Die haben nicht gewonnen

Die Wiener NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger sorgt mit ihrem Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ für Schlagzeilen. „Der Islam verändert die Schulen in eine Richtung, die nicht akzeptiert werden darf“, schreibt Mag. Lisa Nimmervoll in einem „Standard“-Kommentar. (1) Wieviel Multikulturalität, wieviel Kulturrelativismus verträgt unsere Gesellschaft?

Lt. Kant sagte der von ihm als „Herr“ titulierte König Friedrich II. von Preußen: „räsonnirt, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; nur gehorcht!“ (2) Freilich impliziert diese Aussage ein Bild des Bürgers (3) als Untertan, aber im Kern wird hier, auch wenn es überraschend klingt, die Grundlage des liberalen Staates formuliert. Die Staatsbürger können glauben, was sie wollen, solange sie die Gesetze des Staates respektieren. Das bedeutet andererseits aber auch die Akzeptanz einer von den eigenen Vorstellungen abweichenden Lebensweise, und damit tun sich religiöse Fundamentalisten grundsätzlich schwer. Umgekehrt kann eine freie, aufgeklärte Gesellschaft manche Wünsche unmöglich erfüllen, ohne ihre eigenen Fundamente zum Einsturz zu bringen.

Obwohl der aufgeklärte, liberale Staat einst gegen den Widerstand der Kirche erkämpft werden musste, hat er christliche Wurzeln – die Betonung des freien Willens des Individuums und des Gewissen des Einzelnen. Und genau das kann ein fundamentalistischer Islam uns vorwerfen. Unser Staat ist nicht weltanschaulich neutral und kann es auch nicht sein. Und zu dieser Art von Parteilichkeit sollten wir uns auch bekennen. „Denn diese Parteilichkeit ist keine unzumutbare, sie tritt nur angesichts seiner Feinde in Erscheinung, diesen gegenüber aber gleichermaßen. Sie bevorzugt weder Christen noch Muslime, noch kämpferische Atheisten. Sie kürzt nur allen gemeinsam den Anspruch, der Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen.“ (4)

Karl Popper hat bereits 1945 das sogenannte Toleranzparadoxon beschrieben. „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. […] Wir sollten […] im Namen der Toleranz das Recht in Anspruch nehmen, die Intoleranten nicht zu tolerieren. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zu Entführung oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“ (5)

Wir müssen stärker als in der Vergangenheit die Fundamente unseres Staates verteidigen und die Beachtung unserer Spielregeln ohne Wenn und Aber einfordern. „Wir? Ja, es gibt Situationen, in denen die Unterscheidung zwischen „wir“ und „ihr“ wichtig ist. Die Trennlinie verläuft jenseits privater Religiosität oder Herkunft. Dies ist kein Kampf Muslime gegen Nichtmuslime. Dies ist der Kampf der Vernünftigen und Aufgeklärten für Freiheit und Demokratie und gegen die Feinde der offenen Gesellschaft.“ (6) Denn ich weigere mich, das, was die „Presse“ als „Bilanz“ Susanne Wiesingers bezeichnet, zu akzeptieren: „Wir sind ohnmächtig. Und oft denke ich: Die haben gewonnen und wir haben verloren.“ (7)

(1) Lisa Nimmervoll, Kampf der Vernünftigen. In: Standard online vom 10. September 2018.

(2) Immanuel Kant, Was ist Aufklärung (1784).

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Jens Jessen, Die Tücken der Toleranz. In: Die Zeit online vom 18. November 2004.

(5) „Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. […] We should […] claim, in the name of tolerance, the right not to tolerate the intolerant. We should claim that any movement preaching intolerance places itself outside the law, and we should consider incitement to intolerance and persecution as criminal, in the same way as we should consider incitement to murder, or to kidnapping, or to the revival of the slave trade, as criminal.“ Karl Popper, The Open Society and Its Enemies (1945), Band 1, Anmerkung 4 zu Kapitel 7.

(6) Nimmervoll, Kampf der Vernünftigen.

(7) Anne-Catherine Simon, Islam in der Schule: „Oft denke ich, wir haben verloren“. In: Presse online vom 9. September 2018.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Die haben nicht gewonnen

  1. Ad: „Obwohl der aufgeklärte, liberale Staat einst gegen den Widerstand der Kirche erkämpft werden musste, hat er christliche Wurzeln – die Betonung des freien Willens des Individuums und des Gewissen des Einzelnen.“

    1. Wenn ich mir die 10 Gebote anschaue, dann beginnen sie alle mit „Du sollst …“ bzw. „Du sollst nicht …“ – klingt nicht nach einer Betonung des freien Willens.

    2. Wo bitte ist in unserer Verfassung vom Gewissen des Einzelnen die Rede? Nicht einmal für die Verweigerung des Wehrdienstes braucht man mehr Gewissensgründe anzugeben. Gewissen ist keine juristische Kategorie.

    3. Das Christentum ist von Natur aus transzendent (siehe die ersten drei der 10 Gebote), was ein Staat per definitionem nicht sein kann. Eine Gewerkschaft zum Beispiel kann ja auch nicht transzendent sein – außer vielleicht für jene, die die Pension als Paradies ersehnen …
    Was an unserem Staat hat also christliche Wurzeln, was nicht genauso in anderen Staaten vorhanden wäre wie z.B. in Japan? (Den Japanern wird ja wohl niemand christliche Wurzeln andichten?)

    4. Beispiel Monogamie: Ein Mann und zwei Frauen können gemeinsam noch so sehr ihren freien Willen betonen, eine Ehe zu dritt führen zu wollen – sie dürfen es nicht. (Was ist an diesem Verbot übrigens „liberal“?) Aber wenn man die Monogamie auf christliche Wurzeln zurückführt, wieso herrscht sie dann sogar in Nordkorea?

    1. Es hängt von der Übersetzung und Auslegung ab. Rein sprachlich gesehen könnte man auch präsentisch übersetzen: Du wirst nicht… Im übrigen meint Willensfreiheit in dem Zusammenhang eher, dass es die bewusste Entscheidung ist des Einzelnen, ob der diese Regel / Gebote / Gesetze einhält oder nicht. Was einen riesigen Unterschied zu anderen religiösen System darstellt, die per se von einem vorherbestimmten menschlichen Leben ausgehen. Dieser Zug ist im Islam stärker vertreten als im Judentum oder Christentum, siehe auch Verhältnis vieler islamischer Strömungen zu Medizin etc. Krank werden ist sozusagen Schicksal und höherer Wille, das würden modere christliche und reformjüdische Strömungen anders sehen.

  2. Es liegt an uns Erwachsenen, als Vorbilder zu wirken.
    Wir müssen für ein gelungenes Miteinander der jungen Menschen und für gegenseitigen Respekt eintreten, und das geschieht nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe, dadurch, dass wir selbst so handeln, dass wir selbst uns richtig verhalten.
    Kulturkampf an den Schulen ist nur eines von vielen Hirngespinsten und Angstmache vonseiten unserer rechten Rattenfänger, in diesem Fall halbintellektuelle Basis und weitere „Rechtfertigung“ für die menschenverachtende kurzsichtige Politik, die uns und ganz Europa wieder langsam, aber sicher in die dunkelste Zeit des vergangenen Jahrhunderts zurückführen wird.

    1. Ad: „Kulturkampf an den Schulen“ ist nur eines von vielen Hirngespinsten und Angstmache vonseiten unserer rechten Rattenfänger“

      In der Zeitung lese ich, dass Susanne Wiesinger, die Verfasserin von „Kulturkampf im Klassenzimmer“, eine SPÖ-Funktionärin war: „Die Schule liegt in einem Wahlsprengel, in dem die SPÖ bei der vergangenen Nationalratswahl noch fast zehn Prozentpunkte vor der FPÖ gelegen ist – und Frau Wiesinger ist aufrechte Sozialdemokratin, Gewerkschafterin, war lange Personalvertreterin.“ (STANDARD 11. September)

      Weiters bereits aus dem März 2018: „Susanne Wiesinger hat ein Tabu gebrochen. Sie hat als Personalvertreterin der sozialdemokratischen Lehrergewerkschaft über den wachsenden Einfluss des Islam an Wiener Schulen und das dortige Integrationsversagen gesprochen. Nun schlägt rote das Establishment zurück. Wiesinger gibt auf und tritt von ihrem Personalvertreterposten zurück.“ (www.journalistenwatch.com)

      Also wie ist das jetzt mit den „rechten“ Rattenfängern?

    2. Wenn ich Ihren Kommentar lese, dann vermute ich, dass Sie Saudi-Arabien oder den Iran als weltoffene, tolerante Staaten sehen, in denen dieser schreckliche Kulturkampf nicht stattfindet. Er findet deshalb nicht statt, weil dort alle anderen Religionen faktisch verboten sind und deren Anhänger verfolgt werden. Wenn Sie Zeit haben lesen Sie bitte den Koran (am besten in 2 Übersetzungen um Fehlinterpretationen auszuschließen) und die Hadithen. Von Scharia haben sie offenbar noch nichts gehört; die gibt es in Hintertupfing natürlich nicht. Sie sollten sich aber informieren, denn wenn wir die Statistiken lesen, dann haben Muslime in 20, 30 Jahren die Mehrheit in Österreich. Vielleicht sind Sie dann glücklicher als derzeit?

      1. Sie haben ihn weder gelesen noch verstanden, typisch für jene Sorte Kampfposter, die noch dazu glaubt, besonders schlau zu sein.

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