Gerhard Riegler: Ich habe von meiner Ministerin geträumt

Die Aussagen unserer neuen Unterrichtsministerin heben sich bisher von denen ihrer Vorgängerinnen derart wohltuend ab, dass sich Mag. Dr. Sonja Hammerschmid auch in meine Träume eingeschlichen hat.

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Geträumt habe ich, dass sie mich anrief und sich für die informativen „facts statt fakes“-Seiten im „gymnasium“ und die inzwischen zweiundsechzig Ausgaben meines „daten.dienst.tag“ bedankte. Sie sei vom Ministerbüro gleich zu Beginn ihrer Amtszeit auf diese Daten hingewiesen worden, habe sie von MitarbeiterInnen ihres Hauses auf die sachliche Richtigkeit überprüfen lassen und sie nach deren Bestätigung Blatt für Blatt studiert.

Sie gebe zu, dass für sie viele der Inhalte extrem überraschend waren und ihr Bild von Schule ordentlich zurechtgerückt haben. Sie sei nämlich noch vor wenigen Wochen der Meinung gewesen, dass der Wirklichkeit entspricht, was Politik und „ExpertInnen“ transportierten. Nie und nimmer habe sie z. B. vermutet,

  • dass in Deutschland oder auch den Niederlanden doppelt so viele SchülerInnen wie bei uns repetieren,
  • dass Österreich zu den OECD-Staaten gehört, in denen die wenigsten jungen Menschen ihre Schullaufbahn erfolglos abbrechen,
  • dass unser Schulwesen im Kontext der Migration mit Aufgaben konfrontiert ist, die in kaum einem anderen Staat Europas eine ähnliche Dimension aufweisen,
  • dass Österreichs Schulwesen im internationalen Vergleich deutlich unterdotiert ist,
  • dass unsere Lehrergehälter weit unter denen Deutschlands liegen,
  • dass sich Österreichs SchülerInnen ihrer Schule so stark verbunden fühlen, wie dies in keinem anderen OECD-Staat der Fall ist,
  • und vieles andere mehr.

Zweifelsohne werde dieses Datenkompendium für sie DIE Grundlage des von ihr angekündigten faktenbasierten Handelns bilden. Sie wolle sich seiner aber nicht bedienen, ohne sich bei mir dafür bedankt zu haben.

Der Gedanke, dass sich Österreichs Unterrichtsministerin aus dem Reich der Propaganda verabschiedet, der Gedanke, dass alle, die für unser Schulwesen verantwortlich sind, die Ärmel aufkrempeln, um gemeinsam den Schutt wegzuräumen, den die Schulpolitik des letzten Jahrzehnts hinterlassen hat, hatte sich in meinen Schlaf eingeschlichen. Bin ich deshalb ein urlaubsreifer Träumer, ein Fantast?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen einen schönen und erholsamen Sommer. Viele Ihrer Träume mögen in Erfüllung gehen! Meiner, Frau Bundesministerin, bitte auch!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Ich habe von meiner Ministerin geträumt

  1. Der Wunsch ist zwar legitim, klingt aber aufgrund der etwas übertriebenen Formulierungen („DIE Grundlage“, usw.) etwas überheblich, selbstgefällig und arrogant. Falls die Ministerin das liest, wäre es besser der Autor hätte es etwas nüchterner und bescheidener formuliert, damit es ihr leichter fällt darauf einzusteigen.
    Auch in „Opposition“ gilt: Hochmut kommt nicht gut. Und: Die richtigsten Fakten werden abgelehnt wenn ein Annehmen bedeutet, jemandem Selbstgefälligem dadurch sehr zu schmeicheln.
    Inhaltlich keine Kritik, nur am Ton (des Traumes). Da schwingt jahrelange Kränkung durch Nichtbeachtung der zusammengetragenen Informationen seitens der Politik mit…
    Jedenfalls – hoffentlich erfüllt sich der Traum!!!

    1. Selbstverständlich liest man im BMBF unsere Veröffentlichungen.

      Die neue Unterrichtsministerin hat die einmalige Chance, einen neuen Weg zu gehen. In aller Bescheidenheit: Woher sonst soll sie die Daten bekommen? Von MitarbeiterInnen im BMBF, die für den bisherigen Kurs mitverantwortlich sind? Von „ExpertInnen“ à la Androsch, Salcher & Co, die durch die Fakten widerlegt werden?

      Ja, es ist zum Krankwerden, was Österreichs Schulpolitik seit Jahren aufführt, wie sie Daten unter den Teppich kehrt oder sie ganz einfach auf den Kopf stellt oder dafür sorgt, dass Daten, die die Realität beweisen würden, nicht mehr erhoben werden.

      Eine Kurskorrektur um 10 Grad bringt nichts. Eine Umkehr ist angesagt und einer neuen Unterrichtsministerin, die für die Schulpolitik der letzten Jahre keine Mitschuld trägt, möglich.

      1. Dass Daten einfach nicht zur Kenntnis genommen werden, beobachte ich seit langem.
        Aktuelles Beispiel: Anfang Mai 2016 kamen – endlich – die Daten der Zentralmatura 2015 heraus, mit teilweise absurden Ergebnissen: Kein Mensch hat sie hinterfragt – auch nicht die AHS-Gewerkschaft. (Zum Beispiel den Umstand, dass es in Deutsch 2015 hundertneunundneunzigmal so viele Sehr gut wie Nicht genügend gab.)
        Kein Mensch hat hinterfragt, wieso die Veröffentlichung 11 Monate gedauert hat, wo es doch jetzt bei den Daten 2016 (und das waren wegen der BHS viel mehr!) in einem Monat möglich war. Kein Mensch hat hinterfragt, wie eine Evaluierung der Zentralmatura 2015 möglich war ohne Daten.

        Schaut man sich jetzt die Daten AHS 2016 an und vergleicht sie mit AHS 2015, dann findet man zum Beispiel:
        Heuer gibt es elfmal so viele Nicht genügend in Deutsch, sechsmal so viele in Mathematik, viermal so viele in Englisch.

        Die Ergebnisse in Deutsch und Englisch sind in der öffentlichen Diskussion komplett untergegangen – vor allem der Umstand, dass es dort viel zu viele Sehr gut gegeben hat. Nur Mathematik wurde in den Medien thematisiert und angeprangert – ausgerechnet jenes Fach, in dem als einzigem eine halbwegs glaubhafte Gauss’sche Normalverteilung der Noten herausgekommen ist.
        Nichts gegen den „Anteil des medianen Äquivalenznettoeinkommens von Haushalten mit abhängigen Kindern an dem der Haushalte ohne abhängige Kinder (Stand 2014)“. Aber ist das wirklich das, was die AHS im Augenblick am meisten interessiert / interessieren sollte?
        (P.S.: Ob der Begriff „medianes Äquivalenznettoeinkommen“ wohl maturatauglich für eine Mathematikaufgabe wäre?)

  2. Lieber Gerhard! Auch dir wünsche ich einige erholsame Wochen und einen schönen Urlaub! Danke für deine treffenden Beiträge in den Quintessenzen! Bitte sende deinen Traum auch an „unsere“ Ministerin!

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