Gerhard Riegler: Erfolgsrezept „Laptop und Lederhose“

Im Juni erschien in der „Kleinen Zeitung“ ein Artikel mit dem Titel „Osttirol zwischen Laptop und Lederhose“. (1) Zu lesen war über Osttiroler Pläne, sich den Freistaat Bayern zum Vorbild zu nehmen, um die Abwanderung zu bremsen und das Land fit für die Zukunft zu machen.

Bavarian man wearing traditional Leather Trousers with hands in pockets

Längst ist Bayern nicht nur im Fußball Deutschlands Leuchtturm. Die bayerische Wirtschaft boomt, die Technologieoffensive ist beispielgebend, das Bildungssystem liegt im innerdeutschen Vergleich an der Spitze, und die Jugendarbeitslosigkeit nähert sich mit inzwischen nur mehr 2,6 Prozent asymptotisch der Nulllinie. Und das, obwohl Bayerns Großstädte einen höheren Anteil an MigrantInnen haben als z. B. Berlin.

Mit einer Ehrlichkeit und einer Sachkenntnis, die ich bei österreichischen PolitikerInnen seit Jahren vermisse, machte Heinz Buschkowsky, der langjährige sozialdemokratische Bürgermeister von Berlin-Neukölln, kein Hehl aus seiner Bewunderung für Bayerns Schulwesen: „Bayerische Schulen sind beim Bildungserwerb für Einwandererkinder übrigens erfolgreicher als unsere.“ (2)

Vor wenigen Tagen berichtete der „Bayernkurier“, dass Bayern beim aktuellen OECD-Bericht „Education at a Glance“ neuerlich hervorragend abgeschnitten hat: „Besonders im Freistaat haben junge Menschen überdurchschnittlich gute Bildungschancen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.“ (3) Von einer Abschaffung der bayerischen Gymnasien ist nichts zu lesen, dafür aber von einem klaren Bekenntnis zur gezielten Förderung von Talenten schon in frühen Lebensjahren. Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle beweist Sachkenntnis: „Die Nachteile aufgrund der sozialen Stellung und eines niedrigen Bildungstandes der Eltern lassen sich besonders während der Grundschulzeit ausgleichen.“ (4)

Doch nicht nur das CSU-regierte Bayern setzt auf die Förderung von Begabungen. Der rot-grüne Hamburger Senat will jetzt die Förderung hochbegabter Kinder in allen Grundschulen und weiterführenden Schulen fest verankern. Für manchen westösterreichischen VP-Landeskaiser und erst recht für die linksgrüne Bildungsschickeria müssen die Aussagen des sozialdemokratischen Hamburger Bildungssenators Ties Rabe geradezu reaktionär klingen. Für hochbegabte SchülerInnen dürfe es „keine Langeweile im Unterricht geben, erst Recht keine Arbeits- und Lernverbote“. Und der SPD-Politiker legt noch eins drauf: „Bei ihnen führe das Lernen im Gleichschritt zu Frust oder sogar psychischen Beeinträchtigungen.“ (5)

Vor fünf Jahren wollte eine von der CDU geführte Regierung die Gesamtschule Grundschule um zwei Jahre verlängern und so das Hamburger Gymnasium um zwei Jahre verkürzen, bekam dafür bei einem Volksentscheid eine Abfuhr, der Bürgermeister verlor sein Amt und seine Partei bei den folgenden Wahlen die Hälfte des Vertrauens, das sie vor ihrer Verirrung genossen hatte.

Vielleicht beginnen angesichts all dessen auch unsere „Politgrößen“, die ihr schulpolitisches Vorbild südlich des Brenners suchen und Osttirol in die Gesamtschullederhose stecken wollen, nachdenklich zu werden. „Macht endlich kehrt“, möchte ich ihnen zurufen, „ihr habt den falschen Personen vertraut!“ Und wenn sie mir borniertem Gewerkschafter nicht glauben, mögen sie auf Mathias Brodkorb, den sozialdemokratischen Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns, hören. Er hat nämlich schon vor über drei Jahren Bayerns schulpolitisches Erfolgsrezept durchschaut: „Und einer der Erfolgsfaktoren scheint neben gesicherten sozialen Verhältnissen durchaus zu sein, dass Bayern regelmäßig hauptberufliche Lautsprecher ignoriert und einfach nicht jeden pädagogischen Modekram mitmacht.“ (6)

(1) Adolf Winkler, Osttirol zwischen Laptop und Lederhose. In: Kleine Zeitung online vom 16. Juni 2015.

(2) Zit. n.Rudi Wais, „Was wollt ihr Deutschen hier?“ In: Augsburger Allgemeine vom 4. März 2015.

(3) Anne Meßmer, Beste Chancen für junge Menschen in Bayern. In: Bayernkurier online vom 25. November 2015.

(4) a.a.O.

(5) Jana Werner, So will Hamburg seine Hochbegabten besser fördern. In: Die Welt online vom 1. Dezember 2015.

(6) Mathias Brodkorb, Unser Problem in der Bildung? Ewige Besserwisser! In: Cicero online vom 25. September 2012.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Erfolgsrezept „Laptop und Lederhose“

  1. Ich habe auch einen Vergleich mit Deutschland gefunden:

    1. PROFIL vom 30. November 2015, Seite 14:

    „Mediziner aus einem nicht-deutschsprachigen Land, die an einem heimischen Spital arbeiten wollen, müssen sich einer verpflichtenden Deutschprüfung unterziehen. Der etwa 40 Minuten dauernde schriftliche und mündliche Test wird von der „Österreichischen Akademie der Ärzte“, die zur Ärztekammer gehört, durchgeführt und kostet 868 Euro – für junge Mediziner etwa aus Osteuropa ein erheblicher finanzieller Aufwand. Die Ärztekammer verteidigt die hohe Gebühr und verweist auf Ausnahmeregeln. Die Gebühr, die in deutschen Bundesländern weniger als die Hälfte beträgt, erkläre sich durch anteilige Kosten für Prüfer, Raummiete und ‚Beschwerdemanagement’.“

    2. Prüfungsentschädigung Reifeprüfung Deutsch schriftlich: € 11,80 / mündlich: 11,80 (in Österreich, nicht in Deutschland)

    3. Noch Fragen?

    Kommentar Quin: Ich verstehe nicht, was das Posting von Erich Wallner mit dem Kommentar von Gerhard Riegler zu tun hat.

    Erich Wallner weiß natürlich, dass es sich im einen Fall um ein Vorgehen der Ärztekammer handelt, die keinerlei Interesse daran hat, mehr Konkurrenz zu bekommen, im anderen Fall um Prüfungstaxen im öffentlichen Dienst.

    Dass die Prüfungstaxen niedrig sind, steht außer Zweifel. Allerdings argumentiert der Dienstgeber u. a. mit den Prüfungstaxen im universitären Bereich. Pro Arbeit werden etwa 4,5 Euro bezahlt, wenn die Prüfungsfragen in einem offenen Format zu beantworten sind, 0,5 Euro, wenn es sich um Multiple Choice-Prüfungen handelt. Für die Betreuung einer Bachelorarbeit gibt es keine 40 Euro. Dort werden wir um unsere Prüfungstaxen beneidet …

    1. 1. Ad: „Ich verstehe nicht, was das Posting von Erich Wallner mit dem Kommentar von Gerhard Riegler zu tun hat.“:
      In meinem PROFIL-Zitat steht: „Die Gebühr, die in deutschen Bundesländern weniger als die Hälfte beträgt …“
      Gerhard Riegler zieht einen Vergleich mit Deutschland in Sachen Bildung, PROFIL zieht einen Vergleich mit Deutschland in einer Bildungsfrage. Bei Gerhard Riegler kommt Deutschland besser weg, im PROFIL-Artikel ebenso.

      2. Ad: „Erich Wallner weiß natürlich, dass es sich im einen Fall um ein Vorgehen der Ärztekammer handelt, die keinerlei Interesse daran hat, mehr Konkurrenz zu bekommen“:
      E. Quin weiß natürlich, dass es sich bei den Prüfungstaxen um ein Vorgehen des Bildungsministeriums handelt, das keinerlei Interesse daran hat, mehr Geld auszugeben, als die Gewerkschaft hinzunehmen bereit ist, und das sowieso von All-inclusive-Lehrern träumt.
      P.S.: Wenn ich in der Zeitung lese, dass uns die Anästhesisten ausgehen, und dass die Ärzteschaft generell noch überalterter ist als die Lehrerschaft, dann relativiert sich das mit der Konkurrenz sowieso.

      3. Ad: „Allerdings argumentiert der Dienstgeber u. a. mit den Prüfungstaxen im universitären Bereich.“:
      Allerdings argumentiert die Lehrergewerkschaft NICHT mit Prüfungstaxen in einem insoweit verwandten Bereich, als es sich in beiden Fällen (AHS und Ärztekammer) um Berechtigungen für den weiteren Berufsweg handelt.

  2. Ich bewundere nicht nur die geschliffenen Formulierungen der Beiträge von Gerhard Riegler sondern auch die Akribie, mit der er im recht umfassenden Material von Bildungsevaluationen und politischen Aussagen stets treffende Zitate bringt!

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