Endlich Ethik

In einer Pressekonferenz am 5. März 2019 wurde von Bundeskanzler Sebastian Kurz, Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Bundesminister Univ.-Prof. Dr. Heinz Faßmann angekündigt, Ethikunterricht in der Oberstufe ins Regelschulwesen zu überführen. Konkret bedeutet das:

  • Ausbildung von Lehrkräften im Schuljahr 2019/2020
  • Einführung des Ethik-Unterrichts in der AHS und der Polytechnischen Schule im Schuljahr 2020/2021
  • Einführung des Ethik-Unterrichts in der BMHS im Schuljahr 2021/2022

Dieser Unterricht soll für alle SchülerInnen verpflichtend sein, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen.

Dieser Schritt ist längst überfällig, gibt es doch seit den 1990er-Jahren Schulversuche dazu – mittlerweile an 211 Schulstandorten –, und es kann auch nur ein erster Schritt sein. Eine solche Maßnahme wäre ab der Volksschule sinnvoll. Selbst im Regierungsprogramm liest man: „Konfessioneller Religionsunterricht unter Beibehaltung der differenzierten Religionsausrichtungen (z. B. Aleviten, christlich-orthodoxe Gemeinden); verpflichtender Ethikunterricht für alle, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen“ (1) ohne Einschränkung auf irgendwelche Schulstufen. Im Augenblick scheitert das wohl nur am Geld.

Der Zeitplan ist ambitioniert v. a. in Hinblick auf Schulbücher. Allerdings kann man auf die Erfahrungen an hunderten Schulstandorten zurückgreifen.

Natürlich gibt es an dieser Maßnahme auch herbe Kritik. SPÖ, Liste Jetzt und die Industriellenvereinigung – eine interessante Koalition – fordern etwa einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle. (2) Wie realistisch die Ausweitung der Stundentafel ist, mag jeder selbst beurteilen.

Ich möchte jedenfalls, dass sich alle SchülerInnen im Rahmen des Schulunterrichts fundiert mit den Grundfragen des Lebens beschäftigen. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen philosophischen, weltanschaulichen, kulturellen und religiösen Traditionen und Menschenbildern muss gefördert werden, um so einen Beitrag zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung und selbstständigen Reflexion zu leisten.

Das alles geschieht in einem qualitätsvollen konfessionellen Religionsunterricht, und das sollen SchülerInnen, die einen solchen nicht besuchen, in Ethik vermittelt bekommen. Und ja, ich bin entschieden gegen eine Abschaffung des konfessionellen Religionsunterrichts, denn ich möchte die Auslegung und Vermittlung religiöser Lehren – egal welcher Konfession – nicht radikalen HinterhofpredigerInnen überlassen, sondern weiß diese lieber unter staatlicher Kontrolle in einem öffentlichen Schulsystem.

(1) Zusammen. Für unser Österreich. Regierungsprogramm 2017 – 2022 (Dezember 2017), S. 65.

(2) Siehe Ethikunterricht: Forderung nach Ausweitung, Kritik an „Sowjet-Manier“. APA-Meldung vom 5. März 2019.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Endlich Ethik

  1. Um z.B. Musik unterrichten zu können / dürfen, bedarf es eines mindestens vierjährigen Studiums. Schlechter ausgebildete Musiklehrer sind den Schülern nicht zumutbar, und weniger als vier Jahre ist dem Fach nicht adäquat. Für Ethik reicht dagegen ein einjähriger Schnellsiederkurs (E. Quin: „Ausbildung von Lehrkräften im Schuljahr 2019/2020“).

    Aber die meisten Ethiklehrer sind sowieso Religionslehrer, weil das ist ja irgendwie eh dasselbe, oder? Eine Lehrerin, die katholische Theologie studiert hat, wird also in der ersten Stunde in Ethik den Schülern erklären, dass die Gleichberechtigung der Frau ein ethischer Wert ist. In der zweiten Stunde wird dieselbe Lehrerin im Religionsunterricht erklären, wieso es keine Pfarrerinnen, Bischöfinnen und Päpstinnen gibt.

    Der muslimische Religionslehrer wird den Burschen in seiner Klasse erklären, dass der Prophet die Polygamie erlaubt hat. Am nächsten Tag wird derselbe Lehrer die Mädchen in seiner Klasse im Fach Ethik beruhigen: Polygamie ist ethisch sowieso verwerflich.

    So vermittelt man der Jugend moralische Leitlinien.

    P.S.: Im heutigen STANDARD lese ich, dass Ethik nur mit einer Wochenstunde unterrichtet werden wird, wogegen aber Religion zwei Wochenstunden hat. Wie passt das zusammen?

  2. Ist islamischer Religionsunterricht auch in den Stundentafeln verankert oder findet er – wie bei vielen christlichen Religionen – außerhalb der normalen Schulzeit statt? Ist dann garantiert, dass die Schüler nicht durch eine einfache Scheinbestätigung dem Ethikunterricht „entkommen“? Übrigens gibt es 2 Wochenstunden Religionsunterricht nur, wenn mehr als 50% der Schüler diesen auch besuchen wollen; sonst nur 1 Stunde. Die gerechteste Lösung wäre aber, Ethikunterricht für alle und Religionsunterricht ausschließlich außerhalb der Schulen in der Freizeit!

  3. Auch ich habe im Standard heute den Gastkommentar von Herrn Walser gelesen und bin mit der vorliegenden Idee der Regierung nicht zufrieden. Es sollte so geregelt sein, wie Walser vorschlägt:

    Verpflichtender Ethikunterricht für ALLE im Regelunterricht.
    Freiwilliger konfessioneller Religionsunterricht außerhalb des Regelunterrichts.

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