Gerhard Riegler: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

In der Ausgabe 18 der OECD-Serie „Teaching in Focus“ wurden die ersten Erkenntnisse präsentiert, die sich aus dem Vergleich von PISA-Ergebnissen mit denen des zweiten Durchgangs von TALIS ergeben.

Die OECD hatte diesen Vergleich denjenigen Staaten angeboten, die an beiden Studien teilnahmen. Für Österreich kam das Angebot nicht in Frage, weil die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied 2013 die Teilnahme am zweiten Durchgang von TALIS absagte, nachdem der erste nachgewiesen hatte, dass Österreichs Schulen unter allen Teilnehmerstaaten am wenigsten Supportpersonal zur Verfügung steht. Den vorletzten Platz hatte die Türkei erreicht, und zwar mit großem Vorsprung auf Österreich.

Das Angebot der OECD angenommen haben Australien, Finnland, Lettland, Mexiko, Portugal, Rumänien, Singapur und Spanien. Verglichen wurde in oben zitierter Publikation die Didaktik im Mathematik-Unterricht mit den PISA-Ergebnissen. Die Ergebnisse des Vergleichs fanden in Österreich meiner Beobachtung nach keinerlei Erwähnung, obwohl OECD-Publikationen in unserem Land meist für großes Aufsehen sorgen. Ist ein Schelm, wer denkt, dass dies auf die Ergebnisse der Analyse zurückzuführen ist, weil nicht sein darf, was nicht sein kann?

Der Vergleich des Mathematikunterrichts in den acht genannten Staaten zeigte nämlich einmal mehr, dass Finnland hinsichtlich „moderner“ Didaktik, die die OECD seit Jahrzehnten propagiert, „nicht gerade führend“ ist, sondern unter den acht verglichenen Staaten das Schlusslicht bildet. Spitzenreiter an didaktischer Modernität sind Mexiko und Rumänien, die bei PISA immer im Schlussfeld landen.

Auf den Punkt gebracht zeigt die Analyse, dass bei der OECD-Studie PISA die Staaten am besten abschneiden, die sich am wenigsten um die Empfehlungen der OECD kümmern. Ist dies ein Indiz dafür, dass die OECD-Forderungen zur Unterrichtsgestaltung fragwürdig sind, oder dafür, dass PISA keine Aussage über die Unterrichtsqualität zulässt? Oder trifft sogar beides zu?

Die Methode ist richtig, die Schülern hilft. Was langfristig hilft, weiß der Lehrer besser als alle Aufsicht, die in die Schule schneit“, formuliert es Univ.-Prof. Dr. Volker Ladenthin (1) und spricht mir damit aus dem Herzen. Und gerade dieses Vertrauen in die professionelle Kompetenz der Lehrerinnen und Lehrer ist eines der Charakteristika, die Finnlands Schulwesen auszeichnen: „Teachers are treated as pedagogical experts who have extensive decision-making authority in the areas of curriculum and assessment in addition to other areas of school policy and management.“ (2)

Von Finnland könnte Österreichs Schulpolitik viel lernen. Ratschläge der OECD aber verdienen größte Skepsis, wie sich durch diese Analyse einmal mehr erwiesen hat.

(1) Profil (Zeitung des dphv) 3/2013, S. 19.

(2) Linda Darling-Hammond u. a., Empowered Educators (2017), S. 117.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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