Die Hälfte des Ganzen?

Am vergangenen Dienstag wurde ein Gesetzesentwurf in Begutachtung geschickt, mit dem die angekündigten Deutschförderklassen und -kurse ab dem Schuljahr 2019/2020 umgesetzt werden sollen – mit geringen Modifikationen bereits im kommenden Schuljahr.

Kinder und Jugendliche, die im schulpflichtigen Alter die deutsche Sprache nicht oder nicht ausreichend beherrschen, um dem Unterricht folgen zu können, sollen diese frühzeitig erlernen, um möglichst bald nach dem Lehrplan der betreffenden Schulart und Schulstufe unterrichtet werden zu können.

Deutschförderklassen sind vom Schulleiter (1) jedenfalls ab einer Schülerzahl von sechs Schülern einzurichten. Sie dauern ein Semester und sind so oft (max. jedoch vier Mal) zu besuchen, bis eine integrative Sprachförderung in Deutschförderkursen erfolgen oder der Unterricht ohne besondere Sprachförderung besucht werden kann. Zur Feststellung des Sprachstandes sind standardisierte Testverfahren zur Verfügung zu stellen, die vom Schulleiter oder auf Anordnung der zuständigen Schulbehörde von dieser am Ende jedes Semesters durchzuführen sind.

Bei weniger als sechs Schülern sind die betreffenden Personen in der jeweiligen Klasse grundsätzlich integrativ nach dem Deutschförderplan, sechs Wochenstunden jedoch parallel zum Unterricht in der Klasse zu unterrichten.

Deutschförderkurse sind vom Schulleiter jedenfalls ab einer Schülerzahl von acht Schülern einzurichten. Sie dauern ein oder höchstens zwei Unterrichtsjahre und können nach Erreichen der erforderlichen Sprachkompetenz durch den Schüler auch nach kürzerer Dauer beendet werden. Bei einer Schülerzahl von weniger als acht Schülern sind die betreffenden Personen in der jeweiligen Klasse integrativ zu unterrichten.

Lt. Unterrichtsministerium gibt es 35.000 betroffene Schüler (2), was relativ wenig erscheint, gab es doch in Österreichs Schulen bereits im Schuljahr 2016/2017 über 280.000 Schüler mit nicht-deutscher Umgangssprache. (3) Selbstverständlich beherrschen viele von ihnen die Unterrichtssprache ausreichend oder sogar sehr gut, viele von ihnen aber offensichtlich auch nicht, denn 10-Jährige, deren Umgangssprache nicht die Unterrichtssprache ist, weisen im Schnitt einen Lernrückstand von etwa eineinhalb Jahren auf. Diese erschreckende Folge der bisherigen schul- und integrationspolitischen Versäumnisse ist fast doppelt so groß wie im OECD-Mittel. (4)

Die nun geplanten Maßnahmen sind also längst überfällig und sehr zu begrüßen. (5) Sieben Wochen vor Begutachtungsbeginn wollte das Unterrichtsministerium die Kosten dafür nicht beziffern, allerdings ging man „von einem Mehrbedarf von rund 300 Lehrern aus“. (6) Überraschend ist daher die jetzige Feststellung: „Die beim Personalaufwand dargestellten Berechnungen zeigen, dass mit den bisherigen Zuteilungsmodalitäten im Landeslehrpersonenstellenplan […] das Auslangen gefunden werden kann. Im Bundesfinanzrahmen ist die Bedeckung von Sprachstartgruppen und Sprachförderkursen vorgesehen. Die gegenständliche Maßnahme findet darin Deckung.“ (7) Anders ausgedrückt: keine zusätzlichen Mittel erforderlich.

Das wird wohl keiner ernsthaft glauben. Schade, dass über diesem sinnvollen Projekt von Anfang an das Damoklesschwert der fehlenden Dotierung schwebt. Ein höchst bescheidener Anfang einer für die Zukunft Österreichs eminent bedeutenden Initiative. Aber immerhin: „Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen“, wie schon Aristoteles wusste.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe die Wirkungsorientierte Folgenabschätzung zum Begutachtungsentwurf, S. 6.

(3) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik. Schülerinnen und Schüler mit nicht-deutscher Umgangssprache im Schuljahr 2016/17 (erstellt am 14.12.2017).

(4) Siehe Anke Hußmann u. a. (Hrsg.), IGLU 2016. Lesekompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland im internationalen Vergleich (2017), Abbildung 7.1. Etwa die Hälfte des Lernrückstands ist auf sozioökonomische Faktoren zurückzuführen.

(5) Siehe auch Eckehard Quin, „Ghettoklassen“. In: QUINtessenzen vom 27. Jänner 2018.

(6) Verpflichtende Deutschklassen kommen ab neuem Schuljahr. In: Wiener Zeitung online vom 22. Jänner 2018.

(7) WFA, S. 4.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Die Hälfte des Ganzen?

  1. 1. “ Diese erschreckende Folge der bisherigen schul- und integrationspolitischen Versäumnisse ist fast doppelt so groß wie im OECD-Mittel.“ (E. Quin)

    2. „Auch die Mittel für schulische Integration werden halbiert (von 80 auf 40 Millionen Euro), womit weniger Deutschförderlehrer zur Verfügung stehen.“ (STANDARD vom 17./18. März, Seite 24)

    Hätte E. Quin letzteres gewusst, hätte er gewiss nicht nur die „BISHERIGEN“ integrationspolitischen Versäumnisse angesprochen. Wo er doch seinen Beitrag den schulischen Plänen der Regierung für die Zukunft gewidmet hat.

    1. Am 20 März erschien in der PRESSE ein „Quergeschrieben“ von Peter Rabl mit dem Titel „Der Staat kann kaum wo dümmer sparen als bei der Integration“.
      Dieser Artikel ist kostenpflichtig. Hier ein paar Auszüge:

      Die Flüchtlingswelle der Jahre 2015/16 ist überstanden, daher kann man den Integrationstopf von 80 Millionen Euro für die Betreuung von Flüchtlingskindern einsparen. So die simple Argumentation von Bildungsminister Heinz Faßmann. Er liefert damit seinen Beitrag zum „Ausländersparpaket“ der Koalition. Faßmann war jahrelang Vorsitzender des Expertenrates für Integration, er müsste es daher besser wissen.
      […]
      „Dumm und kriminell fahrlässig“ nennt Hans Rauscher knapp und treffsicher im „Standard“ die Sparpläne bei der Integration.
      Der Bildungsminister hätte in der Vorwoche nur die aktuellen Berichte zum Thema verfolgen müssen. Die Denkfabrik Agenda Austria hat auf Basis von OECD-Statistiken die tristen Bildungserfolge von Schülern nichtdeutscher Muttersprache analysiert. Die sind in Wien mit 60 Prozent an den Volksschulen und zwischen 70 und 80 Prozent an den Hauptschulen und NMS schon die deutliche Mehrheit.
      […]
      Die sozialen und finanziellen Risiken für unsere Gesellschaft sind offensichtlich. Dümmer kann man also nicht sparen als hier. Die schulischen Realitäten hinter den Statistiken schilderte dabei vor Tagen beeindruckend eine sozialdemokratische Lehrergewerkschafterin und langjährige Lehrerin an einer fast ausschließlich von Migranten besuchten Neuen Mittelschule in Wien-Favoriten.
      […]
      Unterstützungspersonal wie Psychologen und Sozialarbeiter sind in allen modernen Schulsystemen selbstverständlich. Nur ausgerechnet der Bildungsminister Faßmann verschließt sich: „Ich wüsste nicht, wie Sozialarbeiter in den Schulalltag integriert werden können. Da sind Lehrer, Schulaufsicht und Eltern gefordert.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.