudrun Pennitz und wünsche ihr und Ihnen allen für die kommenden Jahre eine Bildungspolitik, die diesen Namen verdient, statt sich in politischem Kulissenschieben zu ergehen.

Ich wünsche meiner Nachfolgerin und Ihnen allen eine Regierung, die für Österreichs Schulen dringend notwendige Reformen nicht länger in einem viel zu engen Ressourcenkorsett erstickt. Wenn der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der Österreichs Schulwesen zur Verfügung gestellt wird, auf das OECD-Mittelmaß erweitert wird, stehen Österreichs Schulen zusätzliche eineinhalb Milliarden Euro im Jahr zur Verfügung. Von einer Ressourcenausstattung, wie sie die Schulen in Europas hohem Norden genießen, ganz zu schweigen!

Dann braucht’s nur mehr eine Bildungsministerin oder einen Bildungsminister, die bzw. der es versteht, in Wertschätzung für und Respekt vor Österreichs LehrerInnen mit der gewählten Lehrervertretung zusammenzuarbeiten, und dem ersehnten Höhenflug steht nichts mehr im Weg. Denn Österreichs Schulwesen hat LehrerInnen, deren Engagement international hervorsticht. Auch das beweist TALIS 2018. Doch eine weitere Analyse von TALIS ist in diesem Editorial nicht mehr angesagt.

Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen dürfen, die man lange getragen hat, das ist eine köstliche, eine wunderbare Sache.“ (1) Ich wünsche uns allen einen köstlichen, wunderbaren Sommer, in dem wir Lasten fallen lassen dürfen, von denen wir während des Unterrichtsjahres mehr als genug schleppen.

(1) Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel.


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