Herbert Weiß: Wahlzuckerl

Vor Nationalratswahlen haben Parteien immer wieder „Wahlzuckerl“ hinterlassen, die sich im Nachhinein meist als Kuckuckseier herausgestellt haben, die die SteuerzahlerInnen auf Jahre hinaus stark belasten.

Wenn ich also an dieser Stelle ein Wahlzuckerl fordere, wird das manchen unverständlich erscheinen. Ich meine damit aber nichts, was für den Staat zusätzliche Ausgaben bedeuten würde. Ich fordere eine Investition in die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen und damit in die unseres Landes, eine Investition, die gegenüber den vollmundigen Ankündigungen, die man in den letzten Wochen und Monaten von verschiedenen Seiten gehört hat, sogar Einsparungen bringen könnte. Konkret geht es mir um die sogenannte „Digitalisierungsoffensive“.

Ich bin selbstverständlich dafür, dass die HoffnungsträgerInnen unseres Landes – damit meine ich nicht unsere PolitikerInnen, sondern unsere Jugend – mit jenen Fähigkeiten ausgestattet werden, die sie in unserer digitalisierten Welt brauchen. Wenn die große „Innovation“ aber darin besteht, dass man viel Geld in Geräte investiert, die vom Minoritenplatz, dem Olymp österreichischer Bildungspolitik, Österreichs SchülerInnen zur Verfügung gestellt werden sollen, ohne dass man bereit ist, sich zuvor damit zu beschäftigen, was die Kinder mit ihren Gratis-Tablets oder Gratis-Notebooks anfangen sollen, frage ich mich, wem diese Maßnahme nützen soll. Eine Antwort weiß ich: Einige Großkonzerne werden sicher zu den Gewinnern der Maßnahme gehören. Ob das aber auch für unsere Kinder und Jugendlichen gelten wird, wage ich zu bezweifeln.

Sollte man sich nicht die Frage stellen, ob nicht z. B. im Volksschulbereich Tablets sogar kontraproduktiv sein können? Will man Kreativität dadurch fördern, dass man Kindern, statt ihnen Geschichten vorzulesen und sie mit ihnen zu lesen, Filme vorsetzt? Sollten wir nicht Kinder fürs Lesen begeistern, um ihnen dadurch dieses Tor zur Bildung zu eröffnen? Wollen wir nicht ihre Phantasie fördern? Sollen sie sich die Figuren der Handlung samt ihrer Umgebung nicht mehr vorstellen müssen? Wollen wir sie diesbezüglich wirklich verkümmern lassen? Als abschreckend empfinde ich den Einsatz von Tablets, wie er in Fernsehberichten gezeigt wird, der darin besteht, dass Kinder Bilder abzeichnen, die man ihnen auf diesen Geräten vorgibt.

Mein Vorschlag für eine „Digitalisierungsoffensive“ bestünde darin, dass man nicht flächendeckend alle SchülerInnen mit Geräten versorgt, die sie unter Umständen gar nicht verwenden, da sie längst bessere ihr Eigen nennen. Ich fordere, dass man jene unterstützt, die sonst keinen Zugang zu geeigneten Geräten hätten.

Die Entwicklung des digitalisierten Unterrichts möge auch nicht dorthin führen, wohin viele von uns das Smartphone gebracht hat. Menschen sollten meiner festen Überzeugung nach mehr miteinander reden, als mit ihrer „Umgebung“ per Smartphone oder Tablet zu kommunizieren, selbst wenn die Personen vielleicht am selben Tisch sitzen.

Schulen können nicht ständig zusätzliche Aufgaben übernehmen, ohne dafür Zeit zu bekommen. „Digitale Grundbildung“, die ich für sehr wichtig halte, darf nicht so umgesetzt werden, dass man die dafür nötige Zeit bei der Förderung der Kreativität oder anderer Grundkompetenzen abzweigt.

Ich fordere von der Politik, dass sie Nägel mit Köpfen macht und einen Teil des Geldes, das für die „Tablets oder Laptops für alle“ vorgesehen ist, in zusätzliche Unterrichtsstunden, entsprechende Software und eine gute Aus- und Fortbildung der LehrerInnen investiert. Möglicherweise käme dieses Gesamtpaket sogar billiger als hunderttausende Endgeräte jährlich, die es ja auch zu warten gilt. Auf Dauer würde sich ein sinnvolles Gesamtpaket auf jeden Fall rechnen.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Herbert Weiß: Wahlzuckerl

  1. Tablets für Grundschüler? – Die passende Maßnahme gegen Smartphonesucht! Denn wie hieß es schon vor 100 Jahren: Wenn Radfahren ein Schulfach wäre, gäbe es keine Radfahrer.

  2. Angewidert vom schulisch erzwungenen Tabletgebrauch stöbern die Kleinen dann in Antiquariaten herum und erwerben klandestin alte Schulbücher, Landkarten und Parkerkugelschreiber. Man muss dann aufpassen, dass diese Mods der Schulreform nicht auch noch heimlich Latein lernen.

  3. Sehr geehrter Herbert Weiß,

    danke für Ihre klugen Worte. Endlich, dass (wieder, aber offen) jemand ausspricht, was man vernünftigerweise tun sollte: dem Unfug des unsinnigen Verteilen von Geschenken zum Nutzen kaum jemandes ein Ende bereiten.

    Die Großkonzerne würden sich freuen, der intendiert Bildungsgewinn würde aber gewiss nur wenigen zuteil werden.

    Mit freundlichen Grüßen und der Bitte, mutig weiterzumachen,

    Mag. Peter Goldberger

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