Herbert Weiß: Anständigkeit

Aus der Fülle politischer Kommentare, die nach dem Ibiza-Tsunami über das Land schwappten, fiel mir der von Dr. Michael Prüller (1) wegen seines Titels auf. „Ein guter Satz von Niki Lauda“ (2) lautete er und erweckte meine Neugier. Vor zehn Jahren hatte Niki Lauda in einem Interview über seine beiden ältesten Söhne Folgendes gesagt: „Das sind ehrliche, gerade und anständige Burschen geworden, die ich mir nicht besser wünschen könnte.“ Und der Kommentator meinte dazu, Laudas Sichtweise gefiele ihm. „Nicht von intelligent, attraktiv oder durchsetzungsstark war hier die Rede. Sondern von Ehrlichkeit, Gradlinigkeit und Anständigkeit.“ (3)

In Zeiten, in denen sich Exponenten der angeblichen „Partei der Anständigen“ auf Ibiza als hochgradig unanständig geoutet haben, scheint es wichtig, eine Renaissance der Anständigkeit zu fordern. Mir gefällt übrigens Michael Prüllers Definition dieser Tugend recht gut: „Anständigkeit hingegen ist der Wille, gut zu sein, und braucht daher einen klaren Begriff davon, was gut ist. Anständigkeit setzt nicht Äquidistanz voraus, sondern einen festen Standpunkt.“ (4)

Bei zu vielen PolitikerInnen hat man den Eindruck, dass sie ihre Standpunkte „situationselastisch“ (© Ex-BM Mag. Gerald Klug) an die Ergebnisse aktueller Meinungsumfragen anpassen. Kein Wunder, dass nicht nur hierzulande PolitikerInnen ein Glaubwürdigkeitsproblem haben.

Dass viele „VolksvertreterInnen“ offenbar nicht daran denken, die aktuelle politische Situation als Chance zu sehen und zu zeigen, dass man gemeinsam und mit Anstand etwas weiterbringen kann, macht mich für die Zukunft wenig optimistisch.

Natürlich kann man sich von einer „Übergangsregierung“ nicht erwarten, Innovationen voranzutreiben. Es gäbe aber viele vernünftige Vorhaben der letzten Regierung, die auf die Umsetzung bzw. die nötigen Beschlüsse (Stichwort „Ethikunterricht“) warten, und es gäbe auch einiges zu reparieren. Hier könnten alle Parteien das wahr machen, was sie in den letzten Jahren immer nur von den anderen gefordert haben. Das „freie Spiel der Kräfte“ im Nationalrat böte durchaus Chancen. Dazu müsste man aber den Anstand haben, Parteiinteressen hintanzustellen, was in Vorwahlzeiten noch unwahrscheinlicher ist als sonst.

Mein Wunsch für die Zukunft ist also zweigeteilt. Möge auch in den nächsten Monaten an der Umsetzung sinnvoller Reformen für das Schulwesen gearbeitet werden, und möge uns die neue Regierung im Herbst einen ähnlich guten Bildungsminister bringen! Bei dessen Auswahl sollte neben fachlicher Kompetenz die Sekundärtugend „Anständigkeit“ eine ganz wichtige Rolle spielen. Mein Wunschkandidat heißt Heinz Faßmann.

(1) Michael Prüller ist ein österreichischer Journalist, promovierter Jurist, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ und seit 2011 Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation der Erzdiözese Wien.

(2) Michael Prüller, Ein guter Satz von Niki Lauda. In: Presse online vom 1. Juni 2019.

(3) a.a.O.

(4) a.a.O.


4 Gedanken zu “Herbert Weiß: Anständigkeit

  1. Danke für diese Sichtweise! Viele Grüße U. Blanckenstein

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  2. „Anständigkeit hingegen ist der Wille, gut zu sein, und braucht daher einen klaren Begriff davon, was gut ist. Anständigkeit setzt nicht Äquidistanz voraus, sondern einen festen Standpunkt.“

    Es gab einmal eine Zeit, da hätte man ein solches Zitat zur Deutsch-Matura geben können. Da hielt man die Schüler noch für kompetent genug, um sich damit auseinanderzusetzen – bevor der Begriff „Kompetenz(en)“ ausverkauft wurde.

    Zwei Beiträge aus der Vergangenheit zum Thema „anständig“ (d.h. „einen festen Standpunkt haben“):

    „Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, ANSTÄNDIG, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“ ((Heinrich Himmler, Rede in Posen vor 92 SS-Offizieren am 4. 10. 1943; Quelle: Wikipedia)

    „Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – ANSTÄNDIG geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. Denn wir wissen, wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt – bei den Bombenangriffen, bei den Lasten und bei den Entbehrungen des Krieges – noch die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten. Wir würden wahrscheinlich jetzt in das Stadium des Jahres 1916/17 gekommen sein, wenn die Juden noch im deutschen Volkskörper säßen.“ (ibid.)

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