Das gespaltene Land

Viel ist in den letzten Tagen in Medien und sozialen Foren über die „Spaltung Österreichs“ diskutiert worden. Und es gibt tatsächlich einen immer tiefer werdenden Graben in unserer Gesellschaft, allerdings nicht unbedingt einen politischen, sondern vielmehr einen ökonomischen.

cracked road concrete close up

Die OECD steht wohl kaum unter Verdacht, eine politisch linke oder gar klassenkämpferische Organisation zu sein. Daher ist eine von ihr publizierte Studie umso bemerkenswerter, in der sie sich mit den Folgen einer sehr ungleichen Vermögensverteilung innerhalb der Gesellschaft auseinandersetzt. (1)

Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht erschreckend. In den meisten Staaten ist die Kluft zwischen Arm und Reich auf dem höchsten Stand seit dreißig Jahren. In den meisten Staaten hat die Einkommensungleichheit sogar einen historischen Höchststand erreicht. (2) „Temporary and part-time work and self-employment now account for about a third of total employment in OECD countries. Since the mid-1990s, more than half of all job creation was in the form of non-standard work.“ (3) Und die Vermögensverteilung ist noch ungleicher als die Einkommensverteilung. (4)

Österreich ist von dieser Entwicklung keineswegs ausgenommen. „In Austria, Denmark, France and the United States, incomes at the top increased in real terms while they fell at the bottom.” (5) Der Anteil am Gesamtlohneinkommen, den die am wenigsten verdienenden 20 % der ÖsterreicherInnen erhielten, fiel von 1995 auf 2012 um ein Drittel (von 3 % auf 2 %), wohingegen der der meist verdienenden 20 % der ÖsterreicherInnen um 9 % (von 44 % auf 48 %) stieg. (6)

Die vermögensmäßig „untere Hälfte“ der Haushalte (Das sind Haushalte mit einem Bruttovermögen bis 93.000 Euro.) besitzt 4 % des gesamten Bruttovermögens. Die Top-5 %-Haushalte (ab rund 979.000 Euro) können sich hingegen über 45 % des gesamten Bruttovermögens freuen. (7)

Mag. Hans Bürger, ORF-Ressortleiter Innenpolitik und EU, antwortete auf die Frage, wie der designierte Bundespräsident die viel zitierte Spaltung Österreichs überwinden könne: „Wenn er es schafft, diese Spaltung richtig zu definieren. Es geht da nicht um links und rechts oder grün und blau, es geht eigentlich um Wohlstandsverlierer und Wohlstandsbewahrer, um es einmal so zu sehen. Und die Wohlstandsverlierer werden in diesem Land so lange Protest oder in diesem Fall blau wählen, bis sie mehr Wohlstand auch wieder gewinnen können. Und die Formel heißt „Wohlstand anders verteilen“.“ (8)

Ob die Regierungsparteien das begriffen haben, bleibt abzuwarten.

(1) OECD (Hrsg.), In It Together: Why Less Inequality Benefits All (Mai 2015).

(2) Siehe OECD (Hrsg.), In It Together, S. 15 und S. 20.

(3) OECD (Hrsg.), In It Together, S. 15.

(4) Siehe OECD (Hrsg.), In It Together, S. 16.

(5) OECD (Hrsg.), In It Together, S. 24.

(6) Siehe BMASK (Hrsg.), Einkommensverteilung in Österreich (November 2015), S. 4.

(7) Siehe Michael Andreasch et al., Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich. In: BMASK (Hrsg.), Sozialbericht 2011-2012 (November 2012), S. 247-266, hier S. 257 und S. 261.

(8) Mag. Hans Bürger in der ZiB 1 am 23. Mai 2016.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


9 Gedanken zu “Das gespaltene Land

  1. Wenn ein Sozialist wie Herr Bürger den Wohlstand anders verteilen will dann kann dies doch nur bedeuten, dass die Steuern erhöht, Erbschafts- und Schenkungssteuer in den von Piketty geforderten Höhen (bis zu 100% in seinem Buch!) wieder eingehoben werden und die Ochlokratie noch größere fröhliche Urstände feiert. Im übrigen wird der Abstand zwischen Arm und Reich immer groß sein; das ergibt sich aus der Definition der Armut. Solche Schauermeldungen sollen doch nur helfen, noch mehr Geld für die eigene Klientel herauszupressen.
    Zur Erinnerung: der Sozialist Hundstorfer war doch vor der Wahl der Meinung, monatlich stünden ihm doch netto 5000 (oder waren es gar 8000?) Euro zu damit er leben könne. Wie hoch ist derzeit die Mindestsicherung in Österreich?? =>> Wasser predigen und Wein trinken.

    1. Sehr geehrter Herr Erich, unerträglich, ihre Haltung. Ja, der Abstand war immer hoch, vielleicht zu hoch. Aber sie scheinen nicht zu begreifen, dass der Abstand immer größer wird. Das auch in einem immer schnelleren Tempo. Dazu trägt auch (nicht nur) die fehlende Erbschaftssteuer bei. Das werden sich auf Dauer die Verlierer nicht bieten lassen. DAS zerreißt unsere Gesellschaft. Was sie als Schauermeldung betrachten, ist statistisch einfach wahr. Besonders eindringlich hat das der Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss ausgedrückt:
      „Wyss besitzt laut der «Bilanz» ein Vermögen von 12 bis 13 Milliarden Franken. Früher besass er die Medizinaltech-Firma Synthes.
      Wyss befürwortet eine vernünftige Erbschaftssteuer von 15 bis 20 Prozent. In einem Interview mit der Westschweizer Zeitung «Le Temps» sagt der Milliardär: «Sie werden mich für einen Sozialisten halten, aber wenn es um grosse Vermögen geht, gibt es keinen Grund, dass die Kinder erben, wenn sie nichts dafür getan haben.»
      Wyss plädiert für eine saftige Besteuerung der grossen Vermögen: «Wenn man 500 Millionen oder eine Milliarde hat, kann man 20 Prozent Erbschaftssteuer zahlen.» Das zerstöre die Vermögen nicht.“ (Die S-Schreibung ist aus dem Schweizer Original übernommen).

  2. wir bewegen uns immer mehr in einem Ethik-freien Raum, der sich statt dessen mit mehr Gier-Tendenzen füllt..das ist auch die Wurzel der Ungerechtigkeit der Verteilung

  3. Wie immer bei Statistiken kommt es darauf an, wie sie gefälscht werden.

    Eine beliebte Taktik in Sachen Vermögensverteilung ist es z.B., Pensionsansprüche einfach wegzulassen. Eine Lehrerin, die mit 60 in Pension geht, hat bei einer Lebenserwartung von (fast) 90 Pensionsansprüche in der Größenordnung von einer Dreiviertelmillion Euro NETTO. Wenn man ihr die einfach nicht zurechnet, dann kommt freilich eine größere Ungleichheit heraus.

    Sollte jemand anderer Meinung sein, dann würde mich interessieren, ob er / sie ein lebenslanges Wohnrecht als Vermögenswert ansieht – und wie er / sie Ansprüche aus dem Quin’schen Zeitkonto bewertet 😉

    1. Pensionsansprüche sind kein Vermögen, sondern dienen dem Erhalt der Lebensqualität. Erst wenn die besagte Lehrerin die 750 000.- als Spekulationsmasse an der Börse einsetzen könnte, damit Grund und Boden erwerben könnte, Immobilien beschaffen könnte, dann vielleicht. Was ist da gefälscht: „Die vermögensmäßig „untere Hälfte“ der Haushalte (Das sind Haushalte mit einem Bruttovermögen bis 93.000 Euro.) besitzt 4 % des gesamten Bruttovermögens. Die Top-5 %-Haushalte (ab rund 979.000 Euro) können sich hingegen über 45 % des gesamten Bruttovermögens freuen. (7)“. Um die pensionierte beamtete Lehrerin geht es übrigens nicht, wie sie sich denken können.

      1. Auf Wikipedia finde ich, dass man unter „Bruttovermögen“ die Summe aus Sachvermögen und Geldvermögen versteht.

        Die „Fälschung“ in der Diskussion besteht darin, dass man sich von vornhinein auf diese Definition von „Vermögen“ beschränkt, obwohl dieser Begriff zu kurz greift – was gerade wir Lehrer wissen sollten, deren Geschäftsgrundlage die von uns vermittelte Bildung ist. Ein 24-jähriger anatolischer Schafhirte ist, verglichen mit einem frischgebackenen Doktor einer österreichischen Universität, doch zweifellos ärmer – oder ist Bildung gar nichts wert? In vielen Familien besteht die Mitgift an die Kinder in einer Berufsausbildung – ist das nichts wert, muss es unbedingt ein Sparbuch oder Aktiendepot oder Grundstück sein, um in der Aktivbilanz zu zählen? Vielleicht hilft es, einmal den Begriff „immaterielle Vermögenswerte“ nachzuschlagen.
        Ich will mich aber gar nicht auf „weiche“ Aspekte des Begriffes „Vermögen“ stützen, sondern verweise auf solche, die man ganz einfach in Geld umrechnen kann: Pensionsansprüche, Wohnrechte, Fruchtgenussrechte, Privatnutzung von Firmenautos, Ansprüche aus Lebensversicherungen und dem Quin’schen Zeitkonto …

        Im Übrigen (um auf wienerwalzers Argument der Konvertierbarkeit einzugehen): in den USA kann man sehr wohl seine Altersversorgung zu Geld machen und damit an der Börse spekulieren, wenn man will. Und in GB war vor einigen Jahren der Handel mit „gebrauchten“ Lebensversicherungen ein Renner (wurde auch bei uns angeboten).

        Mir kommt diese Diskussion so vor, als würde man über „Gesundheit“ reden und diese nur am Body-mass-index messen.

  4. reicher mann und armer mann
    standen da und sahn sich an
    und der arme sagte bleich
    „wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“
    (bert brecht)

    beachtlich, dass sich auch bei konservativen so etwas wie ein soziales gewissen regt. unser anachronistisches schulsystem ist durch hohe selektivität gekennzeichnet und trägt somit zur kluft zwischen arm und reich wesentlich bei. bildungschancen und damit sozialer status werden vererbt. kinder aus höheren bildungsschichten (mindestens ein elternteil akademikerIn) besuchen mehr als viermal so oft eine AHS wie kinder aus einem elternhaus mit maximal pflichtschulabschluss.
    aber wir dividieren die kinder mit 10 jahren nach wie vor auseinander!

    konstantin wecker: „willkommen in absurdistan“

    Anmerkung Quin: Der politische Kampfbegriff von der „Vererbung von Bildung“ ist etwa so intelligent wie der Ruf nach einem „atomfreien Österreich“. Mich ärgert dieser (bewusste oder unbewusste) Missbrauch von Sprache. Ein „atomfreies Österreich“ wäre nicht existent. Und Bildung kann man nicht vererben. „Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.“ (Peter Bieri, Schweizer Schriftsteller und Philosoph)

    Ich betrachte es auch nicht als Problem, wenn bildungsaffine Eltern durch ihre Erziehung und ihre Vorbildwirkung die Bildungschancen ihrer Kinder positiv beeinflussen. Das Problem besteht dort, wo Kinder keine positive Beeinflussung zu Hause erleben.

    Die Bildungswissenschaft forscht seit Jahrzehnten, ob äußere Differenzierung oder gemeinsames Unterrichten unterschiedlichst begabter junger Menschen für diese sinnvoller ist. Die Bildungs-wissenschaft kam in vielen, zum Teil sehr aufwendigen Studien immer wieder zu Erkenntnissen, die den Vorteil der äußeren Differenzierung bestätigen. Doch die wissenschaftliche Evidenz wird von Teilen der Politik ignoriert, geleugnet und nicht selten sogar auf den Kopf gestellt. Dies passiert mit einer Konsequenz, die die Sinnhaftigkeit bildungswissenschaftlicher Forschung und der in sie investierten Ressourcen in Frage stellt.

    Ein wohl völlig unverdächtiger Zeuge ist der Erziehungswissenschafter und Gesamtschulbefürworter Helmut Fend, der nach seiner Emeritierung meinte: „Selten hat mich das Ergebnis meiner Forschungen so überrascht und enttäuscht wie diesmal: Die Gesamtschule schafft unterm Strich nicht mehr Bildungsgerechtigkeit als die Schulen des gegliederten Schulsystems – entgegen ihrem Anspruch und entgegen den Hoffnungen vieler Schulreformer, denen ich mich verbunden fühle.“

    1. bitte sinnerfassend lesen!
      ich habe nicht von „vererbung von bildung“, sondern von „vererbung von bildungschancen“ geschrieben.
      im übrigen ist die gesamtschule lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende bedingung für mehr bildungsgerechtigkeit. ohne individuelle förderung der schülerInnen und innere differenzierung wirds wohl nicht gehen.
      mfg

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