Gerhard Riegler: Kinder in der Armutsfalle

Hierzulande leben dem Bericht zufolge mehr Kinder in Armut als noch vor ein paar Jahren: Die Rate ist von 7,31 Prozent im Jahr 2007 auf 9,1 Prozent 2011 gestiegen.“ (1)

Keiner Zeitung war diese Tatsache eine Headline wert, keiner Politikerin, keinem Politiker, keiner Kammer oder sonstigen Organisation, die sonst so gern für Schlagzeilen sorgen, meines Wissens auch nur eine Presseaussendung.

Discrimination Underlined With Red Marker

Für mich ist das erschreckend. Als erschreckend empfinde ich, wie sich seit Jahren die soziale Not in Österreichs Familien und damit in die Elternhäuser unserer SchülerInnen einschleicht und in ihnen breitmacht. Als ebenso erschreckend empfinde ich aber, mit welcher Gleichgültigkeit Politik und Medien diese soziale Schieflage in Österreichs Bevölkerung links liegen lassen.

Ich empfinde es als einen Skandal und ein Verbrechen an ihrer eigenen Zukunft, wenn eine der reichsten Gesellschaften der Welt immer mehr Familien mit Kindern an ihren ökonomischen Rand abdriften lässt. Skandalös, wenn dies in Zeiten, in denen in anderen Kontexten so oft von Diskriminierung gesprochen wird, nicht einmal als soziales Unrecht angesprochen wird.

Nicht nur in Österreich sind Kinder, Jugendliche und deren Eltern einem größeren Armutsrisiko ausgesetzt als Erwachsene, die nicht für Kinder zu sorgen haben. Diese soziale Ungleichheit, die ich als Ungerechtigkeit empfinde, führt z. B. dazu, dass fast jedes vierte unter-6-jährige Kind (22,1 %) in einer überbelegten Wohnung aufwächst – und das in Österreich, einem der reichsten Länder dieser Welt. In Deutschland betrifft dieses Handicap nicht einmal halb so viele (9,2 %), in Finnland nur 7,7 % und in den Niederlanden sogar nur 2,5 % der Kinder. (2)

Ich habe die aktuelle OECD-Studie, auf die sich die „Presse“ im obigen Zitat bezieht, inzwischen gelesen. Ich zitiere aus ihr: „In Korea, Finland, Norway and Denmark, however, children face a lower risk of poverty compared to the overall population”. (3)

Österreichs Politik und Medien stellen unser Schulwesen und seine LehrerInnen dafür an den Pranger, dass Deutschland, die Niederlande, Südkorea und Finnland im PISA-Ranking vor Österreich landen. Drei Prozent weniger PISA-Punkte sind ihnen wochenlang Schlagzeilen wert, die dreifache Anzahl von Kindern, die in überbelegten Wohnungen aufwachsen, regt sie offensichtlich nicht auf.

Wenn dann unser Schulwesen, das unter den gegebenen Rahmenbedingungen Hervorragendes leistet und seit Jahrzehnten die Basis für Österreichs hohen Wohlstand legt, quasi in einer argumentativen Schubumkehr auch noch als sozial ungerecht diffamiert wird, krönt dies das gefährliche sozialpolitische Versagen.

… letztlich kann man sozialpolitische Fragen nicht nur durch Bildungspolitik lösen. Da muss man auch sozialpolitisch aktiv werden.“ (4) Diesen Worten des Bildungsphilosophen Dr. Matthias Burchardt ist nichts hinzuzufügen.

(1) Österreichs Jugendliche rauchen am häufigsten. In: Presse online vom 14. Oktober 2015.

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 31. Oktober 2015.

(3) OECD (Hrsg.), How’s Life? 2015: Measuring Well-being (2015), S. 152.

(4) Lisa Nimmervoll, Bildungsphilosoph: „Lernen muss nicht Spaß machen“. In: Standard online vom 5. Oktober 2015.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Kinder in der Armutsfalle

  1. Zur Unterstützung des Teams, welches den ÖPU-Wochenspiegel redigiert, poste ich einen [von mir gekürzten] Artikel aus der PRESSE vom 6. November, der es leider nicht mehr in den aktuellen Wochenspiegel geschafft hat:

    http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/4859923/Gesetz-soll-38StundenWoche-fur-alle-bringen?from=suche.intern.portal
    Gesetz soll 38-Stunden-Woche für alle bringen

    05.11.2015 | 20:47 | von KARL ETTINGER (Die Presse)
    Gewerkschafter Katzian fordert nach Jahrzehnten nun den Abschied von der 40-Stunden-Woche. Profitieren würden davon besonders Beamte und Vertragsbedienstete.

    Wien. Genau 40 Jahre nach Einführung der 40-Stunden-Woche in Österreich kommt von Gewerkschaftsseite der Wunsch nach einer Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur durch kollektivvertragliche Regelungen, sondern auch per Gesetz. Statt der nach wie vor geltenden maximal 40 Stunden pro Woche solle die Höchstgrenze „in einem ersten Schritt“ auf 38 beziehungsweise 38,5 Stunden heruntergeschraubt werden. Damit prescht Wolfgang Katzian, Chef der Privatangestelltengewerkschaft und der SPÖ-Gewerkschafter, im Gespräch mit der „Presse“ vor.
    […] Eine gesetzliche Neuregelung käme vor allem Beamten und Vertragsbediensteten im öffentlichen Dienst zugute. Denn für diese große Bedienstetengruppe gilt nach wie vor die 40-Stunden-Woche. […]

    Der Vorstoß für eine gesetzliche Senkung der seit 1975 allgemein geltenden wöchentlichen maximalen Normalarbeitszeit von 40 auf 38 Stunden birgt Sprengkraft. Denn die Umsetzung im gesamten öffentlichen Dienst würde Mehrkosten für den Staat in Milliardenhöhe zur Folge haben. Außerdem war der Abschied von der 40-Stunden-Woche bisher kein vorrangiges Ziel für den Vorsitzenden der Beamtengewerkschaft, Fritz Neugebauer. […]

    Im öffentlichen Dienst ist der Vorsitzende der Gewerkschaft der Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen, Jürgen Rainer, in der „Presse“ schon im März 2011 mit der 38-Stunden-Woche für Lehrer vorgeprescht.

    […]
    © DiePresse.com

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Traurig. In Kindergärten und Pflichtschulen kommt es beispielsweise immer wieder vor, dass Kinder vor Schulausflügen „krank“ werden. Sellbst kleine Beträge können deren Eltern nicht aufbringen.

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