Kranke(n)kassen

Die SPÖ hat es gefordert, ÖVP, FPÖ und NEOS wollen es jedenfalls noch immer: die Zusammenlegung der Sozialversicherungen. In der Verwaltung seien enorme Summen einzusparen, für die Versicherten müsse die Leistung „harmonisiert“ werden – und fast alle applaudieren.

In Österreich gibt es 19 Krankenversicherungsträger, die im Schnitt 442.000 Anspruchsberechtigte betreuen. (1) In der gerne als Vorbild herangezogenen Schweiz gibt es 60 KV-Träger, in Deutschland gar 132. Die Verwaltungskosten in Prozent der Einnahmen betragen in Österreich keine drei Prozent, in der Schweiz und in Deutschland sind es fast fünf Prozent. Die Verwaltungskosten je Anspruchsberechtigten zeigen einen noch krasseren Gegensatz. Sie sind in den beiden genannten Nachbarländern fast dreimal so hoch wie hierzulande. Fazit: In der Verwaltung der österreichischen KV-Träger sind wohl nicht die großen Summen einzusparen.

Was „Harmonisierung“ bedeutet, müssten eigentlich alle durch die „Pensionsharmonisierung“ wissen – die Angleichung der verschiedenen Systeme auf dem jeweils niedrigsten Niveau. Ohne eine solche Art der „Leistungsharmonisierung“ kann eine Zusammenlegung von KV-Trägern auch keinerlei Einsparungen bringen, sondern – im Gegenteil – nur eine Kostensteigerung bewirken.

Die österreichische Bundesverfassung sieht die Selbstverwaltung für die Sozialversicherung vor. Selbstverwaltung bedeutet, dass der Staat Angelegenheiten, die normalerweise in seinen eigenen Aufgabenbereich fallen, jenen Personen überträgt, die daran ein unmittelbares Interesse haben. Bei den Krankenkassen sind das die Beitragszahlenden, also Arbeitnehmer und Arbeitgeber. (2) Die Selbstverwaltungskörper handeln frei von staatlichen Weisungen, unterliegen aber der staatlichen Aufsicht und Kontrolle, etwa durch Ministerium oder Rechnungshof.

Die Vorteile der Selbstverwaltung liegen darin, dass die Entscheidungsträger die Bedürfnisse und Probleme der Versicherten und Dienstgeber bestens kennen. Als selbst Betroffene haben sie größtes Interesse daran, dass ihre Krankenversicherung leistungsstark bleibt, die Beiträge sparsam verwaltet und Entscheidungen rasch, unbürokratisch sowie versichertennah getroffen werden.

Die Selbstverwaltung garantiert daher eine kundennahe, praxisorientierte und unbürokratische Verwaltung, sie stärkt die Solidarität, da die Betroffenen an der Verwaltung beteiligt sind, sie stellt die Einbeziehung wichtiger gesellschaftlicher Kräfte sicher und entlastet die staatliche Verwaltung.

Eine Zerstörung dieses Systems ist nur durch eine Verfassungsmehrheit möglich, die aber im neuen Nationalrat dafür gegeben sein könnte. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die am Donnerstag angelobten Abgeordneten der Worte des deutschen Physikers Max Steenbeck bewusst sind: „Grundlage jeder wahren Verantwortung und damit der höchsten Form von Menschenwürde bleibt es, sich darüber klar zu werden, was das, was man tut, wirklich bedeutet.

(1) Hinzu kommen noch 15 Krankenfürsorgeanstalten mit rund 200.000 Anspruchsberechtigten, die aber keine Sozialversicherungsträger sind.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Kranke(n)kassen

  1. Die Zusammenlegung der Bundesländer-Gebietskrankenkassen sollte bald erfolgen, schließlich ist nicht einzusehen, dass man – ohne freie Versicherungswahlmöglichkeit wie in der Schweiz – schon zwischen Wien und Niederösterreich unterschiedliche Leistungskataloge hat. Und die 9-fache aufgeblasene Leitung ist sicher reduzierbar.
    Eine Zusammenlegung der einzelnen Sonderkassen hingegen erscheint mir schwieriger. Und den Selbstbehalt der PVA halte ich für eine kluge Steuerungs-Maßnahme, den es leider in der GKK nicht gibt.

  2. Wieso ist der 20%-Selbstbehalt eine „kluge Maßnahme“?
    Gemeint ist vermutlich, dass dadurch das Krankfeiern hintangehalten werden soll.
    Gerade bei Lehrern ist Krankfeiern aber kein Thema, weil in unserem Beruf die soziale Kontrolle sehr stark ist: Entfallende Stunden müssen durch Kollegen suppliert werden, und diese Supplierstunden sind größtenteils gratis zu erbringen.
    Wer als Krankfeierer bekannt wird, gerät also bald in seinem Lehrkörper in Verschiss.
    Dazu kommt noch, dass sich ein Lehrer durch Krankenstände seine eigene Jahresplanung und die Prüfungstermine seiner Schüler und Klassen ruiniert.

    Weiß jemand einen Arbeitnehmer-Beruf, wo Krankfeiern noch weniger attraktiv ist als bei Lehrern?

  3. Gewisse Leisrungen wurden harmonisiert aber der Selbstbehalt der BVA-Versucherten für diese Leistungen ist geblieben. Ist das die Harmonisierung, die sich die Parteien vorstellen?

  4. Wenn ich das richtig verstanden habe, haben Deutschland und die Schweiz und deutlich mehr KV-Träger als Österreich und daher ist es meiner Meinung nach klar, dass die Verwaltungskosten je Versicherten in diesen beiden Länder höher sind als in Österreich. Dass heißt aber auch umgekehrt, wenn aus 19 KV-Trägern ein einziger übrigbleibt, müsste der Verwaltungskostenanteil je Versicherten noch weiter reduzierbar sein, oder?

    Ein weiterer Vorteil der Zusammenlegung der KV-Träger wäre, dass Doppel- und Mehrfachversicherungen endlich Vergangenheit wären.
    Ein Angestellter, der gleichzeitig auch noch Nebenerwerbslandwirt ist, zahlt zweimal Krankenversicherung, obwohl er im Krankheitsfall nur eine der beiden KVs in Anspruch nehmen kann. Und führt er noch zusätzlich einen (gewerblichen) Buschenschank, dann zahlt er auch noch ein drittes Mal Krankenversicherung!

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