Herbert Weiß: Rohrkrepierer statt Digitalisierungsinitiative

Kaum ist die Wahl vorbei, holt uns die Realität schon wieder ein. Noch bevor Verhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung begonnen wurden, hinterlässt die „alte Regierung“, konkret ihre Bildungsministerin, weitere Spuren.

Nichts ist von den vollmundigen Versprechungen übriggeblieben, die man vor der Wahl rund um das Thema „Digitalisierungsoffensive“ gemacht und mit denen man es in manche Schlagzeilen geschafft hat. Statt unseren Kindern und Jugendlichen bzw. den Schulen die für das Erreichen der zahlreichen im neuen Lehrplan formulierten Ziele nötige Zeit zu gewähren, fällt man sofort wieder ins alte Muster zurück. Seitenlang werden unter dem Titel „Digitale Grundbildung“ Bildungs- und Lehraufgaben sowie Lehrstoff definiert. Wer danach sucht, wieviel Unterrichtszeit für diese in hehren Worten beschriebenen Aufgaben zur Verfügung gestellt wird, landet im „beschlussreifen Entwurf“, den die Bildungsministerin am Montag in Begutachtung geschickt hat, auf dem Boden sattsam bekannter Realität. Die Schulen sollen nämlich wieder einmal „autonom“ festlegen, woher sie die Zeit für die Umsetzung des neuen Projekts nehmen.

Vor den Wahlen wurde das Bild eines Füllhorns voller Tablets und Notebooks gezeichnet, die sich über Österreichs SchülerInnen ergießen werden, koste es, was es wolle. Nach den Wahlen definiert man eine reiche Fülle zusätzlicher Aufgaben für die Schulen und überträgt ihnen die Entscheidung, ob sie dafür schlechtere Ergebnisse bei den Standardüberprüfungen oder z. B. Einschränkungen im Bereich der Förderung musisch-kreativer Fähigkeiten in Kauf nehmen. Den „Schwarzen Peter“ überlässt die Obrigkeit am Minoritenplatz gerne den Untergebenen.

Auch wenn ich viele der im Lehrplan vorgesehenen Inhalte für wichtig halte, frage ich mich, ob wir unseren Kindern und Jugendlichen etwas Gutes tun, wenn wir zur Erreichung der für die „Digitale Grundbildung“ formulierten Ziele Inhalte, die in anderen Bereichen zurecht vorgesehen sind, notgedrungen über Bord werfen. Wie sollte es aber anders gehen, wenn man die Zeit für den neuen Gegenstand bei anderen Fächern abzwacken muss?

Darüber hinaus wurde den Betroffenen bisher weder ein Konzept für die Fortbildung der LehrerInnen noch ein konkreter Plan vorgelegt, welche Geräte welchen SchülerInnen zu welchem Zeitpunkt zur Verfügung gestellt werden. Von der Finanzierung für die Wartung der Geräte oder der für einen sinnvollen Einsatz nötigen Infrastruktur können wir nur träumen.

Ich appelliere an alle politischen VerantwortungsträgerInnen, endlich einmal nach der Wahl zu den Versprechungen zu stehen, die sie vor der Wahl gemacht haben. Österreichs Kinder und Jugendliche haben sich keine Politik verdient, die nur leere Versprechungen macht. Österreichs Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf eine ausreichende Finanzierung des Bildungswesens und auf Konzepte, die ihnen Zukunftschancen öffnen.

Laut einer ebenfalls am Montag präsentierten Umfrage haben 43 Prozent der Befragten gar kein Vertrauen in PolitikerInnen, weitere 50 Prozent wenig Vertrauen. Das passt dazu. Leider.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Herbert Weiß: Rohrkrepierer statt Digitalisierungsinitiative

  1. Da die ÖVP und nicht die SPÖ die Wahlen gewonnen hat, ist es an der ÖVP, Wahlversprechen einzuhalten, nicht an der SPÖ.
    Konkret heißt das zum Beispiel: Die ÖVP wird daran zu messen sein, wie die von ihr angekündigte Mittlerer Reife(prüfung) aussehen und umgesetzt wird.
    Eine Diskussion zur Frage Mittlere Reife in Österreich in den Quintessenzen ist mir bisher nicht erinnerlich.

    1. Nachtrag ad ‚hinterlässt die „alte Regierung“, konkret ihre Bildungsministerin, weitere Spuren‘:

      Auch die neue Regierung markiert schon ihre Spuren. Im Teletext lese ich, dass die ÖVP Herrn Salcher in ihr Koalitionsverhandlungsteam (als Experten in die Clustergruppe „Zukunft“) berufen hat.
      Wenn es also Herrn Kurz gelungen ist, den Top-Bildungsfachmann des Landes zu engagieren, dann können wir der Umsetzung der ÖVP-Idee der Mittleren Reife unter fachkundiger Anleitung ja getrost entgegen sehen. Denn was eine Partei vor den Wahlen angekündigt hat, muss sie nachher halten: „Ich appelliere an alle politischen VerantwortungsträgerInnen, endlich einmal nach der Wahl zu den Versprechungen zu stehen, die sie vor der Wahl gemacht haben.“ (Herbert Weiß)

      P.S.: Täusche ich mich, oder wird hier in den Quintessenzen nicht die Meinung vertreten, dass die Sau vom Wiegen nicht fett wird?

      Anmerkung Quin: Da täuscht sich Kollege Wallner (siehe https://quinecke.wordpress.com/2012/12/15/vom-wiegen-allein/).

      1. Am von Koll. Quin genannten Ort wird der Spruch zustimmend zitiert:

        „Und der Fachdidaktiker Werner Peschek, dessen Institut an der Entwicklung der Test-Items für die Standardtestungen mitgearbeitet hat, meinte in einem Interview: „Insbesondere ist zu fragen, ob der immense (finanzielle) Aufwand für die Testung von 80.000 Schülern gerechtfertigt ist oder ob man das Geld nicht für andere Maßnahmen wie Schul- und Unterrichtsentwicklung, Lehrer/innenweiterbildung oder Schulausstattung sinnvoller hätte einsetzen können.“ (13) Oder volkstümlicher ausgedrückt: Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fett!“

        Wer also täuscht sich da?

        Anmerkung Quin: Ich. Zu schnell gelesen und falsch verstanden. Mein Fehler.

  2. Zum Begriff „Digitale Bildung“

    Im Grunde handelt es sich beim Begriff „digitale Bildung“ um eine völlig „un-sinnige“ Wortschöpfung! Digital bedeutet eigentlich „mithilfe der Finger abzählbar“ oder auch „in diskreten Stufen erfolgend“. Das Gegenteil davon ist analog, was „kontinuierlich, stufenlos“ bedeutet. Gibt es etwa neben der „digitalen Bildung“ auch eine „analoge Bildung“?

    Wenn man Bildung als „das Bilden oder Erziehen“ versteht, dann sollte es wohl besser „Bildung unter Verwendung digitaler Medien“ heißen. Aber das ist im Grunde eigentlich gar nichts Neues:

    Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat schon klar und deutlich formuliert, dass sich menschliche Kommunikation immer digitaler und analoger Modalitäten bedient. Etwas verkürzt sind damit Sprache und Gefühle gemeint. In der Tat ist die Sprache ein digitales Medium, beruht sie doch auf einzelne diskrete Laute! Auch jede Schrift verwendet einen Satz von diskreten abzählbaren Zeichen. „Digitale Bildung“ im Sinne von „Bilden und Erziehen unter Verwendung digitaler Medien“ gibt es also schon seitdem es Sprache(n) und Schrift(en) gibt!

    Im Grunde ist die häufige Verwendung des Begriffs „digitale Bildung“ vor allem in Österreich ein Beweis für eine „weit verbreitete informationstechnische Unbildung“ in diesem Land. Kein Wunder, wenn der Stellenwert des Unterrichtsgegenstandes Informatik in den Stundentafeln des österreichischen allgemeinbildenden Schulwesens betrachtet wird! Und daran soll sich auch bei dieser Digitalisierungsoffensive (was immer auch das wieder bedeutet) nichts ändern!

    Helmut Bittermann

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