Gerhard Riegler: Dem Backwash-Effekt entkommen

Die Zentralmatura mit ihren Unzulänglichkeiten war in den letzten Wochen Stammgast in den Medien.

Üblicherweise freut man sich, wenn man recht behält. In diesem Fall hätte ich lieber darauf verzichtet. Ich könnte jetzt eine lange Liste an Rundschreiben anführen, in denen wir im Lauf des letzten Jahrzehnts vor Unzulänglichkeiten gewarnt haben, die jetzt Thema sind. Ich möchte aber darauf verzichten, weil der Blick in die Vergangenheit keine Zukunftsperspektive bietet.

Neu ist hingegen, dass wir einen Bildungsminister haben, der Kritik der Betroffenen ernst nimmt und die Zentralmatura einer Evaluation unterziehen und auf ihr aufbauend „nachschärfen“ und auch die „psychometrische Ausrichtung“ hinterfragen möchte. (1)

In der Tat ist es Zeit, die Psychometrie zu hinterfragen, wenn sie den Schwierigkeitsgrad von Aufgaben trotz aller Feldtestungen so wenig vorhersagen kann, dass die Ergebnisse von Jahrgang zu Jahrgang Bocksprünge hinlegen. Kein Psychometriker wird wohl behaupten wollen, dass die „Kompetenz“ unserer SchülerInnen von Jahrgang zu Jahrgang derartigen Schwankungen unterworfen ist.

Neu ist auch, dass Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner, der unsere Kritik in all den Jahren immer wieder geteilt und sich für eine teilzentrale Matura ausgesprochen hat, seit einem halben Jahr als Bildungssprecher politische Verantwortung trägt.

Ich bin froh, dass die Evaluation nicht auf die lange Bank geschoben wird, sondern schnellstmöglich beginnen soll, und hoffe auf eine konstruktive Auseinandersetzung, in die die Betroffenen eingebunden sind. Das Ergebnis des Umbaus – und das muss wohl unser aller Ziel sein – möge dem Unterricht an den Schulen, deren AbsolventInnen eine Reifeprüfung zu bestehen haben, dienlich sein.

Die ProtagonistInnen der Zentralmatura sind vor einem Jahrzehnt mit der Ankündigung angetreten, die Zentralmatura werde einen Backwash-Effekt auf den Unterricht haben. Dieses Versprechen hat die Zentralmatura eingelöst. Dass sich dieser Effekt aber positiv auf den Unterricht ausgewirkt hat, können sehr viele nicht wahrnehmen.

Im Fach Deutsch müssen die Aufgabenstellungen zur Matura einem starren Schematismus folgen, der die eigenständige sprachliche Entfaltung dermaßen einbremst, dass mittlerweile fast nur mehr fade, standardisierte Texte zu Allerweltthemen geschrieben werden. Gerade schreibbegabte Maturantinnen und Maturanten können ihr kreatives Potenzial in diesem Käfig aus Regeln und Richtlinien nicht entfalten.“ (2) So der von mir sehr geschätzte Literaturwissenschaftler und langjährige AHS-Direktor Mag. Dr. Christian Schacherreiter.

Die vor uns liegenden Umbauarbeiten hätten wir uns ersparen können, hätte es im letzten Jahrzehnt mehr Einbindung der Betroffenen und weniger Hybris auf Seiten derer gegeben, die für die Zentralmatura verantwortlich waren.

Ich wünsche uns eine Reifeprüfung, die die Studierbefähigung junger Menschen nachweist, ohne die vor ihr liegenden Unterrichtsjahre durch eine Normierung und damit Engführung zu behindern. Ist das zu viel verlangt?

(1) Katharina Mittelstaedt, Bildungsminister will bei Zentralmatura „massiv nachschärfen“. In: Standard online vom 4. Juni 2018.

(2) Christian Schacherreiter, Matura: Die Prüfungsformate sind das Problem. In: Oberösterreichische Nachrichten online vom 29. Mai 2018.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Dem Backwash-Effekt entkommen

  1. Ad: „Die vor uns liegenden Umbauarbeiten hätten wir uns ersparen können, hätte es im letzten Jahrzehnt mehr Einbindung der Betroffenen und weniger Hybris auf Seiten derer gegeben, die für die Zentralmatura verantwortlich waren.“

    Anders ausgedrückt: „Die anderen sind schuld, weil sie uns Lehrer nicht gefragt haben.“

    Faktum ist: Seit Beginn der Zentralmatura (AHS) gibt es in Deutsch und Englisch Ergebnisse, die jeder pädagogischen Erfahrung Hohn sprechen: Auf ein Nicht genügend kommen da 10 (oder mehr) Sehr gut. Spitzenreiter war Deutsch 2015: Auf ein Nicht genügend kamen 199 (einhundertneunundneunzig) Sehr gut. Alles nachzulesen auf der Ministeriums-Homepage.

    Frage: Wer hat uns Lehrer daran gehindert, die Stimme zu erheben beim der Verramschung der Fächer Deutsch und Englisch? Hat uns etwa irgendwer einen Maulkorb umgehängt? Alle reden nur davon, dass es in Mathematik nicht passt – aber in Deutsch und Englisch geht es genauso schief – bloß in die andere Richtung. Dazu dröhnendes Schweigen aus der Lehrerschaft. Aber Jammern, wir seien nicht eingebunden gewesen.

    Der Kaiser steht nackt da – und alle tun so, als ob er neue Kleider aus Deutschland und England bekommen hätte.

  2. Dem Backwash-Effekt entkommen

    Ich erlaube mir eine kleine Analyse des Textes vorzunehmen um
    – aus meiner Sicht – zu erklären, warum wir, die betroffenen Lehrer,
    bei all den von uns kritisierten Entscheidungen, nicht eingebunden
    sind. Weil wir einfach – ev. aus Zeitmangel, ev. aus Ideenlosigkeit,
    ev. aus mangender Courage, ev. aus Wurschtigkeit(sic!) – zu wenig
    sicht- und hörbar auftreten.

    Der Text scheint das ahnen zu lassen, finden sich darin doch deutlich
    viel Konjunktivisches, Vages bzw. bloß rethorisch Fragendes:
    Zitat(e) beginn:
    hätte ich lieber
    beginnen soll
    hoffe auf
    muss wohl unser aller Ziel sein
    möge … dienlich sein
    hätten wir uns ersparen können
    hätte es im letzten Jahrzehnt mehr Einbindung …gegeben
    Ich wünsche uns
    Ist das zu viel verlangt?
    Zitat(e) ende:

    Back-Wasch mich, aber mach mich bitte nicht nass.

    LG, Walther Stuzka
    Neulandschule, 910026

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