Tiroler Föhnwetterlage

Vor fast zwei Wochen sprach sich das Tiroler Schülerparlament mit 42:1 gegen Modellregionen zur 8-jährigen Volksschule aus, die die Regierung gegen den Willen der Betroffenen umsetzen möchte. Die amtsführende Präsidentin des Landeschulrats für Tirol und „Bildungslandesrätin“ Beate Palfrader, gemeinsam mit ihrem platten Landeshauptmann eine führende Verfechterin dieser Zwangsmaßnahme, war auch anwesend und meinte: „Die Trennung der SchülerInnen, wie sie derzeit bereits mit zehn Jahren vorgenommen wird, ist nicht sinnvoll und wird auch nur noch in Deutschland, Österreich und Ungarn vorgenommen. Und diese Länder schneiden bei den Pisa-Tests am schlechtesten ab.“ (1)

Pinocchio Theme ElementsNormalerweise kommentiere ich keine Aussagen regionaler Politgrößen, aber diese ist von besonderer Qualität, stammt sie doch von einer Politikerin, die in ihrem Bundesland für Bildung zuständig ist.

Auch wenn es der Politik nicht gefallen mag, werfen wir doch einen Blick auf die Fakten: Österreich, Deutschland und Ungarn belegen in den drei bei PISA 2012 abgefragten Kompetenzbereichen folgende Plätze (2):

Mathematik Lesen Naturwissenschaften

Österreich

18

28

23

Deutschland

16

20

12

Ungarn 39 30

32

Teilgenommen haben 65 Staaten und Volkswirtschaften. Sogar ein Volksschulkind kann problemlos erkennen, dass

  • Deutschland in jedem der drei Testbereiche im ersten Drittel des Teilnehmerfeldes gelandet ist,
  • Österreich in jedem der drei Testbereiche deutlich überdurchschnittlich und
  • Ungarn nur in einem Bereich unterdurchschnittlich abgeschnitten hat.

Und kein Kindergartenkind würde daraus ableiten, diese drei Staaten seien unter allen Teilnehmern „am schlechtesten“.

Wenn die Tiroler Politikerin falsch zitiert worden ist, erwarte ich mir eine vernehmbare Richtigstellung. Das ist bis heute nicht geschehen. Wenn das Zitat hingegen korrekt ist, hat sie entweder keine Ahnung, wovon sie spricht, oder sie lügt, dass sich die Balken biegen. Was davon schlimmer ist, wage ich nicht zu beurteilen. Am schlimmsten ist allerdings, dass sie sich damit – und das als „Bildungslandesrätin“ – in die lange Reihe derer einordnet, die unser Schulwesen und die darin arbeitenden SchülerInnen und LehrerInnen entgegen aller Fakten permanent schlechtreden und in erster Linie heiße Luft produzieren. Tiroler Föhnwetterlage, könnte man sagen …

(1) Zit. n. Tirols Schüler gegen die Bildungspolitik. In: Mein Bezirk online vom 30. November 2015.

(2) Siehe OECD (Hrsg.), PISA 2012. Ergebnisse im Fokus (2013), S. 5.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Tiroler Föhnwetterlage

  1. Mir fällt dazu jedenfalls „heiße Luft“ ein. Typisch für die Föhnlage ist übrigens die Föhnmauer, die jeden Durchblick verunmöglicht.

    Vielleicht lag’s also an einer massiven Föhnmauer, dass eine Bildungslandesrätin nicht mehr bis 65 zählen konnte. Dabei hätte es für Österreichs Platzierungen sogar genügt, unter den 65 Teilnehmerstaaten und -volkswirtschaften bloß bis 18, 23 und 28 zählen zu können. Diese Kompetenz sollte man am Ende der ersten Klasse Volksschule aufweisen.

    Dass eine Bildungslandesrätin nicht einmal weiß, wo sie die PISA-Ergebnisse findet, oder die Bevölkerung vorsätzlich hinters Licht führt, wollen wir doch ausschließen. Das würde doch überhaupt nicht zu Österreichs Schulpolitik der letzten Jahre passen. Oder?

    1. Am 13. Dezember 2015 um 8:12 vormittags lese ich diese Worte Gerhard Rieglers, der sie viereinhalb Stunden später posten wird, nämlich genau am 13. Dezember 2015 um12:46 vormittags.

      Wie wär’s mit einem Lottotip aus derselben Quelle?

      Anmerkung Quin: Ja, den hätte ich auch gerne 😉

      Es scheint an Einstellungen bei WordPress zu liegen. Gerhard Riegler hat seinen Kommentar um 00:46 verfasst.

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Quin,

    danke für diese klare Stellungnahme zu der einer Bildungslandesrätin nicht würdigen Aussage.

    Mit besten Grüßen
    Peter Goldberger, Mag.

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