Gerhard Riegler: Stolz, ein Gewerkschafter zu sein

Vor über einem Jahrzehnt hat der damalige Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Fritz Neugebauer darauf hingewiesen, dass viele der Defizite, die sich während der Schulzeit als Hindernis für den Bildungserfolg erweisen, lang vor Eintritt in die Schule entstehen.
Ein Rauschen ging damals durch Österreichs Blätterwald. Auch auf politischer Ebene und von „ExpertInnen“ gab es für diesen Vorstoß alles andere als Verständnis. Aussagen, die heute zum Standardrepertoire bei VertreterInnen nahezu aller Parteien gehören, riefen damals noch schärfste Kritik und Hohn hervor. „Intelligenztests für Säuglinge?“ (1) und Ähnliches war zu vernehmen.
Es erforderte das geduldige Bohren dicker Bretter, bis auch in unserem Land die Bedeutung frühkindlicher Entwicklung erkannt wurde. Das Bohren dicker Bretter, das von manchem als Betonieren bezeichnet wurde. „Wir müssen einen stärkeren Fokus auf die frühkindliche Entwicklung legen. Dort ist meines Erachtens der Kern. Von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr hast du ein Lebewesen vor dir, das formbar ist wie danach nie mehr. Was bis dahin grundgelegt ist, lernt das Kind wortwörtlich im Spielen. Da geht im Moment in Österreich so viel den Bach runter, das ist abenteuerlich.“ (2)
In all den Jahren, die für das Verstehen und die Akzeptanz dieser ebenso wichtigen wie richtigen, von der Bildungswissenschaft längst bestätigten Aussagen erforderlich waren, ist auf Kosten der Betroffenen und auf Kosten der Qualität unseres Schulwesens viel Wasser die Donau hinabgeflossen.
Was in anderen Staaten zum fast selbstverständlichen Entwicklungsstand eines Kindes gehört, das seine Schullaufbahn beginnt, ist in Österreich Minderheitenprogramm.

Forschungen in der Neurowissenschaft haben offen gelegt [sic!], dass die Empfindlichkeit wichtiger Areale im Gehirn, wie Bereiche der emotionalen Kontrolle, Sozialverhalten und sprachliche sowie rechnerische Fähigkeiten in den ersten drei Jahren ihren Höhepunkt erreichen.“ (3)
Der Bildungsweg eines jeden Menschen beginnt mit dem ersten Tag seines Lebens. Schon vor dem Schuleintritt werden mehr Bildungschancen verspielt, als nach dem Schuleintritt eröffnet werden können. Es ist höchste Zeit dafür, dass dies auch in unserem Land verstanden wird. Es ist höchste Zeit dafür, dass Bildungspolitik auf Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis erfolgt. Es ist höchste Zeit für eine Politik, die ihren Hochmut gegenüber den Fachleuten der Praxis und deren Vertretung ablegt.
Ich bin darauf stolz, in dieser Gewerkschaft Öffentlicher Dienst mitarbeiten zu dürfen.
(1) Glawischnig: „Was will ÖVP als nächstes? Intelligenztests für Säuglinge?“ Presseaussendung vom 30. Juli 2007.
(2) Interview von Fritz Neugebauer in „Datum“ vom 29. Oktober 2010.
(3) Institut der deutschen Wirtschaft Köln (Hrsg.), Bildungsmonitor 2017 (2017), S. 37.


5 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Stolz, ein Gewerkschafter zu sein

  1. Ein Fundstück aus dem aktuellen ÖPU-Wochenspiegel:

    Elternpflicht:
    „Es kann nicht die alleinige Verpflichtung der Lehrer sein, dass aus den Kindern etwas wird, es gibt auch eine Verpflichtung der Elternhäuser.“ (NR-Abgeordneter August Wöginger, Bundesobmann des ÖAAB, Kronen Zeitung online am 1. Dezember 2017)

    Kollege Riegler schreibt, er sei stolz darauf, in dieser Gewerkschaft Öffentlicher Dienst mitarbeiten zu können.
    Wie stellt er sich die Umsetzung der GÖD- und ÖAAB-Erkenntnis vor, dass auch die Eltern verpflichtet sind? (Am besten gleich erklärt am Beispiel der im Beitrag angesprochenen Kleinkinder.)

    Wir leben nun mal in einer Gesellschaft, wo man für den Betrieb eines Würstelstandes jede Menge Auflagen zu erfüllen und Nachweise zu erbringen hat. Einzig für die Produktion und Aufzucht von Kindern braucht man keinerlei Befähigungszeugnis. Was soll sich daran ändern?

  2. Lieber Kollege Wallner,

    ich glaube, dass es in erster Linie um Aufklärung und Bewusstseinsbildung geht. In Österreich herrscht leider noch immer die irrige Annahme vor, Bildung beginne in der Schule und könne an sie delegiert werden. Ich halte diese Ansicht für ebenso dumm, wie Ärzte und das Spital für die eigene Gesundheit hauptverantwortlich machen zu wollen.

    Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass sich an diesem Zustand von heute auf morgen Grundlegendes ändern lässt, setze aber auf die nachhaltige Wirkung konsequenter Aufklärungsarbeit und zwar auch auf den Schienen, auf denen man Menschen erreicht, die insbesondere erreicht werden müssen. Mir schwebt dabei die durchaus erfolgreiche Aufklärungsarbeit von „Don’t drink and drive“ vor, die jahrelang im Fernsehen als Spot ausgestrahlt wurde und im Lauf der Jahre aus einem weit verbreiteten „Kavaliersdelikt“ ein doch viel selteneres Vergehen werden ließ.

    1. Bezogen auf die Produktion und Aufzucht von Kindern, und bezogen auf „Menschen, die insbesondere erreicht werden müssen“ (G. Riegler), heißt das dann wohl:
      „Don’t drink and fuck“?

  3. Sehr geehrter Kollege Riegler. Nachdem ich folgende zwei Zitate von Ihnen gelesen habe, kann ich nicht umhin Ihnen zu antworten, weil darin ein unrichtiger und gefährlicher „Erbdeterminismus“ vertreten wird.

    Erstes Zitat in der Zeitschrift Gymnasium vom 01.02.2016: „Der spätere Schulerfolg ist im Alter von vier Jahren weitgehend determiniert.“

    Zweites Zitat in den Quintessenzen vom 03.03.2018: „Forschungen in der Neurowissenschaft haben offen gelegt, dass die Empfindlichkeit wichtiger Areale im Gehirn, wie Bereiche der emotionalen Kontrolle, Sozialverhalten, sprachliche, rechnerische Fähigkeiten in den ersten drei Jahren ihren Höhepunkt erreichen.“

    Ich möchte als „so genannter“ Experte darauf antworten, weil ich Psychologie studiert und mich mein halbes Leben mit Neuropsychologie beschäftigt habe – im Gegensatz zu Fritz Neugebauer, den Sie offenbar als „echten“ Experten auf diesem Gebiet ansehen.

    Der Begriff „empfindliche Gehirnareale“ ist neurowissenschaftlich seltsam. Vermutlich ist damit synaptische Plastizität, d.h. Neubildung, Vernetzung von Synapsen und sogar Neurogenese (Neubildung von Nervenzellen) gemeint. Natürlich sind diese Prozesse im Kindesalter besonders stark, aber sie gibt es auch bei älteren Menschen. Wenn es die nicht gäbe, dann würde sich jedes pädagogische Bemühen, aber auch jede psychotherapeutische Arbeit erübrigen. Das können Sie alles u.a. nachlesen in „Wie das Gehirn die Seele macht“ von Gerhard Roth oder in „Gehirn, Psyche, Körper“ von Caspar Rüegg oder auf meiner Homepage „www.paukert.at“.

    Schließlich muss noch erwähnt werden, dass die verschiedenen Faktoren der kognitiven Intelligenz in unterschiedlichem Lebensalter ihre Maxima haben (beispielsweise „deduktives Denken“ oder „räumliche Anschauung“ relativ spät). Das wiederum können Sie nachlesen u.a. bei Jean Piaget.

    MfG, Herbert Paukert

    1. Sehr geehrter Herr Mag. Paukert,

      Sie dürften beim ersten Zitat das Wort „weitgehend“ überlesen haben.

      Wenn Sie beim zweiten Zitat das Wort „Empfindlichkeit“ in Verbindung mit „Arealen im Gehirn“ stört, bitte ich Sie, dies den Autoren der von mir zitierten Publikation zur Kenntnis zu bringen. Mich irritiert der Begriff „Erbdeterminismus“, wo es um die Bedeutung der ersten 3-4 Lebensjahre geht.

      Mit freundlichen Grüßen
      Gerhard Riegler

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