Die Bildungsmilliarde oder Entwicklungshilfe für Deutschland

Ziel der UNO ist es, dass Industriestaaten 0,7 % des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen. In Österreich wären das 2015 2.379 Millionen Euro gewesen. (1) Tatsächlich stagnieren die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit seit 2014 bei 77 Millionen Euro. Im April wurde beschlossen, das diesbezügliche Budget bis 2021 auf 154 Millionen Euro jährlich zu verdoppeln. (2)

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Schauplatzwechsel: Im Budget der Unterrichtsministerin fehlen allein heuer 550 Millionen Euro. Die Universitäten scheinen auch nicht gerade üppig dotiert zu werden, zumindest wenn man Mag. Dr. Sonja Hammerschmid Glauben schenkt, die im vergangenen Mai in ihrer damaligen Funktion als Präsidentin der Universitätenkonferenz die Regierung kritisierte. Diese habe angekündigt, die Ausgaben für Wissenschaft und Forschung bis 2020 auf 2 % des BIP zu erhöhen. „Es geht uns um 500 Millionen Euro pro Jahr von 2019 bis 2021. Und die sind im Finanzrahmen nicht vorgesehen.“ (3)

Die Zahl internationaler Studierender an Österreichs öffentlichen Universitäten, also junger Menschen, die mit einer im Ausland erworbenen Hochschulberechtigung nach Österreich kommen, um bei uns zu studieren, ist innerhalb von 13 Jahren um über 160 % gestiegen und lag 2014/2015 bei über 71.000. 37 % davon kamen aus Deutschland. Mittlerweile sind fast 40 % der erstimmatrikulierenden ordentlichen Studierenden an Österreichs öffentlichen Universitäten internationale Studierende. (4) In Psychologie, wo Deutschland einen Numerus Clausus hat, allerdings keine Quotenregelung in Österreich existiert, gibt es schon seit einigen Jahren mehr deutsche als österreichische Studierende im ersten Jahr. (5) Das alles wäre volkswirtschaftlich nicht so schlimm, würden ausländische AbsolventInnen nach ihrem Studienabschluss in Österreich arbeiten. Dem ist aber nicht so. Die große Mehrheit von ihnen will nicht in Österreich bleiben und bleibt auch nicht.

Der jährliche Finanzaufwand der Universitäten pro Kopf variiert sehr stark und reicht von 6.337 Euro an der Universität Wien bis zu 79.252 Euro an der Medizinischen Universität Innsbruck. Durchschnittlich waren es 2014 13.001 Euro. (6) Internationale Studierende belasteten daher im Jahr 2014 das österreichische Bildungsbudget mit 927 Millionen Euro, wenn man von den Durchschnittskosten ausgeht. 345 Millionen davon wurden für deutsche Studierende ausgegeben; Tendenz stark steigend.

Eine europarechtlich zulässige Lösung wäre ganz einfach: kostendeckende Studiengebühren für alle Studierenden und gleichzeitig Erhöhung der österreichischen Familienbeihilfe für Studierende um eben diesen Betrag.

Um mich nicht falsch zu verstehen: Eine Universität kann von internationalen Studierenden profitieren. Ich möchte sie nicht missen. Ich sehe aber nicht ein, warum mittlerweile etwa eine Milliarde österreichischen Steuergeldes diesen Personen zugutekommt. Wollen und können wir uns ein paar hundert Millionen „Entwicklungshilfe“ für Deutschland leisten?

Die Bildungsmilliarde liegt Jahr für Jahr auf dem Tisch. Ob sie richtig eingesetzt wird, wage ich zu bezweifeln.

(1) Das österreichische Bruttoinlandsprodukt lag 2015 bei rund 339,9 Milliarden Euro. Siehe Statistik Austria, Österreichs Wirtschaft wuchs 2015 um 1,0 % (2016).

(2) Siehe Budget für Entwicklungs­hilfe wird bis 2021 verdoppelt. In: Kurier online vom 21. April 2016.

(3) Zit. n. Ulla Grünbacher, Große Lücke im Budget für Bildung. In: Kurier online vom 9. Mai 2016.

(4) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15 – Tabellenband (2016), S. 313, 319 und 330.

(5) Ein Drittel der Medizin-Absolventen will ins Ausland. In: Standard online vom 24. August 2016.

(6) Siehe Statistik Austria (Hrsg.), Bildung in Zahlen 2014/15 – Schlüsselindikatoren und Analysen (2016), S. 87.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Die Bildungsmilliarde oder Entwicklungshilfe für Deutschland

  1. Erich Wallner

    1. Zu den deutschen Studierenden in Österreich:
    Eine Österreicherin maturiert mit (fast) lauter Sehr gut, schafft aber den Aufnahmetest für das Medizinstudium in Wien nicht.
    Kein Problem – sie geht nach Deutschland, wo sie im dortigen Numerus-clausus-System gegenüber ihren deutschen MitbewerberInnen wegen ihres guten Notenschnittes vorgereiht wird und sofort einen Studienplatz bekommt.

    P.S.: Mein Zahnarzt (gebürtiger Österreicher) hat schon vor 20 Jahren seine Ausbildung in Deutschland gemacht – mit einem Spezialgebiet, das es in Österreich gar nicht gab.

    2. Ad: „Das alles wäre volkswirtschaftlich nicht so schlimm, würden ausländische AbsolventInnen nach ihrem Studienabschluss in Österreich arbeiten.“
    Auch das hat eine zweite Seite: Der aktuelle ÖPU-Wochenspiegel arbeitet die beiden Ferienmonate auf – leider hat es jene Nachricht nicht hinein geschafft, wonach ein paar Dutzend österreichische Lehrkräfte Stellen in Berlin angenommen haben – dort sucht man Lehrer und zahlt (fast) das Doppelte wie bei uns.

    Fazit: Wir schaffen es nicht mal, alle eigenen Leute im Land zu halten …

  2. Pingback: Die Bildungsmilliarde oder Entwicklungshilfe für Deutschland — QUINtessenzen | ÖAAB AHS

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