Gerhard Riegler: Die sinkende Qualität

Wie abstrus die Behauptung des „Bildungsexperten“ Dr. Salcher ist, Österreich habe „mittlerweile das zweitteuerste Schulsystem der Europäischen Union mit der Tendenz, dass es unfinanzierbar wird“ (1), habe ich in meinem Kommentar vom 25. September aufgezeigt. Was Dr. Salcher aber mit seiner anschließenden Behauptung, dass unser Schulwesen „in der Qualität sinkt“, gemeint hat, frage ich mich bis heute.

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  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich zu den Staaten gehört, in denen die wenigsten SchülerInnen ihre Schullaufbahn beenden, ohne einen erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II geschafft zu haben? In Finnland ist deren Anteil um mehr als ein Drittel größer, in Italien, dessen Gesamtschulwesen von manchen „BildungsexpertInnen“ als Vorbild propagiert wird, sogar mehr als doppelt so groß. (2)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass Österreich unter allen achtundzwanzig EU-Staaten mit 10,8 % hinter Deutschland die zweitniedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist, während sie im hochgelobten Finnland bereits auf 23,7 %, in Italien sogar auf über 40 % gestiegen ist? (3)
  • Versteht Dr. Salcher unter „sinkender Qualität“, dass in Österreich, Gott sei Dank, nur 9,6 % der 20- bis 24-Jährigen als NEETs („Not in Education, Employment and Training“) auf der Straße stehen, während es in Finnland um die Hälfte mehr und in Italien mit 32,0 % sogar mehr als drei Mal so viele sind? (4)

Das und vieles mehr wird erreicht, obwohl Österreichs Schulwesen zusätzlich zu allen anderen Aufgaben seit Jahren durch die Migration mit Herausforderungen konfrontiert ist, wie sie in dieser Dimension in kaum einem anderen OECD-Staat gegeben sind, und trotz der Tatsache, dass Österreichs LehrerInnen so wenig Supportpersonal zur Seite haben, wie dies in keinem anderen Staat der Fall ist.

Oder sind Dr. Salchers einzige Qualitätsindikatoren PISA-Platzierungen? Und selbst da läge er daneben, wie Mag. Dr. Eckehard Quin in seinem „Faktencheck“ vom 4. Oktober eindrucksvoll dargelegt hat. (5)

Wenn Österreichs Politik auf „BildungsexpertInnen“ setzt, denen es an Wissen oder Ehrlichkeit fehlt, sinken die Chancen der Jugend unseres Landes, sich auch in Zukunft in einer privilegierten Situation zu befinden, um die sie von Gleichaltrigen anderer Staaten beneidet wird. Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann hat es vor einem Jahr in der „Wiener Zeitung“ überaus höflich formuliert: „Bei den von mir kritisierten Bildungsexperten ist der wissenschaftliche Status mitunter ja etwas uneindeutig.“ (6)

Ich möchte Liessmanns Aussage mit einer optimistischen Einschätzung ergänzen: „Die Qualität ihrer Beiträge zur sogenannten „Bildungsdiskussion“ aber kann eindeutig nicht mehr sinken.“ Hoffentlich werde ich nicht eines Besseren belehrt!

(1) Dr. Andreas Salcher, €co, ORF 2 am 17. September 2015.

(2) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(3) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 30. September 2015.

(4) Eurostat-Datenbank, Abfrage vom 6. Oktober 2015.

(5) Eckehard Quin, Faktencheck. In: QUINtessenzen vom 4. Oktober 2015.

(6) Bettina Figl, Interview mit Konrad Paul Liessmann: „Die ideale Schule wäre eine Katastrophe“. In: Wiener Zeitung online vom 9. Oktober 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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