Integration

Immer mehr Väter verweigern Handschlag mit Lehrerinnen“, titelte der „Kurier“ vor wenigen Tagen. (1) Der Ausgangspunkt war wohl eine heftige Diskussion in der Schweiz, ob jugendliche Muslime Frauen den in einer Schule üblichen Handschlag aus religiösen Gründen verweigern dürfen.

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Der Fall zeigt klar eine zentrale Problematik von Integration: „Die unterschiedlichen kulturellen Bedingungen führen oft zu Missverständnissen“, wie es Bettina Koller, die Leiterin einer Flüchtlingswohngemeinschaft, ausdrückt. „Diskussionen gab es auch, als die Burschen im Tanzkurs zum ersten Mal auf die Mädchen trafen: „Sie trugen kurze Röcke und T-Shirts mit kurzen Ärmeln. Die Burschen fragten mich, ob das Huren sind“, erzählt Koller.“ (2)

Zweifellos schwierig ist der Balanceakt zwischen Toleranz, die ja auch ZuwanderInnen als wichtiger Wert vermittelt werden soll, und falscher Toleranz, die zulässt, dass die grundlegenden Werte der Aufklärung, die einen modernen, westlichen Staat zumindest theoretisch prägen, untergraben werden.

Ein notwendiges Mittel für Integration ist die Beherrschung der Sprache jenes Landes, in dem Integration gelingen soll. Das scheint nun auch die Politik endlich erkannt zu haben. Über das derzeit in Begutachtung befindliche Schulrechtspaket soll die Sprachförderung ausgebaut und erstmals auf nicht mehr schulpflichtige Jugendliche ausgedehnt werden. Höchst zweifelhaft erscheint jedoch, ob die dafür zur Verfügung gestellten Ressourcen genügen werden, wenn wir uns die von Gerhard Riegler letzte Woche genannten Zahlen in Erinnerung rufen (3):

  • 38 % der 10-Jährigen Österreichs verfügen über kein ausreichendes Leseverständnis. In Wien sind es sogar 44 %.
  • 10-Jährige aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss haben auf ihre gleichaltrigen MitschülerInnen, deren Eltern eine universitäre oder ähnliche Bildung aufweisen, in Deutsch einen Leistungsrückstand von über drei Jahren. Sie befinden sich mit ihren Leistungen kurz vor Ende der Volksschule dort, wo die anderen bereits am Beginn standen.

Inzwischen sprechen schon 22 % aller SchülerInnen Österreichs die Unterrichtssprache nicht als Umgangssprache. Dieser Anteil hat sich innerhalb von nur sieben Jahren um mehr als ein Drittel erhöht – und er wird weiterhin steigen. In der Volksschule liegt der Anteil nämlich bereits bei 28 %. (4)

Integration ist ein langer und manchmal höchst mühevoller Prozess, der beide Seiten fordert. Eine Alternative dazu gibt es allerdings nicht, wenn wir weiterhin in einer freien und friedlichen Gesellschaft leben wollen.

(1) Michaela Reibenwein und Julia Schrenk, Immer mehr Väter verweigern Handschlag mit Lehrerinnen. In: Kurier online vom 8. April 2016.

(2) a.a.O.

(3) Gerhard Riegler, Späte Einsicht. In: QUINtessenzen vom 9. April 2016.

(4) Statistik Austria (Hrsg.), Schulstatistik, erstellt am 14. Dezember 2015.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Integration

  1. Erich Wallner

    Ad: „Ein notwendiges Mittel für Integration ist die Beherrschung der Sprache jenes Landes, in dem Integration gelingen soll. Das scheint nun auch die Politik endlich erkannt zu haben.“

    Von wegen „Politik (… endlich erkannt)“.

    Meine Erfahrung: Letzten Herbst hatte ich zwei somalische Flüchtlingskinder in einer 5. Klasse sitzen, die weder Deutsch noch Englisch verstanden und offenbar nur ihre Zeit absaßen, weil sie noch schulpflichtig waren. Gelernt haben sie jedenfalls nichts, weder bei mir in Englisch noch in anderen Gegenständen. Sie hätten aber ihre Zeit sinnvoll nutzen können, wenn sie auf einem Laptop selbständig Deutsch oder Englisch hätten lernen können, während daneben der Normalunterricht an ihnen vorbeirauschte.

    Ich fragte also auf dem Dienstweg beim LSR für NÖ an: Mit welchen Herstellern von Sprachlernprogrammen hat der LSR für NÖ bzw. das Bildungsministerium Lizenzvereinbarungen zum begünstigten Erwerb abgeschlossen? (Es ging mir dabei nicht nur ums Geld, sondern vor allem um die Identifikation solcher Programme – was weiß schon ich, was diesbezüglich auf dem Markt und gut ist?)

    Die Antwort des zuständigen LSI kam prompt: Das sei eigentlich eine gute Idee, er werde sich erkundigen. Seither habe ich in dieser Sache nichts mehr gehört.

  2. Pingback: Integration — QUINtessenzen | ÖAAB AHS

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