Gerhard Riegler: Peinlich?

Nachdem die OECD am Aschermittwoch die weiß ich wievielte Publikation zu PISA 2012 veröffentlicht hatte, ergoss sich ein Schwall an Pressemeldungen aus Österreichs Politetagen. Manche haben vielleicht wirklich geglaubt, es seien neue PISA-Ergebnisse veröffentlicht worden. Eckehard Quin (1) und ich (2) haben dieses für Österreichs Schulpolitik blamable Vorgehen kommentiert.

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Am Dienstag dieser Woche ist tatsächlich eine neue Studie erschienen: die HBSC-Studie Nr. 7 („Health Behaviour in School-Aged Children Study“) der Weltgesundheitsorganisation WHO. (3) Zu ihr war aber bisher aus denselben Politbüros nur Schweigen zu vernehmen. Hat man aus der Aschermittwoch-Blamage gelernt, Publikationen zu lesen, bevor man sie interpretiert? Es wäre ein erfreulicher Kompetenzzuwachs! Liest man aber an den knapp 300 Seiten wirklich noch immer? Oder sind manchen die Ergebnisse dieser WHO-Studie peinlich?

Ist es ihnen peinlich, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen sich die wenigsten SchülerInnen von der Schule belastet fühlen? Wollen sie nicht lesen, dass es in Finnland bei den 11-Jährigen drei Mal so viele sind wie in Österreich? Soll die österreichische Bevölkerung, die sich ohnehin mit aller Entschlossenheit gegen „Modellregionen“ wehrt, das nicht erfahren?

Oder schämt man sich im Ministerium, dass man noch immer keine erfolgreichen Maßnahmen gegen Gewalt unter SchülerInnen gesetzt hat? Einmal mehr gehört nämlich Österreich zu den Staaten, in denen die 11- bis 15-Jährigen Bullying unter SchülerInnen als häufiges Problem nennen. Welche Langzeitfolgen sich für die Betroffenen – für Opfer wie für TäterInnen – daraus ergeben können, könnte die Unterrichtsministerin in vielen bildungswissenschaftlichen Studien nachlesen, würde sie sich dafür Zeit nehmen. Mehr als peinlich ist es ohne Zweifel, was in Österreich unter dem Titel „Schulpolitik“ läuft!

Überhaupt nicht peinlich ist mir aber, dass wir von der WHO einmal mehr bestätigt bekommen, wie weit Österreichs „BildungsexpertInnen“ mit ihren Aussagen von der Wirklichkeit entfernt sind. Mit Freude lese ich in der am Dienstag präsentierten HBSC-Studie, dass Österreich bei den 11-Jährigen, „who like school a lot“, unter den 42 teilnehmenden Staaten den fünften Platz belegt. Dass Finnland nur den 41. und damit vorletzten Platz erreichte, scheint die Gesamtschulpropaganda zum Verstummen gebracht zu haben. Hoffentlich nachhaltig! Denn sie lähmt und verhindert dringend erforderliche Schulentwicklungsmaßnahmen.

Österreichs Schulwesen verdient ehrliche Politik statt Propaganda, die behauptet, was nicht ist, und zu vertuschen versucht, wo sich Österreichs Schulwesen auszeichnet und wo es dringenden Handlungsbedarf gibt. Es wäre höchst an der Zeit dafür.

(1) Eckehard Quin, Unfug. In: QUINtessenzen vom 13. Februar 2015.

(2) Gerhard Riegler, Vorurteile. In: QUINtessenzen vom 20. Februar 2015.

(3) Growing up unequal: gender and socioeconomic differences in young people’s health and well-being. Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC) Study: International Report from the 2013/2014 Survey.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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