Große Vorhaben verwirklichen

Der neue GÖD-Vorsitzende Dr. Norbert Schnedl machte sich bei seiner Antrittsrede auch Gedanken über die Folgen der Digitalisierung. Alle mir bekannten Studien zu diesem Thema sind sich darüber einig, dass in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten zwischen 40 und 55 Prozent aller heutigen Tätigkeiten von Programmen oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden. Je niedriger die Qualifikation der ArbeitnehmerInnen, umso stärker werden sie davon betroffen sein. Uneinigkeit besteht lediglich darüber, wie groß der Verlust an Arbeitsplätzen insgesamt sein wird, da durch den Wandel der Arbeitswelt immer auch neue Arbeitsplätze entstehen.

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Norbert Schnedl wagte nun die Aussage, dass Arbeit „neu verteilt werden muss. Mittelfristig ist daher auch eine 3,5-Tagewoche bei vollem Lohnausgleich denkbar. Denn von den Digitalisierungsgewinnen müssen in einer gerechten Arbeitswelt alle und nicht nur einige wenige profitieren“. (1)

Dass die Wirtschaft über solche Aussagen nicht glücklich ist, verwundert wenig. Daher ist auch der „Kurier“-Kommentar von Dr. Helmut Brandstätter wenig überraschend. Studien zu diesem Thema dürfte er allerdings keine gelesen haben, sonst würde er Norbert Schnedl nicht unterstellen zu spekulieren. (2)

Pikanter ist da schon das Statement von SPÖ-Parteichef Mag. Christian Kern, der den GÖD-Vorsitzenden wegen dieser Aussagen als „Scharlatan“ bezeichnete (3), hatte sich Kern doch selbst am SPÖ-Parteitag in Klagenfurt als ein solcher „Scharlatan“ geoutet: „Angesichts von Produktivitätsfortschritten müsse Arbeit neu verteilt werden – „Das Thema Arbeitszeitverkürzung wird auf die Agenda kommen.“ Das wird dem Koalitionspartner ÖVP nicht gefallen. Aber das ist von Kern einkalkuliert: „Die Menschen brennen nicht für Kompromisse, sie brennen für die Haltungen.“ Daher dürfe die SPÖ nicht gleich mit Kompromissangeboten in Verhandlungen gehen.“ (4) So der Herr Bundeskanzler im Juni 2016. Wie behend und/oder situationselastisch er seine Haltung ändern kann, hat er ja inzwischen nicht nur bei CETA bewiesen …

Themenwechsel: Im Sommer 2007 wagte der damalige GÖD-Vorsitzende Fritz Neugebauer einen Vorstoß: „Im Kurier-Gespräch drängt er auf neue Leistungstests: Mit Hilfe von Entwicklungspsychologen will er festschreiben, was ein Kind mit drei oder vier Jahren können sollte. Neugebauer will die Bildungsstandards erweitern, die derzeit festlegen, was Schüler können sollen.“ (5) Mehr hat er damals nicht gebraucht! Die SPÖ kritisierte, es ginge ihm „nur um Auslese-Tests, Disziplinierungsinstrumente und weitere Bildungsbarrieren“. (6) Mag. Dr. Eva Glawischnig-Piesczek stellte die rhetorischen Fragen: „Was kommt als nächstes? Intelligenztests auf der Säulingsstation [sic!]?“ (7) Mittlerweile hat sich die Regierung im November 2015 auf die „Einführung einer verpflichtenden Potentialanalyse ab 3,5 Jahren“ geeinigt. (8) Österreichs Politik hat also 2015 beschlossen, was Fritz Neugebauer 2007 vorgedacht hat.

Fazit: Menschen, die die Herausforderungen der Zukunft erkennen und Lösungsansätze entwickeln, werden dafür oftmals von PolitikerInnen und JournalistInnen geprügelt, denen der nötige Weitblick fehlt. Ich bin froh, dass die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst Vorsitzende hat, von denen man das nicht behaupten kann. Wie formulierte es Thomas Woodrow Wilson, Historiker und Präsident der USA, so treffend: „Wer keine Vision hat, vermag weder große Hoffnung zu erfüllen, noch große Vorhaben zu verwirklichen.“ (9)

(1) Schnedl: Arbeitszeitfrage und Digitalisierung hängen eng zusammen! OTS-Aussendung vom 14. Oktober 2016.

(2) Siehe Helmut Brandstätter, Über die vielen Wege, Unsinn zu verbreiten. In: Kurier online vom 15. Oktober 2016.

(3) Michael Bachner, 3,5-Tage-Woche ist für Kern „Scharlatanerie“. In: Kurier online vom 14. Oktober 2016.

(4) Conrad Seidl, Kern wirbt für Arbeitszeitverkürzung und Maschinensteuern. In: Standard online vom 4. Juni 2016.

(5) Bildung: Entwicklungstests für Dreijährige? In: Presse online vom 30. Juli 2007.

(6) a.a.O.

(7) a.a.O.

(8) „Bildungsreform“ der Bundesregierung vom 17. November 2015, S. 1.

(9) „No man that does not see visions will ever realize any high hope or undertake any high enterprise.

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2 Gedanken zu “Große Vorhaben verwirklichen

  1. Gratulation, lieber Eckehard, zu diesem ersten Kommentar, den du als Präsidiumsmitglied der GÖD verfasst hast.
    Die Erinnerung daran, wer als erster den Handlungsbedarf im vorschulischen Bereich mutig angesprochen hat und dafür gescholten wurde, freut mich sehr.
    Herzlichen Dank und weiterhin so viel Erfolg!

  2. Zur 3 ½- Tages-Woche:
    Als ich vor 39 Jahren meinen Dienst als AHS-Lehrer antrat, bestand eine volle Lehrverpflichtung aus 20 Werteinheiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Oder doch?

    Doch, es hat sich etwas geändert: Das neue Dienstrecht verlangt eine – je nach Gegenstand – mehr oder weniger HÖHERE Lehrverpflichtung.
    Man muss sich das vorstellen: vor 39 Jahren betrug die Normalarbeitszeit in der Privatwirtschaft 42 Wochenstunden. Schon lange sind sie dort in der Gegend von 38 Wochenstunden gelandet – eine Reduktion um 10%. Dann kommt man mit jahrzehntelanger Verspätung darauf, dass bei den Lehrern etwas geändert gehört – und ERHÖHT deren Lehrverpflichtung. Kein Wunder, dass von den AHS- und BHS-NeulehrerInnen fast niemand dafür optiert.

    War in den Medien wieder einmal von Beamtenprivilegien die Rede, hörte man bisher keinen Mucks seitens der Beamtengewerkschaft zum Thema Arbeitszeit – sie hätte dann ja ihre eigene Erfolglosigkeit thematisieren müssen: Wieso haben alle anderen Gewerkschaften etwas geschafft (nämlich Verkürzung der Arbeitszeit), was ausgerechnet die Beamtengewerkschaft nicht und nicht zustande bringt? Kollege Schnedls Ansage der 3 ½ -Tages-Woche bringt diese Frage jetzt aufs Tapet. Hätte er (oder der verdienstvolle Kollege Neugebauer) vor drei Jahren den Mund aufgemacht, als es ums neue Lehrerdienstrecht ging, dann wäre das vielleicht noch hilfreich gewesen.

    Wer von den MitleserInnen glaubt, dass sich jetzt mit dem neuen GÖD-Vorsitzenden das neue Lehrerdienstrecht ändern wird?

    P.S.: In der Zeitung lese ich, dass die große Mehrheit der APS-LehrerInnen FÜR das neue Dienstrecht optiert. Interpretiere ich das richtig, dass die Strategie „divide et impera“ von Ministerin Schmied voll aufgegangen ist?

    P.P.S.: Alle jene KollegInnen, die es bisher begrüßt haben, in Kollegen Neugebauer einen GÖD-Vorsitzenden zu haben, der mit einem Teil seines Gesäßes auf einem Partei-Sessel (genau genommen mehreren Sesseln) saß (NR-Abgeordneter seit 1996, 2. NR-Präsident 2008-2013, ÖVP-Klubobmann-Stellvertreter 2006-2009, Bildungssprecher und Sozialsprecher der ÖVP) – denen muss doch jetzt bei Koll. Schnedl etwas abgehen? Bei Neugebauer hieß es, seine kumulierten Ämter seien gut für die Gewerkschaft – was heißt das jetzt für Schnedl? Ist der somit minder qualifiziert? Das wäre doch der logische Schluss im Vergleich zu Neugebauer?

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