Herbert Weiß: Zunahme von Gewalt?

Zuletzt gab es in verschiedenen Medien vermehrt Berichte über Gewalt an unseren Schulen. Tatsache ist, dass eine Zunahme an Gewalt sowohl von LehrerInnen als auch von SchülerInnen empfunden wird. Ich teile die Einschätzung des Vorsitzenden der ARGE-LehrerInnen Paul Kimberger, der „Zustände wie in ‚Pariser Vororten‘“ fürchtet. (1)

Aus meiner eigenen Erfahrung, aber auch aufgrund vieler Gespräche mit KollegInnen wage ich zu bezweifeln, dass es an unseren Schulen keinen Zuwachs an Gewalt gäbe, auch wenn sie angeblich „empirisch nicht belegt“ sei. (2) Das Problem zeigen auch internationale Studien auf. „Im internationalen Vergleich rangiert Österreich in allen Perspektiven (Opfer und Täter; Anm.: beim Bullying) im negativsten Drittel der HBSC-Länder, bei den 13- und 15-Jährigen sogar jeweils unter den Top 6.“ (3)

Das Problem der Gewalt an unseren Schulen hängt aus meiner Sicht nur zu einem geringen Teil mit Migration zusammen. Es ist vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem. Die Ursachen für Gewalt liegen oft außerhalb der Schule, wie das auch Bundesminister Univ.-Prof. Dr. Faßmann im oben zitierten Artikel anmerkt. Seine Einschätzung bzgl. des Einsatzes von SozialarbeiterInnen, PsychologInnen oder MedizinerInnen teile ich allerdings nicht. Auch wenn die Schule nicht als „Reparaturinstanz für die gesamte Gesellschaft“ (4) herhalten kann, wäre ein verstärkter Einsatz von Supportpersonal längst überfällig: „In Österreich kommen im Schnitt 29 Lehrer/innen auf eine pädagogisch unterstützende Kraft, das bedeutet damit im OECD-/EU-Vergleich das schlechteste Verhältnis. […] In den allgemeinbildenden höheren Schulen kommt auf 51 Lehrer/innen nur eine Unterstützungskraft, in den Hauptschulen ist dies das Verhältnis von 1:24.“ (5)

Natürlich gibt es für das Gewaltproblem auch Lösungsansätze, die nicht auf zusätzliche Ressourcen angewiesen sind. „Wenn Lehrer klar signalisieren, dass Gewalt unerwünscht ist und Gewaltverhalten entdeckt und sanktioniert wird, hält dies davon ab, zum Gewalttäter zu werden, insbesondere auch jene Schüler, die zu Hause Gewalt erleben.“ (6)

Damit bin ich bei einer Forderung an die Politik angelangt, die für manche wohl einen Sprung über ihren ideologischen Schatten bedeutet: Gebt den Schulen bzw. den LehrerInnen endlich Mittel in die Hand, damit sie die Erziehungsaufgaben, die ihnen von der Gesellschaft in immer größerem Ausmaß übertragen werden, auch tatsächlich übernehmen können! Verhaltensvereinbarungen ohne Sanktionsmöglichkeiten sind kontraproduktiv. U. a. bräuchten wir die Möglichkeit, SchülerInnen, die den Unterricht permanent stören, zeitweise in Timeoutklassen betreuen zu lassen. Es geht dabei nicht nur darum, diese SchülerInnen wieder so weit zu bringen, dass sie dem Unterricht folgen wollen, es geht auch darum, den anderen SchülerInnen den Unterricht bieten zu können, den sie verdienen.

(1) Evelyn Peternel, Faßmann: „Schule ist nicht Reparaturinstanz“. In: Kurier online vom 28. März 2018.

(2) a.a.O.

(3) BM für Gesundheit (Hrsg.), Österreichischer Kinder- und Gesundheitsbericht (2016), S. 106.

(4) Peternel, Faßmann.

(5) BIFIE (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012 (2013), Band 1, S. 58.

(6) Christian Pfeiffer u. a., Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland (2018), S. 41.


Ein Gedanke zu “Herbert Weiß: Zunahme von Gewalt?

  1. Also ich kann deine Annahmen nur bestätigen. Ich habe fast 20 Jahre Unterrichtserfahrung an Wiener Berufsschulen und da gibt es schon eine große Bandbreite von gröberen Respektlosigkeiten bis zu echter verbaler Gewalt Körperliche Gewalt ist dagegen die absolute Ausnahme.
    Eine Kollegin brachte es erst letztes Jahr in einer sehr schwierigen HGA-Klasse auf den Punkt: „Euer Verhalten ist menschenverachtend“. Damit meinte sie nicht nur das Verhalten ihr gegenüber, sondern auch das Verhalten innerhalb der Klasse.
    Viele Lehrer/innen versuchen solche negative Erlebnisse so gut es geht auszublenden oder ertragen vieles mit Gleichgültigkeit. Manches wird wahrscheinlich gar nicht an die Direktionen gemeldet bzw. aufgrund der geringen Sanktionsmöglichkeiten mit einem Achselzucken hingenommen.
    Die Unterstützung an Psychologen und Sozialarbeitern ist gelinde gesagt ein Hohn in diesem Land.
    Es braucht mehr Ressourcen und Sanktionsmöglichkeiten!

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