Herbert Weiß: Skandalöse Reform

Zu Beginn des neuen Jahres rücken wieder einmal „innovationsfreudige“ Menschen aus, um die Gewerkschaft insgesamt oder den „AHS-Gewerkschaftsboss“ im Speziellen als Verhinderer hinzustellen, die angeblich alles so lassen wollen, wie es ist. Da und dort ist gar zu lesen, dass „trotz Gewerkschaft“ eine „moderne, kindzentrierte Schule“ realisiert werden solle (1).

bigstock-the-word-reform-in-lead-lett-66974461_blogDass diese Wortmeldungen mit dem Beginn der Verhandlungen über das „Autonomiepaket“ der Bundesregierung zusammenfallen, wird wohl kaum Zufall sein. Was aber die von den VertreterInnen der Regierung Mitte Dezember vorgelegten Gesetzesentwürfe mit Verbesserungen zu tun haben sollen, die gerade von uns schon seit Jahren gefordert werden, bleibt uns LehrervertreterInnen verborgen. Die bisher bekannten Entwürfe umfassen inklusive der Erläuterungen mehr als hundert Seiten. Das Wort „Pädagogik“ kommt darin nicht ein einziges Mal vor.

In Wahrheit gehe es nur um neue Strukturen, die angeblich Innovationen ermöglichen sollen. Konkreteres konnte uns bisher nicht genannt werden. Man hat dafür mehrmals betont, dass die Entwürfe einerseits nicht mit dem Koalitionspartner akkordiert und andererseits nicht auf dem neuesten Stand seien. Ich frage mich, worauf sich dann manche „ExpertInnen“ in ihren Wortmeldungen beziehen? Auf die Propaganda der Regierung?

Worin bestehen also die von den Reform-BefürworterInnen gepriesenen „Segnungen“ des Entwurfs? Eine davon wurde sofort nach dem Bekanntwerden als das identifiziert, was sie in Wahrheit ist, nämlich als Tor zu einem weiteren Sparpaket. Es geht dabei um die Abschaffung der Eröffnungs- und Teilungszahlen bzw. der Klassenschülerhöchstzahlen. Diese sollen, so wird großzügig angeboten, durch die Festschreibung der Ressourcen ersetzt werden, die den einzelnen Bundesländern für ihre Schulen zugewiesen werden. Diese Maßnahme wäre in Wahrheit aber ein als Innovation getarnter Megaskandal. Das „Angebot“ der Politik besteht nämlich darin, die derzeitigen Ressourcen, die den serienweisen Rechtsbruch notwendig machen, im Gesetz festzuschreiben und dadurch den Rechtsbruch zu legitimieren. Entgegen der gesetzlichen Vorgaben sitzen derzeit nämlich 40 % der SchülerInnen der AHS-Unterstufe in Klassen mit mehr als 25 SchülerInnen. (2)

Hinzu kommt noch, dass bei dieser Festlegung auf alle zusätzlichen Ressourcen, die sich aus besonderen Bedürfnissen der einzelnen Schulen ergeben, „vergessen“ worden ist. Diese versucht man nun hinter dem Begriff „Chancenindex“ zu verstecken. Dass bei der Schulfinanzierung Brennpunktschulen mit vielen sozial oder in der Unterrichtssprache Schwachen mehr Geld bekommen sollen, entspricht einer langjährigen Forderung der Gewerkschaft. Natürlich haben wir dafür immer zusätzliche Ressourcen gefordert. Der Soziologe Johann Bacher von der Universität Linz sieht das leider anders. Er behauptet, dass wir in Österreich sehr kleine Klassen hätten und schlägt vor, zur Finanzierung des Sozialindex das Zahlenverhältnis „Lehrer zu Schüler“ zu verändern. (3) Ein Faktencheck zeigt aber, dass gerade jene europäischen Staaten, die uns aufgrund ihrer Ergebnisse bei PISA immer als Vorbilder hingestellt werden, deutlich kleinere Klassen haben als wir. (4)

Dringend notwendig wäre mehr Unterstützungspersonal an den Schulen, das von der Gewerkschaft ebenfalls schon lange gefordert wird. Der aktuelle Gesetzesentwurf sieht vor, dass das Supportpersonal durch Einsparungen bei den LehrerInnen finanziert werden muss. Wenn ich mich als Lehrervertreter gegen derartige Vorhaben wehre, lasse ich mich gerne als „Verhinderer“ oder „Blockierer“ bezeichnen.

Nach den Ergebnissen der PISA-Studie hätten die verantwortlichen österreichischen BildungspolitikerInnen dringlichen Handlungsbedarf. Sie sollten das Tun des letzten Jahrzehnts kritisch reflektieren, denn die abgehobenen Reformen der Vergangenheit gegen den Willen der Betroffenen haben nichts Positives bewirkt, sondern jetzt auch von PISA dokumentierten Schaden angerichtet. Die Verantwortlichen sollten gemeinsam mit den Schulpartnern neue Wege beschreiten. Doch davon ist im vorliegenden Gesetzespaket rein gar nichts zu lesen. Der Präsident des Bundeselternverbandes Gernot Schreyer drückte es sehr vornehm aus: „Die derzeit vorliegenden Gesetzesentwürfe würden „in krassem Gegensatz zu den medialen Beschwichtigungsversuchen“ stehen.“ (5)

(1) Josef Zollneritsch, Schulreform nur für „Betuchte“? In: Kleine Zeitung vom 4. Jänner 2017, S. 8.

(2) Siehe Statistik Austria, Schulbesuch.

(3) Bernadette Bayrhammer, Sozialtopf durch größere Klassen finanzieren? In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

(4) Siehe OECD (Hrsg.) Education at a Glance 2016 (2016), Figure D2.1.

(5) „Wird keine Elternvertretung mehr geben“. In: Presse online vom 4. Jänner 2017.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Herbert Weiß' Wochenkommentar

Eine Antwort zu “Herbert Weiß: Skandalöse Reform

  1. Martina

    Wir bekommen einen Zaun und ein Kopftuchverbot.
    Wer wird sich da schon mit so nebensächlichen Dingen wie der Zukunft unserer Kinder den Kopf zerbrechen wollen?

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