Die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält

Outputorientierung ist eines der Zauberworte von Unternehmensberatern (1) à la McKinsey. Auch im Bildungsbereich wird damit experimentiert – zuletzt, wenn man den Medien Glauben schenken darf, im Zuge der schwarz-blauen Koalitionsverhandlungen. „Es sei gelungen, auch Tabus anzugreifen […] Wir haben uns darauf geeinigt, dass es eine leistungsorientierte Bezahlung […] der Lehrer geben soll“, meinte der „Bildungsexperte“ Andreas Salcher. (2)

Darüber bin ich hoch erfreut. Die Gewerkschaft fordert schon lange Ressourcen, damit Vorgesetzte engagierte Lehrer nicht nur mit einer „Dank und Anerkennung“-Urkunde würdigen, sondern sich auch monetär erkenntlich zeigen können. Allerdings lässt mich die Forderung nach einer „output-orientierten Besoldung“ (3) eher an die USA denken: externe Evaluation mittels standardisierter Testungen, deren Ergebnisse rigorose Konsequenzen für den Standort und seine Beschäftigten haben, vom Lehrer über den Direktor bis hin zur Schulaufsicht. Die USA haben seit den 1980er-Jahren Erfahrung mit solchen Systemen. Die damit verbundenen Versprechungen: bessere Schülerleistungen, Verringerung des Leistungsabstandes zwischen den ethnischen Gruppen, Senkung der Drop-out-Rate, Erhöhung der High-School-Abschlussraten. (4)

Dieses Modell diente als Vorbild für den „No Child Left Behind Act“, der unter George W. Bush 2002 in Kraft trat. Die wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte: Teaching-to-the-test, weniger Chancen für Schüler mit sozioökonomisch schwachem Hintergrund, keine tatsächliche Leistungssteigerung, keine Verringerung des Leistungsabstands zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen. (5)

All das ist übrigens auch in Österreich bekannt. Der Nationale Bildungsbericht 2012 nennt explizit die negativen Folgen solcher Systeme:

(1) Konzentration auf testmethodische und -strategische Kompetenzen: Mehr Unterrichtszeit wird verwendet, um Teststrategien (z. B. Umgang mit Multiple-Choice-Aufgaben) zu vermitteln und typische Aufgabenformate bzw. Aufgabenbeispiele aus vergangenen Tests zu üben. […] Dies führt zu einer Beschränkung der Lerninhalte sowie zu vermehrtem Auswendiglernen und weniger problemlösendem und verstehendem Lernen.

(2) Eine Verengung des Curriculums findet sowohl durch Umschichtung von Unterrichtszeit zwischen Fächern (z. B. von Musik oder Geschichte zu getesteten Fächern wie Mathematik oder Englisch) als auch innerhalb von Fächern (verstärkte Konzentration auf testrelevante Fähigkeiten und Inhalte, z. B. mehr Lesen auch im Geschichteunterricht) statt.

(3) Der Ausschluss von Schülerinnen und Schülern aus Lerngelegenheiten kann in Form der Zuweisung zu nicht getesteten Schülergruppen (z. B. Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen) bzw. zu anderen Schulen, durch Nichtteilnahme von schlechteren Schülerinnen und Schülern oder Abgang von der Schule erfolgen […].

(4) Schummeln auf Lehrerseite erstreckt sich von ‚kleinen‘ Hilfestellungen während der Testdurchführung, wie Hinweis auf ausgelassene Items, Betonung beim Vorlesen der Instruktion etc. bis zur Manipulation der Testdaten in Form von nachträglichen Ergänzungen oder Änderungen.“ (6)

Univ.-Prof. Dr. Stefan Hopmann kommentiert das Vorhaben einer „output-orientierten Bezahlung“ sehr kurz: „Ich hoffe bei Gott, dass man diesen Schwachsinn noch stoppen kann.“ (7)

Als Optimist gehe ich einmal davon aus, dass die „Bildungsverhandler“ nur missverstanden worden sind und natürlich die von der Gewerkschaft geforderten Ressourcen für die Honorierung besonderer Leistungen meinen, denn das US-amerikanische System ist, frei nach Karl Kraus, die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Lisa Kogelnik, Bildungsprogramm: Lehrer sollen künftig nach Leistung bezahlt werden. In: Standard online vom 28. November 2017.

(3) Siehe Bernhard Gaul, Raffaela Lindorfer, Klaus Knittelfelder, Strengere Regeln für Schüler, Eltern – und auch Lehrer. In: Kurier online vom 28. November 2017.

(4) Siehe Linda McSpadden McNeil et al., Avoidable Losses: High-Stakes Accountability and the Dropout Crisis. In: Education Policy Analysis Archives, Volume 16 Number 3 (January 31, 2008), S. 3f.

(5) Siehe Lisa Guisbond et al., NCLB’s Lost Decade for Educational Progress: What Can We Learn from this Policy Failure? (Boston, Massachusetts, January 2012), S. 1-3.

(6) Herbert Altrichter und Anna Kanape-Willingshofer, Bildungsstandards und externe Überprüfung von Schülerkompetenzen: Mögliche Beiträge externer Messungen zur Erreichung der Qualitätsziele der Schule, S. 374. In: Herzog-Punzenberger (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht 2012, Band 2, S. 355-394.

(7) Experten und Eltern zerpflücken Bildungspaket. In: Kurier online vom 29. November 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält

  1. Der ÖVP-Bildungsexperte Andreas Salcher erklärt in der PRESSE vom 3. Dezember (Seite 3), wie er sich die leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern vorstellt:
    „… es geht zum Beispiel um Lehrer, die viele Projekte machen, die sich besonders in der Schulentwicklung engagieren, die sich spezifisch fortbilden.“

    (Anmerkung E.W.: Lehrer, die sich unspezifisch fortbilden, kriegen also nichts … Soviel zum fächerübergreifenden Unterricht.)

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