Herbert Weiß: Feinkostladen oder Supermarkt

Der Konkurrenzkampf zwischen verschiedenen Supermarktketten und der damit verbundene Verdrängungswettbewerb haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass Nahversorger und Feinkostläden zunehmend verschwunden sind. Das Bedürfnis vieler Menschen nach persönlicher Ansprache, das auch beim Einkaufen eine Rolle spielt, kann dadurch immer weniger berücksichtigt werden. Unpersönlicher sind nur mehr Onlineeinkäufe, die in Zukunft vielleicht schon von Drohnen zugestellt werden. Supermarktketten reagieren in jüngster Zeit auf die Bedürfnisse der KundInnen damit, dass sie einerseits „Qualitätsprodukte“ zu höheren Preisen anbieten und andererseits ihre Waren auch direkt zu den KundInnen bringen. Und neben den Großmärkten etablieren sich hochpreisige Feinkostgeschäfte.

in front of a supermarket shopping carts are ready for customers

Nun scheint diese Entwicklung auch auf die Schulen überzugreifen. Man liest immer öfter davon, dass Kleinschulen geschlossen werden müssen. Angeblich werden bei Schulschließungen zwar auch Faktoren wie der Bauzustand oder die Entfernung zur nächsten Schule berücksichtigt, in Wahrheit zählen aber doch nur Effizienzsteigerung und Kostenreduzierung.

Zur Verteidigung der Verantwortlichen könnte man anführen, dass von derartigen Aktivitäten ohnehin nur Kleinschulen betroffen seien und dass man auch bei den Schulen Sparsamkeit walten lassen müsse. Dem möchte ich entgegenhalten, dass Österreich für sein Schulwesen weit weniger Geld ausgibt, als das im OECD-Schnitt der Fall ist.

Das „Autonomiepaket“, das die Bundesregierung vor einigen Wochen vorgelegt hat, liefert Munition für zwangsweise Zusammenschlüsse mehrerer Schulen, bei denen in Wahrheit nur der Sparstift maßgeblich sein wird. Die angeführte Größe der geplanten „Cluster“ beträgt 2 bis 8 Schulen bzw. bis zu 2500 SchülerInnen. Von Kleinschulen kann also wohl keine Rede sein. Aufhorchen lässt, dass im Ministerratsvortrag zu diesem Thema immer wieder von Effizienzsteigerung oder Einsparungspotential die Rede ist.

Pädagogische Innovationen sollen damit angeblich ermöglicht werden. Wie diese aber angesichts des Drucks, den das Modell den Schulen auferlegt, umgesetzt werden sollen, kann sich niemand der Betroffenen vorstellen. Die Entwicklung soll nach den Reformplänen weggehen von individuellen Schulprofilen und LeiterInnen, die sich mit ihrer Schule identifizieren und den LehrerInnen als persönliche AnsprechpartnerInnen zur Verfügung stehen.

Wie bei Supermarktketten soll es LeiterInnen für mehrere Standorte geben, die das umsetzen müssen, was man ihnen von oben vorgibt. Dass sie dabei die Situation des einzelnen Standorts berücksichtigen können, erscheint angesichts des Spardrucks, der sich aus der Budgetknappheit und dem aus ihr resultierenden Effizienzzwang ergibt, mehr als fragwürdig.

Bleibt noch die Entwicklung hin zu teuren Qualitätsprodukten. Dieses „pädagogische Luxussegment“ fürchten schon seit langer Zeit alle, die sich mit den Entwicklungen in den traditionellen Gesamtschulländern beschäftigen. Hochwertige Bildung wird dort immer teurer und steht vielfach nur mehr den finanziellen Eliten offen. Vielleicht ist das aber das Ziel jener, die unser öffentliches Schulsystem sehenden Auges an die Wand fahren lassen. Nach deren Meinung reichen für die „NormalbürgerInnen“ anscheinend Brot und Spiele oder besser Burger und Handy.

Möge die Vernunft bald wieder Einzug in die Bildungspolitik halten, damit uns Fastfood-Gymnasien mit Handypflicht erspart bleiben.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Herbert Weiß: Feinkostladen oder Supermarkt

  1. Die Feinkostläden der Schullandschaft sind doch schon lange Realität! Man betrachte die Eliteschulen in Wien, welche von oben (Ministerium, Stadtschulrat) mit Werteinheiten ausgestattet werden von denen andere Schulen nur träumen können. Und die Dichte der Abgänger dieser Schulen in den zuständigen Ministerien ermöglicht das.
    Die Politik versucht (leider auch erfolgreich) einen Keil zwischen NMS und AHS zu treiben, dabei wird aber diese 3. Schulebene völlig außer acht gelassen.
    Mfg Matthias

    1. Schigymnasien und Schihauptschulen (neuerdings: Schi-NMS) sind natürlich auch Eliteschulen, ebenso wie die Sängerknaben.
      Die getraut sich aber niemand zu kritisieren. Da thematisiert auch niemand die dort praktizierten Aufnahmeprüfungen, bei denen neuneinhalbjährige Kinder selektioniert werden.

      Scheinheiligkeit auf Österreichisch.

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