Der Verrechnungshof

Betrachtet man das österreichische Bildungssystem, so zeigt sich, dass die Bildungsausgaben hierzulande im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind.“ (1) Mit diesen Worten charakterisierte der Präsident des Rechnungshofes in einem vor wenigen Tagen im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten Bericht die österreichische Schule. Josef Moser wurde dabei übrigens von einem weiteren „Bildungsexperten“ unterstützt: Hannes Androsch.

Comical percentages miscalculation isolated on white background

Weil das österreichische Bildungssystem so teuer sei, hat der „unabhängige Experte“ Moser (Er war ja nur von 1992 bis 2003 Direktor des FPÖ-Parlamentsklubs.) auch einen Einsparungstipp auf Lager: „Die in der Unterrichtspraxis regelmäßig aufgetretenen Dauermehrdienstleistungen legten den Schluss nahe, dass die Bundeslehrerinnen und -lehrer über die Lehrverpflichtung hinausgehend zu weiteren Unterrichtstätigkeiten bereit waren. Der Rechnungshof empfahl daher dem BMBF, die Umschichtung von Mehrdienstleistungsstunden zur Grundbeschäftigung anzustreben.“ (2) Anders ausgedrückt: Moser empfiehlt eine Erhöhung der Lehrverpflichtung.

Dass LehrerInnen lt. Gesetz gegen ihren Willen zu Überstunden verpflichtet werden können und das BMBF wegen Mangels an Planstellen die Landesschulräte sogar per Erlass seit Jahren ausdrücklich dazu auffordert, vermehrt Überstunden zu vergeben, ist dem „Bildungsexperten“ des Rechnungshofes entweder nicht bekannt, oder er agiert wider besseres Wissen. Was davon schlimmer ist, wage ich nicht zu beurteilen.

Wie es mit den Finanzen im österreichischen Schulwesen wirklich aussieht, zeigt die OECD-Studie „Education at a Glance 2015“. Österreich investiert 3,1 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in das Schulwesen. Der OECD-Mittelwert liegt bei 3,7 %. Die pädagogisch immer wieder hochgelobten skandinavischen Länder liegen noch deutlich darüber – Finnland bei 3,9 %, Dänemark und Island gar bei 4,7 %. (3)

Österreich fehlen für eine lediglich mittelmäßige Finanzierung des Schulwesens also 0,6 % des BIP. Das klingt so wenig. In Wirklichkeit sind das jedoch mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die dem Schulwesen derzeit vorenthalten werden. (4)

Dass der Rechnungshof von pädagogischen oder dienst- und besoldungsrechtlichen Belangen der LehrerInnen keine Ahnung hat, zeigt er immer wieder. Dass er allerdings nicht einmal sein ureigenes Geschäft beherrscht, den Umgang mit Zahlen, verblüfft doch einigermaßen, wobei ich das mit einer Mischung aus Entsetzen und Erheiterung bereits vor zwei Wochen festgestellt habe:

In einem Bericht beziffert der Rechnungshof die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS mit 7.496, an der Hauptschule mit 6.725 und an der AHS-Unterstufe mit 4.815 Euro und zieht daraus folgenden Schluss: „Im Vergleich waren die Lehrerpersonalkosten je Schüler an den AHS–Unterstufen nach wie vor am geringsten. Im Schuljahr 2013/2014 war der bundesweite Durchschnittswert um rd. 56 % geringer als jener der NMS bzw. um rd. 40 % geringer als jener der Hauptschulen.“ (5) Tatsächlich waren aber die Lehrerpersonalkosten je SchülerIn an der NMS um 56 % und an der Hauptschule um 40 % höher als an der AHS.

Wer an den einfachsten Hürden der Prozentrechnung scheitert, schafft bei uns kaum die zweite Klasse, geschweige denn die Mathematikmatura. Für einen Job beim Verrechnungshof reicht es aber offensichtlich allemal.

(1) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung – Vorschläge des Rechnungshofes für Reformen im Bildungsbereich (Mai 2016), S. 7.

(2) Rechnungshof (Hrsg.), Effizientere Schulverwaltung, S. 45.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015), Table B2.2.

(4) Lt. Statistik Austria lag das österreichische Bruttoinlandsprodukt 2015 bei rund 337,2 Milliarden Euro.

(5) Rechnungshof (Hrsg.), Modellversuche Neue Mittelschule; Follow–up–Überprüfung (April 2016), S. 194.

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6 Kommentare

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6 Antworten zu “Der Verrechnungshof

  1. Erich Wallner

    Der Rechnungshof ist nicht die einzige Institution, die nicht mit schulischen Zahlen umgehen kann:

    In der PRESSE vom 7. Mai war die Zentralmatura „Thema des Tages“. Dort las man auch (auf Seite 3) die Notenergebnisse von 2015: In Deutsch 19,9% Sehr gut, 0,1% Nicht genügend. (Ja, nullkomma eins Prozent, das ist kein Schreibfehler von mir). Umgerechnet heißt das, dass auf 199 Deutsch-Einser ein Nicht genügend kam. In Mathematik stand es diesbezüglich 11:1, in Englisch 48:1. (Gemeint waren offenbar die Nicht genügend nach den Kompensationsprüfungen, aber das ist angesichts der absurden Relationen auch schon wurscht – ganz abgesehen von der zweifelhaften Rolle der Kompensationsprüfungen überhaupt.)

    Die beiden Verfasserinnen des Leitartikels, Frau Bernadette Bayrhammer und Frau Julia Neuhauser, kommentierten das auf Seite 1 so: „Im Durchschnitt war bei den Noten alles im Lot.“

    Es ist schon schlimm genug, dass zwei Journalistinnen einer Qualitätszeitung zu so einer Schlussfolgerung kommen. Noch schlimmer ist es allerdings, dass von Lehrerseite NULL Reaktion auf solche Zahlen erfolgt ist (deren Quellen sind lt. PRESSE APA und BMBF). Im aktuellen ÖPU-Wochenspiegel z.B. ist keine Rede davon. Es ist ja schön und gut, wenn unsere Vertreter immer wieder darauf hinweisen, was DIE ANDEREN für Fehler machen – aber man sollte auch so ehrlich sein, die Blödheiten einzubekennen, welche von den EIGENEN LEUTEN verbrochen werden (müssen).

    • Bezugspädagogin

      Ich verstehe nicht, was ist genau Ihre Kritik daran? Dass die Prozentsätze nicht stimmen (das müssten Sie mit Angabe der Rohdaten dann widerlegen) oder dass es nach Ihrem Geschmack zu viele „Sehr gut“ bei der Matura gab?

      Falls letzteres der Fall ist, würde ich folgendes Argument dagegen anführen: Da wir (Lehrerinnen und Lehrer) unsere Maturanten in der Regel 4 bis 5 Jahre vor den Maturaprüfungen kennen lernen und ihre Chancen auf ein Bestehen bei der Matura mehrmals im Jahr überprüfen, im Moment auch – wenn auch sehr milde und für die Lehrerinnen arbeitsaufwändige – Möglichkeiten haben, das Antreten bei der Matura in diesen 4 bis 5 Jahren zu verhindern, halte ich es zumindest in meinem Unterricht so, dass absolut Chancenlose erst gar nicht bis zur Matura kommen. Daraus ergibt sich, dass es durchschnittlich etwas weniger „Nicht genügend“ gibt als „Sehr gut“. Es bedeutet ganz bestimmt nicht, dass 99.9% aller in Österreich schulpflichtigen Jugendlichen eines Schuljahrganges die D-Matura bestehen würden! Die Selektion erfolgt früher (im Moment zumindest noch), etwa durch unser differenziertes Schulsystem.

      • Erich Wallner

        Ich antworte für mein eigenes Fach Englisch (Gymnasium):
        In der 7. und 8. Klasse werden die Schularbeiten bereits nach dem Matura-Modus durchgeführt – und dieser Modus bedeutet, dass es auch bei den Schularbeiten praktisch keine Nicht genügend mehr gibt.
        Und einen Schüler, der auf keine Schularbeit ein Nicht genügend hat, können Sie in der Praxis nicht durchfallen lassen.

        Darüber hinaus: Die Eliminierung „absolut chancenloser“ Kandidaten im Laufe der Oberstufe ist ja keine Erfindung der letzten zwei oder drei Jahre, das hat es schon immer gegeben. Wer hätte aber vor 10 oder 20 Jahren eine Klausur ernst genommen, bei der die Verhältnisse von Einsern zu Fünfern bei 199:1 (in Deutsch) oder 48:1 (in Englisch) oder auch „nur“ 11:1 (Mathematik) liegen?
        Würde man das Argument von „Bezugspädagogin“ zu Ende denken („Die Ungeeigneten sind ja eh bei der Matura nicht mehr dabei“), dann müßte sie eigentlich die Forderung nach Abschaffung der Matura überhaupt erheben – dann genügte schon das positive Zeugnis der 8. Klasse.

        Die Daten der PRESSE, die ich zitiert habe, findet man seit 9. Mai 2016 noch ausführlicher auf:
        https://www.bmbf.gv.at/ministerium/vp/2016/Ergebnisse_der_Reifepruefung_AHS_2014-2015_end.pdf?5eibc5
        Eine Feinheit dabei: In Mathematik gab es bei den Burschen 16,2% Sehr gut, bei den Mädchen nur 8,9%.
        In Deutsch dagegen haben die Mädchen mit 21,9% die Nase deutlich vor den Burschen (17,1) .
        In Englisch wiederum ist der Unterschied marginal.
        Als solche Geschlechtsunterschiede wie in M und D bei den Mediziner-Aufnahmsprüfungen der letzten Jahre auftraten, war jedesmal die Entrüstung groß – bei der Zentralmatura wird das kommentarlos zur Kenntnis genommen, obwohl die sich gerade die Vergleichbarkeit der Noten auf die Fahne geschrieben hat.

  2. Martin Thomaschütz

    Interessant zu wissen wäre allerdings, wie der Rechnungshofpräsident zu der Aussage kommt, „dass die Bildungsausgaben hierzulande im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind.“ Da er sich offensichtlich nicht auf die (aus gewerkschaftlicher Perspektive günstigen und daher immer wieder genannten BIP-Anteile) bezieht, sondern andere Vergleichszahlen hat, würde ich mich freuen, wenn diese auch einmal genannt würden (gerne auch von der Gewerkschaft). Dann könnte man sich selbst ein fundiertes Urteil bilden. Sonst bleibt nur die traurige Halbwahrheit: „Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“…

    • Walter Wegscheider

      Die von Seiten des Rechnungshofs genannten Zahlen beziehen sich – wie immer, wenn man die Lage ungünstig darstellen will – auf Absolutbeträge pro Kind. Diese ergeben für Österreich relativ hohe Werte. Nachdem Österreich zu den reichsten Ländern gehört, ist dies allerdings auch nicht weiter verwunderlich. Der Bildungsbereich ist hauptsächlich durch Personalkosten geprägt. Ein Vergleich mit der Slowakei, Ungarn, Rumänien etc., wo Lehrereinkommen etwa im Bereich unserer MIndestsicherung liegen, offenbart nur die wenig überraschende Tatsache, dass bei uns mehr gezahlt wird, Gott sei Dank! Das hat mit der Effizienz des Systems und dem in Relation zur Wirtschaftsleistung des Landes stehenden Beitrag zu Schule und Bildung herzlich wenig zu tun.

      • Martin Thomaschütz

        Danke für die Erklärung, absolut plausibel! Sehr schön finde ich auch das Faktum, dass sowohl der Rechnungshof als auch die Gewerkschaft ihre Zahlen aus derselben Studie haben (wie ich nach Lektüre des Rechnungshofsberichts herausgefunden habe), nämlich die vom Koll. Quin zitierte OECD-Studie Education at a Glance 2015. OECD Indicators (2015). Während Quin Tabelle B2.2. bevorzugt, nimmt der Rechnungshof Tabelle B1.2! Trau keiner Statistik, die du nicht selbst zitiert hast!

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